Mehr Mais für Motoren als für Menschen

Trotz der schweren Dürre wird in den USA mehr Mais für die Produktion von Treibstoff verwendet als für die Ernährung. Die UNO will, dass die USA die Ethanol-Produktion stoppen.

Resultat der Dürre im US Bundesstaat Illinois: Ein halb verdorrter Maiskolben.

Resultat der Dürre im US Bundesstaat Illinois: Ein halb verdorrter Maiskolben. Bild: Keystone

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Die schwere Dürre im Mittleren Westen der USA hat die Ernteaussichten noch einmal eingetrübt. Das US-Landwirtschaftsministerium erwartet nun die schlechteste Mais- und Sojaqualität seit 1988 und anhaltend hohe Preise für beide Ackerbauprodukte, mit denen die USA die Weltmärkte versorgen. Verschlimmert wird die Lage zusätzlich durch das Ethanol-Programm. Zum ersten Mal wird mehr Mais zu Treibstoff verarbeitet als zur Ernährung von Menschen und Tieren genutzt.

Der Präsident der Welternährungsorganisation (FAO), José Graziano da Silva, warf den USA in einem Leitartikel in der «Financial Times» vor, die Mangellage noch zu verschärfen. «Ein sofortiger, vorübergehender Stopp des Ethanol-Mandats würde die Märkte etwas entlasten und mehr Mais für die Ernährung von Tier und Mensch freimachen.» Der als Sohn brasilianisch-italienischer Eltern in den USA aufgewachsene da Silva schreibt, die aktuelle Krise habe noch nicht das Ausmass der schweren von 2008 erreicht. Auch seien die UNO und die Länder besser gewappnet als damals. «Doch die Risiken sind hoch; und jede falsche Antwort auf die aktuelle Lage kann diese Risiken provozieren.»

Der Leitartikel war zeitlich exakt auf die Publikation der ersten zuverlässigen Ernteschätzung in den USA angelegt. Tatsächlich musste das US-Landwirtschaftsministerium gestern die schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Die extreme Dürre hat aus einer Rekordernte, wie sie nach den Niederschlägen des Frühlings erwartet worden war, eine magere gemacht. Die Bauern dürften demnach 13 Prozent weniger Mais und 12 Prozent weniger Soja einbringen als letztes Jahr. Das sind die schlechtesten Erträge seit 2006 bzw. 2003. Gleichzeitig ist die Qualität so schlecht wie seit 30 Jahren nicht mehr. Aufgefangen wird dies teils dadurch, dass die Farmer die grösste Anbaufläche seit 1937 angepflanzt hatten, um von den hohen Weltmarktpreisen profitieren zu können.

Fleischproduzenten klagen

Die FAO ist nicht allein mit ihrer Forderung, die Umwandlung von Mais in Ethanol vorübergehend einzustellen. Auch die industriellen Fleischproduzenten finden, dass die Maisverwertung für Automotoren unsinnig ist. Smithfield Foods etwa, der weltweit grösste Produzent von Schweinefleisch, kauft dieses Jahr rund 130 Millionen Bushel (1 Bushel entspricht rund 35 Liter) Mais als Tierfutter, muss dafür aber viermal mehr bezahlen als vor Einführung des Ethanol-Programms. Zum ersten Mal überhaupt sei es billiger, Mais aus Brasilien zu importieren als von den US-Farmern zu kaufen, sagt Smithfield-Chef Larry Pope. Der Konzern sei somit gezwungen, den Bauern im Mittleren Westen ihr garantiertes Einkommen zu entziehen.

Das Ethanol-Mandat ist ein 2005 von der Regierung Bush durchgesetztes Subventionsprogramm für den Mittleren Westen. Unter dem Vorwand, die CO2-Emissionen zu reduzieren, werden die Raffinerien gezwungen, mindestens 9 Prozent der Treibstoffe mit Ethanol anzureichern. Dies führt dazu, dass heute mehr Mais in Automotoren verbrannt (40 Prozent) als für Tiernahrung verwendet wird (36 Prozent).

Obama bleibt hart

Nichts aber deutet darauf hin, dass die Regierung Obama nachgibt. Ohio und Iowa, die beiden grössten Mais- und Soja-Staaten, sind Wackelstaaten in den Präsidentschaftswahlen. Ähnlich wie die Frage der Waffengesetzgebung ist der Kampf gegen die Ethanol-Lobby ein Unterfangen, das Obama nicht wagen wird, Dürre hin oder her.

Die Nahrungsmittelpreise weltweit haben noch nicht den Höchststand des letzten Jahres erreicht; vor allem, weil ausreichend Reis vorhanden ist. Auch ist Weizen nicht so schlimm von den Dürren betroffen wie Mais und Soja. Allerdings beginnen die Bauern in der südlichen Hemisphäre erst jetzt mit der neuen Aussaat, ohne dass sich ein Ende der extremen Wetterausschläge abzeichnet. So haben Sorgen über einen verzögerten Monsun in Indien, die Trockenheit in Australien und Überschwemmungen in Brasilien die Future-Preise für Zucker und Getreide bereits nach oben getrieben. Kein Land aber exportiert mehr Soja und Mais als die USA, und ohne US-Weizen wäre auch die Afrikahilfe gefährdet. Das National Intelligence Council, ein Beratergremium des US-Präsidenten, warnte schon im Mai davor, dass Länder wie Pakistan, Bangladesh, Sudan und Ägypten, die alle existenziell auf Lebensmittelimporte aus den USA angewiesen sind, auch am anfälligsten für soziale Unruhen sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2012, 06:34 Uhr

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