Wirtschaft

«Neue PK-Renten sind 30 Prozent zu hoch»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 08.05.2009

Frust bei den pensionierten Georg-Fischer-Arbeitern, ihnen wird die Rente um einige Prozent gekürzt. Das grosse Problem aber liegt bei den Neurentnern, sagt ein Experte.

(Bild: Ecofin)

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Zur Person

Martin Janssen (60) ist Professor für Finanzmarktökonomie an der Uni Zürich und Leiter der ECOFIN-Gruppe, die in der Beratung grosser Anleger, in der Softwareherstellung sowie als Anbieterin von Vorsorge- und Anlagelösungen tätig ist.

6,1 Prozent weniger Rente bekommen die ehemaligen Arbeiter beim Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer, wie der «Blick» berichtet. Dies, weil die Kasse nur noch einen Deckungsgrad von 88 Prozent aufweist. Im Einzelfall schenkt das ein: Bei einer Rente aus der 2. Säule von 1300 Franken, macht das knapp 80 Franken weniger pro Monat.

Die Kasse von Georg Fischer wird nicht die einzige bleiben. Auch andere Vorsorgeeinrichtungen weisen massive Unterdeckungen auf und werden um Kürzungen nicht herumkommen. Auf die Kassen lauern laut Martin Janssen vom Finanzberatungsdienst Ecofin aber noch drastischere Probleme. Im Interview mit baz.ch/Newsnet erläutert er seine Haltung.

Herr Janssen, werden auch andere Pensionskassen nächstens die Renten kürzen?
Ich habe von anderen Kassen gehört, bei denen das in Diskussion ist. Die Namen dieser Firmen sind noch nicht bekannt.

Bei Georg Fischer beträgt der Abstrich für die Versicherten 6,1 Prozent. Ist das in etwa der zu erwartende Rahmen?
Jede Kasse hat ihre Besonderheiten. Fast alle Kasse haben indes das gleiche Problem: Die seit zirka 1996 gewährten neuen Renten sind - gemessen am angesparten Kapital, an der eigenen Lebenserwartung, am Anlagerisiko und den Kapitalmarktrenditen, zu hoch. Neue Renten sind heute rund 30 Prozent zu hoch.

Wie kommen sie auf diese hohe Zahl?
Die Politik legt den Umwandlungssatz im Obligatorium fest. Dabei werden eine zu tiefe Lebenserwartung und zu hohe Kapitalmarktrenditen unterstellt.

Dann droht schon bald der Kollaps der 2. Säule?
Nein. Dieser Prozess dauert lange. Weil die Kassen mit falschen Zahlen rechnen, weisen sie einen zu hohen Deckungsgrad aus. Effektiv liegt dieser heute im Schnitt höchstens noch bei 90 Prozent, wenn man korrekt rechnet. Ich gehe davon aus, dass wir in 20 Jahren im Durchschnitt bei vielleicht 70 oder 75 Prozent liegen werden. Dann beginnt es problematisch zu werden.

Das tönt aber wirklich dramatisch. Was stärkt Sie in der Annahme, dass das stimmt?
Das würden Ihnen praktisch alle Versicherungsmathematiker so bestätigen, wenn Sie sie vertraulich befragen.

Wieso passiert nichts?
Der Bundesrat will zwar den Umwandlungssatz von heute etwa 7 Prozent bis 2015 auf 6,4 Prozent senken. Allein schon dagegen haben die Gewerkschaften aber Widerstand angekündigt. Ehrlicherweise müsste der Umwandlungssatz aber auf rund 5 Prozent sinken. So berechnet sich auch die genannte Zahl von 30 Prozent. Leider getraut sich - abgesehen von Avenir Suisse - fast keine Institution, diesen Sachverhalt zu thematisieren. Am wenigsten hört man aus dem Parlament, weil sie Angst haben, Wähler zu verlieren.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.05.2009, 22:07 Uhr

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