Wirtschaft
Nichts wie hin
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 17.01.2011 6 Kommentare
Artikel zum Thema
- Eurokurs sinkt gegenüber Dollar auf tiefsten Stand seit dem 1. Dezember
- Eurokurs von 50 Rappen? In der Schweiz steigt die Nervosität
- Schweizer Konsumenten profitieren kaum vom tiefen Eurokurs
Frühbucher fahren besser: Badetouristen am Mittelmeer. (Bild: Keystone )
Walter Kunz
Der 49-Jährige ist seit 1999 Geschäftsführer des Schweizerischen Reisebüroverbandes. Der Verband zählt 833 Mitglieder, die 80 Prozent des gesamten Umsatzes repräsentieren.
Reisemarkt
Konkurrenz aus dem Norden
Im Internet bahnt sich eine Offensive deutscher Anbieter an.
Reiseanbieter aus dem nördlichen Nachbarland sind auf dem Schweizer Markt eigentlich nichts Neues. Der Schweizer Ableger des deutschen Riesen TUI operiert als TUI und 1-2-Fly, und auch der Direktanbieter Vögele Reisen gehört dazu. Seit 2006 kooperiert Coop mit Rewe im Reisebereich und tritt in der Schweiz als ITS Coop auf. Und schliesslich ist FTI Touristik in Basel präsent.
Auch im Internet, wo heute vier von zehn Reisen gebucht werden, sind deutsche Anbieter bereits heute zuhauf aktiv. Neckermann etwa gehört zum britischen Giganten Thomas Cook und schreibt die Preise auf der Schweizer Internetadresse in Euro aus. Hinzu kommen Internetanbieter und Vergleichsportale wie Holiday Check, Expedia oder Travel24.com. «Dreistellige Millionenbeträge werden so Schweizer Veranstaltern entzogen», schreibt das Fachmagazin «Schweizer Touristik».
Laut Cornel Küng von der Schweizer Niederlassung von Amadeus, einem global tätigen Dienstleister für die Reiseindustrie, hätten die deutschen Anbieter Schweizer Kunden bisher sozusagen «en passant» mitgenommen – ohne zu investieren und ohne sie direkt anzusprechen. Jetzt stehe man aber am Anfang einer aktiven Marktbearbeitung, vor allem im Segment der Pauschalreisen.
Küng sieht dafür drei Gründe:
Die Technik ermöglicht heute ein dynamisches Paketieren: Angebote von Airlines und Hotels würden tagesaktuell verbunden und angeboten. Onlinereisebüros können so im Massengeschäft günstige Angebote machen.
Der zunehmend gesättigte deutsche Markt veranlasst viele zur Expansion ins Ausland. Dank hoher Reiseintensität und hoher Kaufkraft ist die Schweiz ein sehr lukrativer Markt.
Der Internetvertrieb wurde hierzulande eher stiefmütterlich behandelt.
Thomas Stirnimann, Chef von Hotelplan Suisse, nimmt das Erstarken der deutschen Konkurrenz gelassen hin. «Wir sind in einem offenen Markt. Die Deutschen verkaufen in der Schweiz, und wir – wenn auch weniger vehement – im süddeutschen Raum.» Roland Zeller, Geschäftsführer von Travel.ch, sieht sogar Chancen für Schweizer Anbieter: «Gerade bestimmte fokussierte Spezialisten könnten ennet der Grenze gute Marktchancen haben.» So habe Travel.ch das Büro in Wien erst gerade auf fünf Mitarbeiterinnen aufgestockt. (meo)
Der Euro kostet weniger als 1.30 Franken. Lassen viele Leute das Schweizer Reisebüro links liegen und buchen ennet der Grenze?
Nein. In den Schweizer Katalogen, die Anfang Jahr erschienen sind, wurde mit einem Euro bei rund 1.29 Franken und einem Dollar von circa 1 Franken gerechnet. Damit sind Ferien dieses Jahr 10 bis 20 Prozent günstiger als 2010. Griechenland, das als Folge der Unruhen letztes Jahr Einbussen erlitt, ist bis zu 30 Prozent günstiger. Die Schweizer Reisebüros und der Schweizer Konsument haben lange nicht mehr so gute Voraussetzungen gehabt.
Schlägt sich das schon in den Buchungen nieder?
Dazu ist es noch etwas früh. Aber ich bin sicher, dieses Jahr wird auch der eine oder andere, der sonst zu Hause Ferien macht, eine Auslandsreise ins Auge fassen. Denn beim Euro und beim Dollar wissen wir nicht, wie lange die Kurse so tief bleiben werden. Auf lange Frist werden die sich wieder erholen.
Wie profitiere ich am meisten vom starken Franken, wenn ich meine Ferien im Reisebüro buche?
Vorteile haben Sie insbesondere, falls Euro oder Dollar bis zum Sommer noch steigen sollten. Den Preis Ihrer Reise haben Sie ja fixiert. Ich rechne dieses Jahr mit Zusatzangeboten, weil die Nachfrage grösser sein wird als die bestehenden Kapazitäten. Diese könnten dann durchaus wieder teurer sein, sodass Frühbucher besser fahren würden.
Das würde ich in Ihrer Position auch sagen. Aber auch das Umgekehrte kann eintreffen.
Das ist so. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wo die Börse im Mai stehen wird. Die grosse Konkurrenz zwingt die Anbieter jedenfalls dazu, die Preise anzupassen, wenn es Gründe dafür gibt. Wird ein Hotel 30 Prozent günstiger, kann der Tour Operator nicht bloss 20 Prozent weitergeben und den Rest für sich behalten. Zur Konkurrenz unter den traditionellen Anbietern kommen die Direktbucher und das Internet hinzu: Travel.ch von Hotelplan, Kuoni und Flexreisen von TUI Suisse im Bereich Städtereisen passen ihre Preise im Internet wöchentlich oder gar permanent an.
Wie viel verlieren die Reisebüros durch Online- und Direktbucher?
Da muss man unterscheiden. Wer zum Beispiel bei Travel.ch oder Ebookers.ch bucht, reist ebenfalls mit Mitgliedern unseres Verbandes. Auch die grossen Veranstalter nutzen den Onlinekanal. Deshalb lässt sich kaum sagen, wie viel durch das Internet wirklich wegfällt und wie viel einfach auf anderen Wegen bei einem Reisebüro gebucht wird. Zudem: Auch vor der Erfindung des Internets suchte weniger als ein Drittel der Bevölkerung regelmässig ein Reisebüro auf.
Doch erst durch das Internet wurde das direkte Buchen richtig einfach.
Ja, mit den entsprechenden Risiken. Ein Bekannter hat auf eigene Faust einen Flug nach Florida und eine Kreuzfahrt in der Karibik gebucht. Dann wurde der Flug abgesagt, der Mann konnte nicht fliegen, und die Kreuzfahrtgesellschaft forderte Annullationsgebühren von 100 Prozent. Hätte er das ganze Paket im Reisebüro gebucht, wäre dieses dafür aufgekommen.
Wie beeinflusst die Euro- und Dollarschwäche die Reisetrends 2011?
Sehr gefragt sind Kanada und die USA. Wer durch das Land reist und etwa die Mahlzeiten selber zahlt, profitiert doppelt von der Dollarschwäche. Asien wird durch den tiefen Dollar auch günstiger. Aber das bringt der Konsument weniger direkt in Verbindung damit. Deshalb ist die Zunahme in diese Richtung etwas weniger frappant.
Und im Euroraum?
Weil hier kurzfristiger gebucht wird, ist das noch kaum zu sagen. Bei Griechenland frage ich mich, ob die tiefen Preise reichen werden, um nach den Streiks im letzten Jahr wieder Touristen in grosser Zahl ins Land zu locken. Spanien und die Balearen hatten 2010 ein sehr gutes Jahr, und trotzdem blieben die Preise in Euro stabil, weil die eigene Wirtschaft kriselt. Deshalb bleibt auch diese Region für Schweizer Touristen sehr attraktiv.
Lohnt es sich, jetzt Euro zu kaufen, um günstigere Ferien zu haben?
Da sind wir wieder beim Vergleich mit der Börse. Sinkt der Euro noch tiefer, lohnt es sich nicht, im anderen Fall ja. Aber der Rückgang von 1.60 auf 1.30 erfolgte ja nicht in wenigen Wochen, und deshalb dürfte es bis zum Sommer keine massiven Veränderungen geben. Wenn Sie 1000 Euro für 1.30 statt 1.35 kaufen, sparen Sie ganze 50 Franken.
In der Schweiz gehen jedes Jahr etwa 100 Reisebüros ein, viele sind nur knapp rentabel. Weshalb?
Die Branche erzielte lange Zeit eine Rendite von rund 2 Prozent; liegen wir höher, sind wir schon sehr zufrieden. Doch 2009 fiel die Marge als Folge der Finanzkrise von 2,1 auf 0,8 Prozent. Ein grosses Unternehmen kann solche Rückschläge absorbieren. Kleinere, die vielleicht nur geringe Reserven haben, sind verletzlicher. Und am verletzlichsten sind Spezialisten. Als Folge der Unruhen wird ein Tunesien-Spezialist dieses Jahr Mühe haben. Aber diese Risiken geht man als Spezialist ein. Bei jenen, die sich auf Ägypten spezialisiert hatten, kam das Geschäft nach den Anschlägen vor ein paar Jahren auch fast zum Erliegen.
Nicht nur Spezialisten geben auf.
Wir hatten lange Zeit viel zu viele Reisebüros – auch solche mit unqualifizierter Leitung. Eine gewisse Schrumpfung ist deshalb gesund. Der Kuchen wird nicht grösser, und wenn man ihn durch weniger teilen muss, hat der Einzelne mehr davon. Die Zahl der Verbandsmitglieder ist im Übrigen in 10 Jahren lediglich von 880 auf 833 gesunken. Die meisten Schliessungen betrafen also Firmen, die nicht beim Verband waren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.01.2011, 22:18 Uhr
Kommentar schreiben
6 Kommentare
Wirtschaft
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!




