Nur ein schwacher Euro ist ein guter Euro

Trotz Sparbemühungen und Rettungsbeschlüssen steuert die Einheitswährung ungebremst nach unten. Notiert der Euro bald 1:1 zum US-Dollar? Gerade das könnte Europas Rettung sein.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Dollarkurs des Euro gilt als Krisenindikator schlechthin: Beschliessen Europas Staatschefs Rettungsmassnahmen für die Krisenstaaten, so wertet sich die Einheitswährung auf. Als nach dem EU-Gipfel Ende Juni etwa Spaniens Bankenrettung in Sichtweite kam, legte der Euro prompt um zwei Cent gegenüber dem US-Dollar zu. In den letzten Tagen war die Umkehrbewegung zu beobachten: Wegen schlechter Nachrichten aus Spaniens Regionen und Zweifeln über Italiens Standfestigkeit rutschte die Währung talwärts. Aktuell steht der Euro bei 1.21 Dollar – nur zwei Cent entfernt vom langjährigen Tiefstand von 1.19, den der Euro im April 2010 erreichte.

Diese Marke gilt als psychologische Barriere. Dass sie noch in diesem Quartal durchbrochen wird, halten manche Beobachter für wahrscheinlich. «In Europa ist ein Flächenbrand ausgebrochen», schreibt etwa Analyst Justin Burkhard auf dem Blog Zerohedge. Griechenlands drohender Währungsaustritt sowie weitere Länder-Abstufungen oder EZB-Zinssenkungen könnten den Euro weiter schwächen, meinen die Autoren des Analystennetzwerks Econmatters. Dass die europäische Währung binnen Jahresfrist zur Parität von 1:1 gegenüber dem US-Dollar gehandelt wird, mag heute niemand mehr ausschliessen.

Zeit kaufen für Reformen

Für die Eurozone könnte sich gerade dieses Szenario indes als Glücksfall erweisen. Denn ein schwacher Euro mildert die Rezession: Wie der Chefökonom des IWF, Olivier Blanchard, kürzlich vorrechnete, hätte eine zehnprozentige Abwertung des Euro einen einmaligen Wachstumseffekt von rund 1,4 Prozent auf das BIP der Währungsunion zur Folge. Schätzungen der OECD legen einen Boost von 0,8 Prozent nach einem Jahr und von 0,9 Prozent nach zwei Jahren nahe. Der Effekt wäre Balsam für das krisengeschüttelte Euroland, dessen Gesamt-BIP dieses Jahr gemäss Prognosen des IWF um 0,3 Prozent schrumpfen soll.

«Eine stärkere Aussennachfrage würde den Peripherieländern Zeit für Strukturreformen verschaffen», schreiben die Ökonomen von Bank of America Merill Lynch in einem Forschungsbericht. Seit der Einführung des Euro hat etwa Italien um 20 Prozent an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA eingebüsst. Mit einem billigeren Euro hätten Italiens Unternehmen wieder bessere Chancen, ihre Produkte auf dem Weltmarkt loszuwerden. Daten von Bloomberg zufolge gehen rund 47 Prozent von Italiens Exporten in Destinationen ausserhalb der EU.

Profitiert Deutschland, profitiert Europa

Europas Exportweltmeister heisst aber nicht Italien, sondern Deutschland. Würde ein schwächerer Euro angesichts dessen überhaupt etwas nützen? Eine Gegenüberstellung Deutschlands mit den europäischen Peripherieländern lässt diesen Schluss durchaus zu: Wann immer Deutschlands Exporte in Nicht-Euroländer in der Vergangenheit anzogen, legten auch die Exporte der Peripherieländer zu – und zwar nach Deutschland selbst. Die externe Nachfrage fliesst quasi durch Deutschland hindurch in die Krisenländer: Seit 2009 lässt sich dieser Effekt beinahe eins zu eins nachverfolgen. Ein schwacher Euro hilft demnach ganz Europa, auch wenn er die internen Unterschiede auf die Schnelle nicht wettmacht.

Gemessen an den Lohnstückkosten weisen Portugal, Spanien oder Italien einen Produktivitätsrückstand von 20 bis 40 Prozent auf Deutschland auf. Der Abbau dieser Unterschiede ist schmerzhaft und braucht Zeit – denn als Medizin stehen nebst produktivitätssteigernden Investitionen nur Lohn- und Preissenkungen zur Verfügung. Deutlich einfacher zu bewerkstelligen wäre der Ausgleich, wenn ganz Europa konjunkturellen Aufwind erfahren würde: Dann könnten Preis- und Lohnerhöhungen in den nordeuropäischen Ländern einfacher vollzogen werden. Auch wenn dies keine Linderung von heute auf morgen verspricht: Die Konvergenz innerhalb der Währungsunion würde durch einen tieferen Eurokurs wohl erheblich erleichtert.

Es gibt noch Raum nach unten

Allein: Ohne Strukturwandel in Ländern wie Italien hilft auch dies wenig. Deutschland exportiert gegen 30 Prozent seiner Güter in Länder ausserhalb der Eurozone. In Spanien, Frankreich, Portugal oder Griechenland liegt dieser Anteil bei rund der Hälfte. Von Deutschlands Exporten gehen knapp 7 Prozent der Exporte in die USA, knapp 6 Prozent nach China. Bei Italien machen die USA knapp 6 Prozent aus, nach China gehen weniger als 4 Prozent der Güter: «Zu wenig», um die Exportschwäche in Industrieländer wettzumachen, wie der Präsident der italienischen Kleidungsindustrie, Mario Boselli, jüngst dem «Wall Street Journal» sagte.

Dass es mit einem schwachen Euro alleine nicht getan ist, zeigt auch das Beispiel von Irland. Im einstigen «Tigerstaat» wollen die Exporte nicht richtig anlaufen – trotz der Tatsache, dass der Euro übers letzte Jahr hinweg bereits 10 Prozent an Wert zum Dollar verloren hat. Auch gegenüber dem britischen Pfund, der Währung von Irlands wichtigstem Partnerland, steht der Euro auf einem vierjährigen Tief.

Spricht dies nun gegen die Theorie der nützlichen Euro-Abwertung? Vielleicht muss die Einheitswährung einfach noch weiter fallen. Gemessen an der Kaufkraftparität liegt der Euro noch immer im Gleichgewicht zum US-Dollar: Von einer Unterbewertung um 20 bis 30 Prozent – historisch wäre dies keine Seltenheit – ist der Euro beim aktuellen Kurs von 1.21 noch weit entfernt. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.07.2012, 14:47 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Moody's senkt Ausblick für Deutschland

Auch Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg droht laut der Ratingagentur Gefahr durch die europäische Krise. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone könnte eine Kettenreaktion auslösen. Mehr...

Italien zittert, weil Spaniens Wirtschaft schrumpft

Die Eurokrise ist wieder akut: Spanien leidet unter verschärfter Rezession, steigenden Zinsen und pleitebedrohten Provinzen. Der Platz unter dem Rettungsschirm könnte knapp werden. Mehr...

Spanien drohen griechische Verhältnisse

Die Zinsen für Staatsanleihen haben Rekordhöhe erreicht. Die Menschen gehen auf die Strasse. Institutionen, Parteien und das Königshaus sind nicht mehr glaubwürdig. Mehr...

Im Gleichgewicht: Euromünze auf einem Dollarteppich. (Bild: Reuters )

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Smoke on the Water: Rauch steigt auf über einer Fabrikanlage in einem Vorort von Lille (5. Dezember 2016).
(Bild: Denis Charlet) Mehr...