Wirtschaft

Offener Streit in der amerikanischen Zentralbank

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 15.10.2009

Die sonst höchst verschwiegenen Notenbanker des Fed überraschen die amerikanische Öffentlichkeit mit konträren Ansichten zur Geldpolitik. Ökonomen rätseln über die wahre Ursache des Disputs.

Die US-Zentralbanker streiten sich öffentlich über die Geldpolitik: Fed-Chef Bernanke, Kritiker Paul Krugman

Die US-Zentralbanker streiten sich öffentlich über die Geldpolitik: Fed-Chef Bernanke, Kritiker Paul Krugman
Bild: Keystone

An der Spitze der amerikanischen Notenbank wird seit Wochen offen darüber gestritten, wie es mit der Geldpolitik weitergehen soll. Damit verletzten die Verantwortlichen des Federal Reserve eines der wichtigsten Gebote jeder Zentralbank: nach aussen glasklar und unzweifelhaft zu kommunizieren. Denn widersprüchliche Aussagen darüber, wie sich die Leitzinsen entwickeln, können auf den Märkten für Verwirrung sorgen. Das führt zu unerwünschten Ausschlägen bei Vermögensanlagen wie Aktien, Obligationen und Immobilien.

Hintergrund der Debatte sind Inflationsängste. Der Leitzins des Fed ist mit 0 bis 0,25 Prozent historisch einmalig tief angesetzt. Darüber hinaus versorgt die Notenbank die Wirtschaft auch mit weiteren unkonventionellen Mitteln mit Geld. Eine starke Zunahme der Geldmenge aber kann zu einem Anstieg des Preisniveaus führen.

Die Argumente gehen auseinander

Diese führt nun dazu, dass einige Entscheidungsträger des Fed über eine Straffung der Geldpolitik nachdenken. Andere sehen diese Gefahr aber gar nicht.

  • Das Lager der Pessimisten: Die Zunahme der Geldmenge zusammen mit dem drastischen Zerfall des Dollars bestärkt sie in ihrem Glauben. Auch der Anstieg der Aktienmärkte könnte als Zeichen dafür interpretiert werden, dass es mit der amerikanischen Wirtschaft bald wieder deutlich aufwärts geht – und damit auch mit den Preisen.
  • Das Lager der Optimisten: Doch die Gegner einer Verknappung der Geldmenge haben gewichtige Argumente auf ihrer Seite: Von einer allgemeinen Preissteigerung ist bisher weit und breit nichts zu sehen. Im laufenden Jahr wird die Inflation in den USA gemäss einer Schätzung des Wirtschaftsfachblattes «Economist» mit -0,4 Prozent sogar negativ ausfallen. Angesichts einer aktuellen Arbeitslosigkeit von 9,8 Prozent und der Erwartung, dass sie noch weiter steigt, wird auch kaum ein Preisdruck aufkommen. Die «gewöhnliche», konjunkturunabhängige Arbeitslosenquote in den USA beträgt etwa 4,8 Prozent. Das bedeutet, dass die Nachfrage bei weitem nicht ausreicht, um die Kapazitäten der US-Wirtschaft auszulasten. Auch deshalb werden die Preise kaum steigen. Viele Ökonomen halten deshalb die Gefahr einer Deflation nach wie vor für real.

Was denkt der Chef?

Welche Position der Chef des Fed, Ben Bernanke, einnimmt ist unklar. Er hat sich bisher nicht eindeutig auf die eine oder andere Seite geschlagen. In den Blogs der Ökonomen ist eine Auseinandersetzung darüber ausgebrochen, was die wahre Ursache des öffentlichen Zwists der Notenbanker sein könnte. Eine Vermutung ist, dass der ganze Streit eine abgekartete Sache sei. Die Warnungen vor einer bald zu verschärfenden Geldpolitik durch einige der Notenbanker habe nur einen Zweck: Spekulanten auf den Finanzmärkten davon abzuhalten, wieder mit viel fremden Geld hochriskante Wetten einzugehen. Höhere Zinsen würden ihnen die Suppe versalzen.

Doch es finden sich auch härtere Kritiker. So etwa der letztjährige Nobelpreisträger Paul Krugman. In einer seiner regelmässigen Kolumnen in der «New York Times» sowie auf seinem Blog kritisiert er die Chefs des Fed heftig. Für ihn sind ihre Aussagen Ausdruck einer Mentalität, wie sie die Notenbankchefs während der Grossen Depression der 1930er Jahre schon an den Tag gelegt hätten. Dass deren Politik des knappen Geldes die Depression verlängert hat, gilt heute weitgehend als unbestritten: «Wenn wir der modernen Version der Vorurteile unserer Grossväter nachgeben, würde das zum schlimmsten führen: einer längeren Zeit mit kleinem Wachstum und einer sehr hohen Arbeitslosigkeit», schreibt Krugman. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.10.2009, 19:37 Uhr

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