Wirtschaft
Ohne Alternative
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 19.10.2011 29 Kommentare
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In den Achtzigerjahren krempelte die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihr Land komplett um: Privatisierungen, Steuersenkungen, Zerschlagung der Gewerkschaften. Und als neues Herzstück Britanniens: ein entfesselter Finanzplatz.
Als Begründung genügte ihr ein knapper Satz. Er wurde so berühmt, dass er abgekürzt wurde: Tina. Er lautete: «There is no alternative.»Dieser Satz könnte als Motto über den letzten 30 Jahren Politik stehen. Oder über den letzten 30 Tagen. Die Communiqués der sich jagenden Gipfel, die Vorschläge von Professoren, Politikern, Finanzprofis atmen alle denselben Geist: Tina.
Politiker liefern Flickwerke
Kein Wunder, denn die Krisenmedikamente sind so radikal wie die kühnsten Träume Thatchers. Staatsbankrotte, Rettungsschirme, Verstaatlichungen, Europäische Wirtschaftsregierung, Sparkurse – alles milliardenteuer, superriskant, aber sofort zu tun. Das Furchterregendste dabei: Alle Vorschläge sind anders. In der Krise herrscht ein Chaos an Analysen und Massnahmen. Jetzt, da man sie braucht, liefern die Experten Verwirrung und die Politik Flickwerk.
Die Finanzkrise kostet Millionen von Jobs und Billionen von Dollars. Aber im Kern ist sie nicht zuletzt eine intellektuelle Krise.
Warum diese Verwirrung der cleveren Köpfe? Warum die Ohnmacht der Politik? Die Antwort liefert ein neues Buch. Sein Autor arbeitet fast wie bei der Feuerwehr: Als Wirtschaftschef bei Tagesanzeiger.ch/Newsnetz kommentiert Markus Diem Meier die rollende Krise im Tempo eines Kriegsreporters.
Die Ideologie der Elite
Sein Buch «Auf Crash-Kurs» hingegen hat die weite Sicht, die Klarheit und die Kühle eines Herbsttags. Die Grundthese des Buchs ist, dass man das Platzen einer 30 Jahre dominierenden Ideologie erlebt, für die es eine klare Praxis und kaum eine präzise Theorie gibt: Neoliberalismus.Neoliberalismus hat, wie Diem Meier zeigt, nur sehr schwammige Wurzeln: Ökonomen waren sich selbst über die Definition nie einig. Umso machtvoller wirkte er als Set einfacher Faustregeln in der Praxis: Staatliche Eingriffe sind immer schlecht. Ausser, sie helfen den grossen Konzernen. Und vor allem dem Finanzsektor.
Neoliberalismus, so Diem Meier, funktioniert vor allem als Eliten-Ideologie. Gelehrt an den besten Universitäten, mit den glühendsten Anhängern in den besten Kreisen, entwickelten sich seine Dogmen so kraftvoll, dass nach seiner Implosion 2008 keine alternativen Denkmodelle mehr da waren. Und keine alternative Elite.
Beim Fast-Crash des Finanzsystems etwa stellten die Top-Ökonomen fest, dass sie kein Modell dafür hatten. Fünf Jahre davor hatten die Cracks der Zunft gefeiert, dass die Ökonomie alle Probleme gelöst hätte: Durch hochmathematische Modelle perfekter Märkte und clevere Finanzinstrumente, die, solange die Politik keinen Unfug machte, ewig rund liefen. Laut vielen Nobelpreisträgern hätte es die Krise schlicht nie geben dürfen. Und wenn doch? Für diesen Fall hatten sie keine Idee, was man tun könnte. Da alle Eingriffe in die Perfektion der Märkte als Problem galten.
Selbstzerstörung der Politik
Diese Modelle hatten zu zwei Dingen geführt: Zum einen dienten sie als grandiose Rechtfertigung für Derivate, Boni, Steuergeschenke. Denn der Markt regelte das. Offensichtlich glaubten die Banken ihrer eigenen Propaganda – und rasten blind in die Krise.
Zum Zweiten führten 30 Jahre Zeitgeist zu einer Selbstaufgabe der Politik: Diese folgte (eher bescheiden bezahlt) dem Glanz des grossen Geldes, den sie für grosse Könnerschaft hielt. Diem Meiers schlagendstes Beispiel ist das Kapitel über die Konstruktion des Euro in den Neunzigerjahren: Man rechnete nur mit Gewinnen in dem neuen, riesigen Markt. Aber nicht mit Krisen. Also schuf man eine Zwangsjacke, mit der man die zwei wichtigsten wirtschaftspolitischen Steuerungsinstrumente der Mitgliedsländer ersatzlos abschaffte: eigene Zinsen und Währungen. Nun sitzen die Staaten eines reichen Kontinents hilflos gemeinsam in der Falle.
Das wirklich Schlimme, so Diem Meier, ist nicht einmal die Krise selbst, sondern das politische Vakuum danach. So greift die Politik mal auf kapitalismuskritische Floskeln zurück, mal auf die alten, gescheiterten Rezepte: Etwa, wenn man Wirtschaften in Rezession in harte Sparprogramme zwingt. Und damit vollends abwürgt. Ohne Orientierung benutzt man weiter den kaputten Kompass.
Was also tun? Das Buch von Diem Meier rät hier nicht viel. Es sieht nur genau hin. Und zeichnet kühl, klar, verständlich die Konstruktionsfehler bei Banken, EU und USA nach. Wer es liest, fängt an, sich zu fürchten. Aber er weiss, was los ist.
Markus Diem Meier: Auf Crash-Kurs. Zürich 2011. 29.90 Franken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.10.2011, 19:46 Uhr
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Fürchten? Wovor? Geld kann man nicht essen. Und dass die Zivilgesellschaft lernen muss, ihr wirtschaftliches Rückgrat umfassend wieder bewusst zu organisieren, anstatt sich blind einer esoterischen unsichtbaren Hand anzuvertrauen, tut ihr nur gut. Endlich sind wir gezwungen, aus dieser strukturierten Verantwortungslosigkeit heraus zu wachsen. Alternative Konzepte gibt es sehr viele. Antworten
Hirnlose Politiker und Banker! Eine explosive Mischung und keine Alternative. Dummheit, Überheblichkeit und die Gier als Antrieb. Gute Nacht Freunde! Stocken sie bitte ihren Notvorrat auf und zum finanziellen Überleben gehört ein bisschen Gold in Depot. Antworten
Wirtschaft
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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