Wirtschaft

Operation gelungen – Patient tot

Aktualisiert am 09.06.2011 60 Kommentare

Griechenlands Spartherapie ist rekordverdächtig, doch sie wirkt nicht. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Das Land braucht keine Fastenkur – im Gegenteil.

Die Wut der Griechen steigt: Demonstrant vor der griechischen Postbank. (2. Juni 2011)

Die Wut der Griechen steigt: Demonstrant vor der griechischen Postbank. (2. Juni 2011)
Bild: AFP

Griechenland braucht mehr Geld

Griechenland benötigt nach Ansicht von Finanzminister Wolfgang Schäuble ein weiteres Hilfspaket in Höhe von 90 Milliarden Euro. Das sagte der CDU-Politiker während einer Sondersitzung der Unionsfraktion in Berlin. Die neue Hilfe solle sich auf den Zeitraum bis 2014 erstrecken. Die Fraktionen von FDP und Union waren am Abend zusammengekommen, um das weitere Vorgehen in der griechischen Schuldenkrise zu besprechen. Schäuble und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterrichteten die Abgeordneten über ihre Ansichten in der Sache.

Nach Einschätzung der sogenannten Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) hat Griechenland keine Chance, bald wieder an den Kapitalmärkten Geld zu bekommen. «Griechenland wird wahrscheinlich nicht in der Lage sein, 2012 auf die Märkte zurückzukehren», heisst es in dem Prüfbericht der drei Institutionen, der dem «Handelsblatt» (Donnerstagausgabe) vorliegt. Die Kosten einer Marktfinanzierung seien weiterhin nicht tragbar.

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Das umstrittene Sparprogramm der sozialistischen Regierung treibt die Menschen in Athen und Thessaloniki auf die Strassen.

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Die Lage in Griechenland ist paradox: Der Staat spart auf internationalen Druck hin, dass es quietscht. Seine Neuverschuldung drückte er im vergangenen Jahr von 15,5 auf 10,5 Prozent an der Jahreswirtschaftsleistung. Diese Defizitsenkung um fünf Prozentpunkte ist weltrekordverdächtig. Und doch gesundet das Land nicht. Die Wirtschaft schrumpft weiter, die Menschen verarmen - und der Schuldenberg wächst trotzdem. Das Land scheint in eine Abwärtsspirale zu geraten. Was machen die Griechen falsch?

Offenbar haben sie die Lehren aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 und deren erfolgreiche Anwendung nach der Finanzkrise von 2008 nicht beherzigt. Auch 1929 und in den Folgejahren sparten die Staaten drastisch. In Deutschland stand dafür die Regierung des damaligen Kanzlers Heinrich Brüning. Ihre Sparprogramme 1930/31 verschlimmerten die Wirtschaftskrise. Sie waren prozyklisch, verstärkten also den negativen Zyklus. Das Ende vom Lied waren sechs Millionen Arbeitslose und die Übernahme der Macht durch die nationalsozialistische Diktatur 1933.

Wenn Sparsamkeit schadet

Die Wirtschaftswissenschaftler sprechen vom Sparparadox: Wenn ein einzelner Haushalt seine Ausgaben verringert, kann er sparen, hat also höhere Zinseinnahmen. Wenn das alle Haushalte gleichzeitig tun, sinkt die Nachfrage nach Gütern, somit die Produktion, die Beschäftigung und das Einkommen. Ähnliches gilt auch für den Staat, wie der britische Ökonom John Maynard Keynes 1936 herausfand.

Als Konsequenz aus 1929 wurde 2008 in den USA und Europa zur Bekämpfung der Finanzkrise kurzfristig die Konjunktur angekurbelt, indem die Staatsausgaben stiegen. Diese Politik hat funktioniert, da sind sich die Wirtschaftswissenschaftler einig. In Deutschland schrumpfte die Wirtschaft 2009 um fast fünf Prozent, die Konjunkturprogramme wurden aufgelegt. Danach wuchs sie 2010 um satte 3,6 Prozent und diesem Jahr offenbar auch um über 3,0 Prozent.

Weniger Schulden dank höherer Ausgaben

Die Folgen für die deutsche Verschuldung: Für 2010 war ursprünglich ein Staatsdefizit von 80 Milliarden Euro geplant, es wurden am Jahresende aber «nur» 44 Milliarden Euro. Ohne dass der Bund ein Sparprogramm fuhr.

Im November 2010 noch rechnete Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit einem Defizit von 48,4 Milliarden Euro für 2011. Doch das Wachstum ist so stark, dass er in den ersten vier Monaten lediglich 8,5 Milliarden neue Schulden aufnehmen musste. Geht das Jahr so weiter, würde die Neuverschuldung am Ende bei 25,5 Milliarden Euro landen. Das wäre dann nur noch etwa ein Prozent der Jahreswirtschaftsleistung.

Klotzen statt kleckern

Griechenlands Regierung dagegen musste in der Krise auch noch sparen. Damit schrumpfte die Wirtschaft 2010 um kräftige 4,5 Prozent. Dies dürfte sich Schätzungen der EU-Kommission zufolge auch 2011 fortsetzen. Damit verdüstern sich die Aussichten auf weitere Sparerfolge in den nächsten Jahren.

Eigentlich wäre es also notwendig, ein Wachstumsprogramm für das Land aufzulegen, damit die Steuereinnahmen steigen, die Sozialausgaben sinken und dann in Folge endlich auch das Defizit sinkt. Dafür sind Investitionen erforderlich. Angesichts der europaweiten Debatte um die Energiezukunft könnten in Griechenland etwa Solaranlagen oder Windräder gebaut und der Strom exportiert werden.

Für weitere Ideen sind die Athener Regierung, die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank und die Bundesregierung bestimmt dankbar. Adresse des Bundesfinanzministeriums: Wilhelmstrasse 97, 10117 Berlin. (ami/dapd)

Erstellt: 09.06.2011, 00:00 Uhr

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60 Kommentare

Viktor Hasler

09.06.2011, 00:54 Uhr
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Hat die Nachtwache jetzt ein Journalisten-Login für die Internetplattform beim Tagesanzeiger? Was passiert beim Tagi, wenn die Praktikanten am Puppenspielen sind? Gute Antworten bitte an:
Tages-Anzeiger Online
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Wer´s nicht mitgekriegt hat: Griechenland hat die ganzen letzten Jahre Geld verpulfert, geklotzt, statt gekleckert und es hat nichts gebracht ausser dem Bankrott..
Antworten


Martin Holzherr

09.06.2011, 01:26 Uhr
Melden 30 Empfehlung

Keynes antizyklisches Rezept wirkt für Griechenland nicht, weil dem Wachstum vor der Krise in Griechenland die reale Basis fehlte. Wenn Deutschland in der Krise Schulden macht, sind diese Schulden angelegtes Kaptial. Tut Griechenland das Gleiche, sind die Schulden reine Konsumausgaben. Der griechische Staat steht zudem der Wirtschaft im Weg.Prognose: Umschuldung oder zurück zur Drachme. Antworten



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