Wirtschaft

Risikofaktor China

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 18.10.2011 21 Kommentare

Chinas Wirtschaft ist im Jahresvergleich um 9,1 Prozent gewachsen. Das klingt nach viel, ist aber bereits Anlass zur Sorge vor einem Einbruch der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt.

Die Gefahren der wirtschaftlichen Überhitzung von Chinas Wirtschaft schlagen erst im Abschwung deutlich durch: Eine Passantin läuft vor einem Plakat mit Geschäftshäusern in Peking vorbei.

Die Gefahren der wirtschaftlichen Überhitzung von Chinas Wirtschaft schlagen erst im Abschwung deutlich durch: Eine Passantin läuft vor einem Plakat mit Geschäftshäusern in Peking vorbei.
Bild: Keystone

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Um 9,1 Prozent hat die Wirtschaft Chinas im Vergleich zum Vorjahr im dritten Quartal 2011 zugelegt. Dies hat das staatliche chinesische Statistikamt heute vermeldet. Obwohl ein solches Wachstum aus der Sicht entwickelter Länder geradezu gigantisch anmutet – das Jahreswachstum der Schweiz beläuft sich auf rund 2,3 Prozent – zeigt sich die internationale Finanzpresse im Fall von China besorgt. Angesichts der Ängste um die Konjunktur in den reichen Ländern des Westens, besonders in Europa und den USA, wäre ein kommender Einbruch der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt eine düstere Nachricht.

Wachstumsraten können nicht absolut verglichen werden. Bei ärmeren, aufholenden Ländern wie China ist ein höheres Wachstum im Vergleich zu entwickelten Ländern der Normalfall. Anders gesagt würden dort Wachstumsraten, die in der Schweiz für eine florierende Konjunktur stehen würden, dort eine schwere Wirtschaftskrise bedeuten. Das liegt einmal an der starken Zunahme der Beschäftigung und andererseits an Produktivitätssteigerungen auch als Folge des Aufholeffekts in China.

Abkühlung oder drohender Absturz

Selbst ein Wachstum von deutlich mehr als 9 Prozent ist für China womöglich problematisch. Die Sorgen drehen sich daher weniger um das absolute Wachstum, sondern vielmehr um seine Entwicklung. In den Vorquartalen ist die chinesische Wirtschaft mit 9,5 Prozent (zweites Quartal 2011) und 9,7 Prozent (erstes Quartal) gewachsen. Im ersten Halbjahr des Vorjahres erreichte dieses Wachstum sogar noch Werte von über 11 Prozent. So wie aktuell ist die chinesische Wirtschaft zum letzten Mal genau vor zwei Jahren gewachsen, damals aber – gerade umgekehrt zu heute –im Zuge stark wachsender Raten.

Derart hohe Wachstumsraten bringen Gefahren mit sich: Eine davon ist die Inflation. Die Teuerung im Land beträgt zum Ende des dritten Quartals 6,1 Prozent. Schlüsselt man diese Zahl auf und betrachtet zum Beispiel nur das Preiswachstum der Lebensmittelpreise, dann zeigt sich eine noch deutlich dramatischere Entwicklung: Dieses hat innert Jahresfrist sogar um 13,4 Prozent zugelegt, die Preise von Hühnerfleisch sogar um 28 Prozent. Wenn man berücksichtigt, dass in China der Nahrungsmittelkonsum im Durchschnitt noch immer einen weit grösseren Anteil am Gesamtkonsum hat, als in reichen Ländern, dann wird klar, dass diese Entwicklung sozialen Sprengstoff birgt.

Labiler Finanzsektor

Ein zweites Risiko des starken Wachstums betrifft die Banken. Die Berichte häufen sich, dass diese in ihrer Kreditvergabe übermässige Risiken eingegangen sind. Immer wieder ist auch die Rede von möglichen Übertreibungen an einigen chinesischen Immobilienmärkten, die nicht zuletzt durch die Ausleihungen der Banken befeuert wurden. Die chinesische Regierung hat bisher alles daran gesetzt, die Bankausleihungen durch administrative Massnahmen und Vorschriften einzuschränken.

Ein Rückgang des Wachstums ist daher für die chinesische Regierung auch ein Erfolg. So ist zum Beispiel die Inflation praktisch parallel zur leichten Abkühlung ebenfalls etwas gesunken. So lag die Inflation Ende Juli noch bei 6,5 Prozent, jene der Nahrungsmittelpreise noch bei 14,8 Prozent. Doch genauso wie der zu rasche Anstieg der Wachstumsraten in den letzten zwei Jahren Anlass zur Sorge war, besteht jetzt die Angst vor einem zu raschen Einbruch.

Ein solcher Einbruch könnte durch die genannten Probleme im Finanzsektor noch verstärkt werden. «China taumelt dem grossen Finanz-Crash entgegen», titelte die deutsche «Welt» schon gestern. Brechen mit einer schwächeren Wirtschaft zum Beispiel die Preise von Anlagen in den Bankbilanzen ein - insbesondere jene von Immobilien – wären viele Banken noch weit ärger in der Bredouille als jetzt schon. Fahren sie als Reaktion darauf die Kreditversorgung vor allem für kleine und mittlere Unternehmen zurück, würde dies den Bremseffekt auf die Wirtschaft noch verstärken.

Was China wirklich droht, darüber sind sich die Fachleute noch uneinig. Die einen sehen den Wachstumsdämpfer als willkommene Abkühlung. Andere sind pessimistischer. Sie verweisen auf die bereits beobachtbare Abflachung der Exporte und auf heftige Bremsspuren in der Industrie, sowie die bereits erschwerte Kreditversorgung für kleine und mittlere Unternehmen.

Wohin das Pendel ausschlägt, dürfte wesentlich von der weiteren Entwicklung in der Weltwirtschaft abhängen, denen sich das nach wie stark auf Exporte ausgerichtete China nicht entziehen könnte. Und diese Entwicklung wiederum hängt auch davon ab, ob die Eurokrise sich weiter verschärft oder eingedämmt wird. Kein Wunder bedrängen mittlerweile auch die Politiker Chinas die Europäer immer eindringlicher, rasch zu einer Lösung zu kommen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2011, 13:47 Uhr

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21 Kommentare

Johannes Wigger

18.10.2011, 14:22 Uhr
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Die Erde wächst nicht - die Ressourcen sind endlich. Irgendwann ist Schluss! Das kapiert jeder Kindergärtler. Aber offenbar nicht die z.T. mit Nobelpreisen dekorierten Wirtschaftswissenschaftler. Es wäre endlich an der Zeit, ein Wirtschaftsmodell zu finden, welches auch bei Stagnation / Schrumpfung 'gesund' ist. Das Wichtigste wäre erst mal eine Stabilisierung des globalen Bevölkerungswachstums. Antworten


John Peer

18.10.2011, 14:07 Uhr
Melden 39 Empfehlung

Was wir in China sehen, ist meiner Meinung nach genau das gleiche, was wir in den letzten Jahren - und auch schon vorher - in den westlichen Ländern immer wieder gesehen haben: Durch Regierung und Zentralbank aus der Luft erschaffenes, künstliches und viel zu billiges Papiergeld fliesst massenweise in die Wirtschaft und erzeugt so Blasen, die irgendwann im Crash enden. Antworten



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