SNB hofft auf Zeichen von Draghi

Schon ein leiser Hinweis des EZB-Präsidenten auf verbesserte Wirtschaftsaussichten in Europa käme den Währungshütern um Thomas Jordan sehr gelegen.

Lässt sich von der aufkeimenden Zuversicht in der Eurozone nicht blenden: EZB-Präsident Mario Draghi.

Lässt sich von der aufkeimenden Zuversicht in der Eurozone nicht blenden: EZB-Präsident Mario Draghi. Bild: Yves Herman/Reuters

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Noch im Mai letzten Jahres herrschte Trübsal in der Eurozone: Die Jahresinflation wies ein negatives Vorzeichen auf, und vielerorts kursierte die Befürchtung, dem Alten Kontinent drohten «japanische Verhältnisse» mit jahrelangem wirtschaftlichem Stillstand und einer kaum zu überwindenden deflationären Abwärtsspirale. Diese bleierne Schwere ist indes unerwartet schnell verflogen. Im vergangenen Dezember kletterte die Teuerungsrate über die 1-Prozent-Marke, und im Februar ist sie bereits mit 2 Prozent gemessen worden. Parallel dazu hat der Aufschwung im Euroraum kontinuierlich an Kraft und Breite gewonnen.

Ungeachtet dessen fährt die Europäische Zentralbank (EZB) im Krisenmodus. An ihrer letzten Sitzung im Januar hatte sie ihre monatlichen Geldspritzen nochmals verlängert bis Ende dieses Jahres, und Präsident Mario Draghi liess niemanden im Zweifel, dass er notfalls zu noch weitergehenden Massnahmen bereit wäre. Wird er nun im Anschluss an das nächste Treffen des EZB-Rats am Donnerstag seine Tonart ändern und zumindest andeuten, dass eine erneute Verlängerung der Anleihenkäufe durch die Euronotenbank über 2017 hinaus nicht mehr erforderlich sein würde?

Spielraum für SNB wird enger

Die Schweizerische Nationalbank (SNB), die eine Woche nach der EZB ihre nächste geldpolitische Lagebeurteilung vornehmen wird, hofft sehnlichst auf ein positives Zeichen von Draghi. Ein solches würde dem Euro eine Stütze geben und die SNB zumindest temporär von der Last entbinden, um den steten Aufwärtsdruck auf den Frankenkurs mit Interventionen am Devisenmarkt zu dämpfen. Einzelne Analysten vermuten bereits, SNB-Präsident Thomas Jordan bleibe kaum eine andere Wahl, als die Negativzinsen in noch tiefere Sphären zu drücken, um die Kapitalzuflüsse in den Franken abzuwehren. Dabei wird unterstellt, dass die Nationalbank ihre Devisenkäufe am Markt auf ein absolutes Minimum beschränken muss, will sie bei der neuen US-Regierung nicht in den Geruch einer Währungsmanipulatorin kommen.

Schon mit einer veränderten Kommunikation, die den Akzent vom «noch mehr Geld drucken» auf ein allfälliges Ende dieser Programme verschiebt, würde Draghi für Erleichterung bei der SNB sorgen. Jordan & Co. können vorderhand nur hoffen, dass die vor allem von deutscher Seite vorgebrachten Argumente im EZB-Rat auf Anklang stossen werden. Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, dürfte dabei die Glaubwürdigkeit der EZB herausstreichen: Angesichts einer aktuellen Teuerungsrate von 2 Prozent im Euroraum und von 2,2 Prozent in Deutschland – die damit erstmals seit Januar 2013 über dem EZB-Ziel von knapp unter 2 Prozent liegt – könne die Euronotenbank die Option einer noch expansiveren Geldpolitik nicht mehr ernsthaft offen halten.

Überholte Inflationsprognosen

Gespannt sein darf man in dem Zusammenhang auf die neuen Inflationsschätzungen der EZB-Ökonomen, die ebenfalls am Donnerstag vorgelegt werden. Im Dezember hatten sie die diesjährige Teuerungsrate noch mit 1,3 Prozent vorhergesagt. Wie Weidmann letzte Woche verlauten liess, sollte man die aktualisierte Projektion nun auf 1,8 Prozent anheben. Die Widersacher des Bundesbank-Präsidenten im EZB-Rat, zu denen auch Draghi gehört, werden sich davon aber kaum beirren lassen. Sie bezweifeln, ob die derzeitigen Preissteigerungen von Dauer sein werden. Tatsächlich gehen Konjunkturbeobachter davon aus, dass die Inflationsrate im Euroraum kaum über das jetzt erreichte Niveau steigen wird, sofern die Ölpreise einigermassen stabil bleiben.

Die um über 9 Prozent verteuerten Energiekosten waren denn auch der Hauptgrund für den jüngsten Anstieg der Jahresteuerung. Die Kerninflation (ohne die besonders schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise) verblieb hingegen im Februar unverändert bei 0,9 Prozent. Dass sie in nächster Zeit ebenso rasant steigen wird wie die allgemeine Teuerungsrate, scheint eher unwahrscheinlich. Dagegen spricht schon der Arbeitsmarkt in der Eurozone: Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen im Januar 2017 innert Jahresfrist um 1,1 Millionen gesunken; doch 15,6 Millionen haben nach wie vor keinen Job, was laut dem «Wall Street Journal» in etwa der Bevölkerung der Niederlande entspricht. Bei so hohen «Überkapazitäten» dürfte es den Arbeitnehmern schwerfallen, signifikante Salärerhöhungen durchzusetzen und damit eine Lohn-Preis-Spirale in Gang zu bringen.

Solange sich also die Beschäftigungsaussichten in der Währungsunion nicht weiter verbessern – die Arbeitslosenrate betrug zuletzt 9,6 Prozent –, dürfte Draghi nach Ansicht von Experten am eingeschlagenen Kurs festhalten. Zu sehr liegt dem EZB-Präsidenten daran, nach aussen berechenbar zu erscheinen. Und zu frisch in Erinnerung sind die geldpolitischen Straffungen von 2008 und 2011, welche die Euronotenbank einiges an Reputation kosteten, weil sie sich als voreilig erwiesen und nach kurzer Zeit wieder rückgängig gemacht werden mussten.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.03.2017, 20:22 Uhr

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