Schuld sind die Deutschen

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 15.02.2010 140 Kommentare

Griechenland, Spanien, Portugal, Irland und Italien kriseln und mit ihnen der Euro. In Euroland werden die geldpolitischen Fehler der Dreissigerjahre wiederholt.

Will Griechenland beistehen - politisch: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.

Will Griechenland beistehen - politisch: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.
Bild: Reuters

Euroland ist in Aufruhr, die Schuldigen sind gefunden. Die Griechen, aber auch die Spanier, Portugiesen, Iren und selbstverständlich die Italiener, haben über ihre Verhältnisse gelebt. Nun müssen sie jetzt dafür büssen. Vor allem die Hellenen haben es ganz doll getrieben. Und dieses Mal sind die Deutschen nicht mehr gewillt, einfach das Portemonnaie zu öffnen und für den Schaden aufzukommen. Den verantwortungslosen Südländern muss endlich eine Lektion erteilt werden. Finden Sie nicht auch?

Wenn es bloss so einfach wäre. Euroland ist der Sieg politischer Macht über ökonomischen Verstand. Schon bei der Entstehung warnten viele Experten, dass die Einheitswährung früher oder später zu massiven Problemen führen werde. Zu eng sei das Korsett für die sehr unterschiedlich strukturierten Volkswirtschaften. Es waren vorwiegend angelsächsische Ökonomen, die diese Warnungen ausgesprochen haben. Die USA und Grossbritannien sind keine Euroländer, folglich wurden die Warnungen in den Wind geschlagen. Zu den Ignoranten gehörte auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, ein brillanter Machtpolitiker mit einem kleinen Handicap: Er hatte keine Ahnung von Wirtschaft – und er war sogar noch stolz darauf. Das sollte sich rächen.

Frankreich die Politik, Deutschland die Wirtschaft

In Euroland herrschte von Anfang an eine klare Arbeitsteilung: In der Politik führt die ehemalige Grande Nation Frankreich das grosse Wort, in der Europäischen Zentralbank (EZB) hingegen haben die Deutschen das Sagen. Das gilt selbst dann, wenn ein Franzose der Chef ist. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ist preussischer als die Preussen und setzt mit Überzeugung die Geldpolitik der ehemaligen Bundesbank fort. Diese Politik ist nach wie vor geprägt vom Wunsch nach einer harten Währung, schliesslich war die D-Mark zusammen mit der Nationalelf der grosse Stolz der lange gedemütigten Deutschen.

Die Deutschen haben ihre eigene bittere Medizin brav geschluckt. Als die Nation wegen der hohen Kosten der Wiedervereinigung in Schwierigkeiten geriet, wurde gespart, bis es quietschte. Während die Löhne in Euroland stiegen, stagnierten die Einkommen der deutschen Arbeitnehmer nicht nur, sie fielen real sogar leicht. Das schien sich auszuzahlen, Deutschland wurde Exportweltmeister.

Eine Katastrophe

Exportweltmeister (oder neuerdings hinter China Vize-Weltmeister) zu sein mag gut sein für das deutsche Ego. Für die europäische Volkswirtschaft ist es eine Katastrophe. Die Deutschen haben die EU-Konkurrenz aus dem Markt gespart. Sie verdienen weniger, konsumieren folgerichtig auch weniger und sind nicht mehr die Konjunkturlokomotive von einst. Mit ihren Exporterfolgen haben sie den Euro zu einem Teuro gemacht, zu einer sehr harten Währung wie einst die D-Mark. Das erhöht die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen, spanischen, portugiesischen und italienischen Wirtschaft nicht – zumal China dafür sorgt, dass der Renminbi weich bleibt und der Dollar sich bekanntlich auch nicht gerade auf einem Höhenflug befindet.

Das eigentliche Problem in Euroland sind also nicht so sehr die Südländer, sondern die Deutschen. Sie haben mit ihrer Sparwut das System aus dem Gleichgewicht gebracht und mit dem Euro dafür gesorgt, dass dieses System nicht mehr flexibel darauf reagieren kann. Das britische Pfund und der Dollar haben seit dem Herbst 2008 gegenüber dem Euro massiv an Wert eingebüsst und haben so der englischen, respektive amerikanischen Wirtschaft zu mehr Wettbewerbsfähigkeit verholfen. Euroland hingegen bleibt eingezwängt ins starre Konzept der Einheitswährung, obwohl die PIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien) – so nennt man die Südländer neuerdings – dringend auf eine Abwertung ihrer Währung angewiesen wären.

Wiederholung der 30er-Jahre

In Euroland wiederholt sich so die Situation der Dreissigerjahre. Damals waren die wichtigsten Industrieländer an den Goldstandard gekettet. Die Wirkung war ähnlich wie das Euro-Korsett von heute. Auch damals gaben die Angelsachsen als Erste den Goldstandard zugunsten einer flexiblen Währung preis. Heute sorgt die EZB mit ihrer harten Geldpolitik für einen stabilen Teuro, obwohl sie im Interesse eines Aufschwungs der Wirtschaft mehr Inflation zulassen müsste. Den betroffenen Ländern bleibt daher nur ein Ausweg: Sparen und Leute entlassen. Wie lange das gut geht, bleibt abzuwarten. Der Einzige, der eine solche Politik im 20. Jahrhundert konsequent durchsetzen konnte, war Benito Mussolini. Kein gutes Omen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.02.2010, 17:20 Uhr

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140 Kommentare

Silvio Zürcher

15.02.2010, 15:55 Uhr
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Das Hauptproblem heisst Spekulation. "Short Selling". Es wird heutzutage auch gegenüber dem Schweizer Franken (CHF) spekuliert, welcher heute überwertet ist. Direkte Konsequenz: 30 bis zu 60% weniger Aufträge bei unserer Industrie. Von der Krise haben wir noch nichts gelernt ! Leider. Antworten


Peter Müller

15.02.2010, 12:55 Uhr
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Vielen Dank für diese sachliche Analyse und den überhaupt nicht polemischen Artikel. Von "Deutschland ist Schuld" kann hier wohl nicht die Rede sein. In Deutschland wird die Inflationsrate auf einem erträglichen Niveau gehalten, das ist auch richtig so. Der Euro ist momentan in einer stetigen Abwertungsphase, das ist gut für die Eurozone, aber schlecht für die CH-Exporte. Woher der Wind wohl weht? Antworten



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