Wirtschaft

Sperren gegen den schwarzen Schwan

Den Handel aussetzen oder die Börse bis zum nächsten Tag schliessen: Die US-Börsenbetreiber wollen Sicherheitsventile einbauen, um das Risiko plötzlicher Zusammenbrüche des Aktienhandels zu limitieren.

Trader an der New Yorker Aktienbörse: Mit Handelssperren sollen in der Zukunft panische Auf und Abs reduziert werden.

Trader an der New Yorker Aktienbörse: Mit Handelssperren sollen in der Zukunft panische Auf und Abs reduziert werden.
Bild: Keystone

Es war kein einzelner Handelsauftrag, es war keine missbräuchliche Manipulation, es war auch kein Tippfehler. So lautet das vorläufige Ergebnis von vertieften Analysen der Betreiber von sechs führenden amerikanischen Handelsplattformen.

Das panische Auf und Ab an jenem Donnerstagnachmittag war demzufolge das Resultat mehrerer Vorfälle, die für sich allein keinen Kollaps verursachen sollten – im Zusammenspiel aber das Handelssystem während 20 Minuten lahm legten und 700 Milliarden Dollar (an Papiervermögen) vernichteten. Die Nasdaq-OMX-Gruppe teilte gestern mit, weder eine bestimmte Fehlmanipulation noch eine entscheidende Systemschwäche gefunden zu haben.

Markt war unter Verkaufsdruck

Allerdings dürfte ein grosser Future-Auftrag, der auf einen sinkenden Börsenindex S & P 500 gezogen wurde, eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Details dieses Verkaufs gab die Nasdaq nicht bekannt. Das «Wall Street Journal» berichtete aber – gestützt auf direkt am Geschäft beteiligte Händler –, dass der Hedgefonds Universa im fraglichen Zeitpunkt 50 000 Verkaufs-Optionen im Gegenwert von 7,5 Millionen Dollar erwarb.

Die Gegenpartei war die britische Barclays, die sich ihrerseits mit Put-Optionen absicherte und so eine Kettenreaktion ausgelöst haben könnte. Diese kam umso schneller voran, als der Markt zuvor unter massivem Verkaufsdruck stand. Um 14 Uhr schon, 40 Minuten vor dem Sekundentod, waren 15,6 Milliarden Dollar Aufträge abgewickelt worden, die meisten davon grosse Verkaufsorder. Bis zum Ende des Handelstages sollten es über 19 Milliarden Aufträge sein. Dies entsprach dem zweitgrössten Volumen aller Zeiten, lediglich übertroffen vom Crash des 10. Oktober 2008.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Der Auftrag des Universa-Fonds war nicht ungewöhnlich, hatte der doch bereits im Oktober 2008 einen ähnlichen Handel durchgezogen und Milliardengewinne erzielt. Liegt Universa auch diesmal richtig, so kann der Fonds rund 4 Milliarden Dollar einstreichen. Pikant daran ist, dass Nassim Taleb damals wie heute als Berater für Universa tätig ist. Taleb ist Autor eines weit beachteten Werks über die Wahrscheinlichkeit explosiver, unvorhergesehener Börsenereignisse. Sein Modell des schwarzen Schwans gründet auf Diskussionen der antiken Philosophen, die nur von weissen Schwänen wussten, bevor das erste schwarze Exemplar im 17. Jahrhundert in Neuseeland gefunden wurde.

Der Fonds hält den grössten Teil seiner Mittel in Cash, setzte aber von Zeit zu Zeit massiv auf einen bevorstehenden Börsencrash und hat mit diesem System hohe Renditen erzielt.

Genau wie von Nassim Taleb diagnostiziert, war der vergangene Donnerstag ein gutes Beispiel eines Black-SwanVorfalls. Gus Sauter, Chef der VanguardFondsgesellschaft, sagte, letzte Woche sei eine Serie von Systemfehlern zusammengekommen, die es nun auszumerzen gelte, ohne die Handelbarkeit und Liquidität der Börsen zu behindern.

Kaufverträge fehlten

Einer der Mängel liegt darin, dass die New Yorker Hauptbörse den Handel verlangsamt oder ganz aussetzt, wenn erratische Kursausschläge auftreten. Weder die Nasdaq noch die Optionenbörsen in Chicago oder die Dutzenden privater Börsen kennen solche Sicherheitsvorkehrungen.

Die wildesten, irrationalen Kurse kamen zustande, weil Verkaufsaufträge an New York vorbeigeschleust und auf unregulierte Plattformen verteilt wurden. Zudem machten mehrere Hochfrequenz-Hedgefonds einfach ihr Geschäfte zu, als der Handels zu stottern begann. Damit fehlten Kaufaufträge.

Absprachen bei Handelssperren

Sechs führende Börsenbetreiber erklärten sich gestern als Erstes bereit, ihre Handelssperren untereinander abzusprechen und abzustimmen. Im Vordergrund steht der Vorschlag der Nasdaq, den Handel für 15 oder 60 Minuten zu stoppen, wenn der S&P-500-Index um 5 beziehungsweise um 10 Prozent fällt. Sinkt der Index um über 20 Prozent, soll der Handel bis zum kommenden Tag ausgesetzt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2010, 11:53 Uhr

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21 Kommentare

Rolf Schumacher

13.05.2010, 14:43 Uhr
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Es fehlt uns an IMAGINATION. Harry Potter, Alice im Wunderland etc sind viel näher an der Realität als die teuer bezahlten Paragraphen und Zahlrenreiter. Da kann ein Meteorit auf diese "gelehrten Blinden" zuschiessen und die behaupten steinhart, obwohl die Fenster bereits bedrohlich am Zittern sind, dass laut ihren Hochrechnungen keine Meteoriteneinschläge zu erwarten seien. Antworten


Thomas Baumgartner

12.05.2010, 18:13 Uhr
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@Meisner: In jeder empirischen Wissenschaft (wozu auch die Physik zählt), die versucht mit Modellen die Realität zu beschreiben, existieren schwarze Schwäne. Die Entdeckung eines solchen Black Swans sagt höchstens etwas über die Unvollständigkeit eines Modells aus. Die von ihnen genannte Überakkumulation kann sehr wohl erklärt werden, wenn auch nicht (nur) durch Spekulaten... Antworten


Chris Castelmur

12.05.2010, 17:30 Uhr
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@Meisner & Co.: Nur die Banken gewinnen immer am Börsencasino. Die Spekulantenmehrheit nicht. Aber die Mittelklasse bezahlt den Preis. Wie immer und überall. Zinssystem mit Banken als Kern ist satanisch und ungerecht. Aber zum Scheitern verurteilt. Jedes System, das auf Lügen und Ungerechtigkeit aufgebaut ist, ist früher oder später immer eingestürzt, so wird auch dieses Papiergeldbetrugssystem... Antworten


Ruthild Auf der Maur

12.05.2010, 16:32 Uhr
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@Hans Meisner: Mir ist das natürlich selbst klar. Das war eine Spontanidee und nicht allzu ernst gemeint. Aber auch ich habe die Nase gestrichen voll von Diktatur, Faustrecht und Zufallsregeneratoren (s. Kommentar N. Binsberger) eines Finanzkapitalismus, der den Rest der Welt im Würgegriff hat. Übrigens auch von mir ein grosses Kompliment zu Ihrem Kommentar. Sehr plausibel und einleuchtend. Danke. Antworten


Hans Meisner

12.05.2010, 15:19 Uhr
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@Auf der Mauer: Es gibt doch schon Casinos wo jeder nach Herzenslust spekulieren kann.. aber da verdient man halt nicht so gut wie an der Börse, man verliert sogar im Schnitt. An der Börse aber nicht, da wird im Schnitt gewonnen, nicht unter Spekulanten umverteilt wie im Casino. An der Börse zahlen real jene, die nicht einmal mitspielen! Antworten


Tommy Rasmussen

12.05.2010, 14:59 Uhr
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S. Schwan: Dollarkredite werden zurückgeführt. Die Liquidität im US-Dollarraum ist begrenzt - man weicht deshalb auf Japan aus.Gibt es Liquiditätsmangel auch im Yen-Raum, droht eine Kernschmelze im US-Dollarraum. Damit ist das 29iger Szenario im vollen Gange: erst enorme Kontraktion. Anschließend Hyperinflation, weil die Notenbanken wertloses Papier (Staatsanleihen, Hypokredite) monetarisieren. Antworten


Ruthild Auf der Maur

12.05.2010, 14:49 Uhr
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@Uwe Borck: Folgender Vorschlag auf das Risiko hin, dass ich mit ökonomischen Lehrbuch-Phrasen gelyncht werde: Man errichte in Las Vegas eigens für Spekulanten & Co. eine Casino-Börse. Entsprechende Einlagen selbstverständlich durch die Investoren selbst. Der Spielsucht und dem Investitionsbedarf würde eine solche Spielwiese doch bestens Rechnung getragen. Antworten


Nadine Binsberger

12.05.2010, 14:41 Uhr
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Es macht keinen Sinn, so etwas wichtiges wie die Kapitalvergabe bzw.-Allokation einem Zufallsgenerator (=Börse) in einem Faustrechtsystem (=Konkurrenzmarkt) zu überlassen. Die Gesellschaft erwartet von der Wirtschaft die Deckung der Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse können (direkt-)demokratisch geäussert und deren Deckung ebenso beschlossen und umgesetzt werden. Faustrecht oder Diktatur unerwünscht! Antworten


Thomas Baumgartner

12.05.2010, 14:41 Uhr
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@Hans Meisner: Sehr gut... Antworten


Chris Castelmur

12.05.2010, 14:21 Uhr
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Kriminell. In liquiden, grossen Märkten Milliarden-Positionen nehmen (Indexoptionen, Futures, Devisen, etc.), dann mit ein absichtlich aggressiven Order in ein paar Dutzend Aktien die nächsten Market Maker Orders raushauen, mit geringen Volumen bis auf $0.01 cent runterprügeln, damit Indices, Algos und somit grosse Flows auslösen, und dann eincashen. "Falsche" Aktientrades dann durch Börse cxld.!! Antworten


Hans Meisner

12.05.2010, 14:00 Uhr
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@Baumgartner: Bei solch überragenden Argumenten nehme ich alles zurück. Antworten


Thomas Baumgartner

12.05.2010, 13:43 Uhr
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@Hans Meisner: Weder verstanden was ein Black Swan ist, noch von Physik eine Ahnung... Antworten


Rolf Schumacher

12.05.2010, 13:29 Uhr
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Ob schwarzer Schwan, Teufel, Hexe es ist alles das gleiche. Es sind Sinnbilder für Abgründe, die in jedem von uns stecken. Wir alle reiten den Teufel jeden Tag, manchmal blitz er dann in Realität auf als Crash, Naturkatastrophe, Mord etc. Wenn alle Gedanken sich unmittelbar umsetzen würden, würde die Welt nicht fünf Minuten existieren. Die Arbeit beginnt im Innern jedes Einezelnen von uns. Antworten


Hans Meisner

12.05.2010, 13:05 Uhr
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Der "Black Swan" ist das theoretische Eingeständnis, dass man von der Materie nicht wirklich Kenntnis hat. In der Physik gibt es keine schwarzen Schwäne, nur in den Sozialwissenschaften, Subklasse Wirtschaftswissenschaften. DAS selbstausgestellte Armutszeugnis einer theoretischen Disziplin, die das Phänomen der Überakkumulation (kapitalistische Krise) weder einordnen noch erklären kann. Antworten


Harald Taglinger

12.05.2010, 13:04 Uhr
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Die Diskussion erinnert an die nach dem 19. Oktober 1987, als der computergestützte Handel an der Börse einen schwarzen Freitag erzeugte. Scheinbar ist seitdem nicht genug gegengesteuert worden. Auf eine dritte Runde... Antworten


Michael Müller

12.05.2010, 12:49 Uhr
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Es geht nun mal ums Geld verdienen und Geld verlieren an der Börse. Wenn die Leute oder heutzutage die automatisch gesteuerten Computer panisch reagieren sind sie selber schuld. Es freut dann halt die die im tiefen Moment kaufen. Dafür brauchts keine Limitierung. Antworten


Jan Steffen

12.05.2010, 12:44 Uhr
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Nur weil Nassim Taleb für Universa arbeitet, muss ein von Universa angetretener Börsensturz noch lange kein Black Swan sein. Ansonsten könnte man ja auch behaupten dass der Geburtenrückgang in den 70er Jahren mit dem Aussterben der Störch in vielen Teilen Europas zu tun hat......so etwas wie eine "European Stoch" Theorie. Anm.: habe das Buch von Nassim Taleb schon vor einiger Zeit gelesen Antworten


Jan Steffen

12.05.2010, 12:41 Uhr
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Schlecht recherchiert.....ein "Black Swan" ist die Ursache und nicht der Börsensturz selbst. "Black Swan theory...to explain the existence and occurrence of high-impact, hard-to-predict, and rare events that are beyond the realm of normal expectations" Die Transaktion des Universa Fonds war ja, wie der Autor selber darlegt, nicht aussergewöhnlich. Antworten


Frank Hofer

12.05.2010, 12:29 Uhr
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Wozu brauchts eigentlich ne Boerse? Einfach um um einen Spielplatz zu haben fuer jenes Geld, das mehr als Waren im Umlauf ist? Antworten


Uwe Borck

12.05.2010, 12:23 Uhr
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Eben ja, und warum müssen die Finanzmärkte täglich geöffnet haben wo doch der spekulative Anteil den Investitionsbedarf der Realwirtschaft um ein vielfaches übersteigt? 1x die Woche dürfte sehr wahrscheinlich völlig ausreichen. Ebenso kann man die 3 monatige Bilanzierung aufheben und auf 1-5 Jahre ausdehnen. Weitere Massnahmen zur entschleunigung? Antworten


Peter Weierstrass

12.05.2010, 12:19 Uhr
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Kennt ihr das Wort "Spielverderber"? Gut. Entweder funktioniert die Börse, oder sie funktioniert nicht. Aber nicht den Handel aussetzen, sobald sich jemand über den Kursverlauf aufregt. Antworten



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