Sperren gegen den schwarzen Schwan

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 12.05.2010 21 Kommentare

Den Handel aussetzen oder die Börse bis zum nächsten Tag schliessen: Die US-Börsenbetreiber wollen Sicherheitsventile einbauen, um das Risiko plötzlicher Zusammenbrüche des Aktienhandels zu limitieren.

Trader an der New Yorker Aktienbörse: Mit Handelssperren sollen in der Zukunft panische Auf und Abs reduziert werden.

Trader an der New Yorker Aktienbörse: Mit Handelssperren sollen in der Zukunft panische Auf und Abs reduziert werden.
Bild: Keystone

Es war kein einzelner Handelsauftrag, es war keine missbräuchliche Manipulation, es war auch kein Tippfehler. So lautet das vorläufige Ergebnis von vertieften Analysen der Betreiber von sechs führenden amerikanischen Handelsplattformen.

Das panische Auf und Ab an jenem Donnerstagnachmittag war demzufolge das Resultat mehrerer Vorfälle, die für sich allein keinen Kollaps verursachen sollten – im Zusammenspiel aber das Handelssystem während 20 Minuten lahm legten und 700 Milliarden Dollar (an Papiervermögen) vernichteten. Die Nasdaq-OMX-Gruppe teilte gestern mit, weder eine bestimmte Fehlmanipulation noch eine entscheidende Systemschwäche gefunden zu haben.

Markt war unter Verkaufsdruck

Allerdings dürfte ein grosser Future-Auftrag, der auf einen sinkenden Börsenindex S & P 500 gezogen wurde, eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Details dieses Verkaufs gab die Nasdaq nicht bekannt. Das «Wall Street Journal» berichtete aber – gestützt auf direkt am Geschäft beteiligte Händler –, dass der Hedgefonds Universa im fraglichen Zeitpunkt 50 000 Verkaufs-Optionen im Gegenwert von 7,5 Millionen Dollar erwarb.

Die Gegenpartei war die britische Barclays, die sich ihrerseits mit Put-Optionen absicherte und so eine Kettenreaktion ausgelöst haben könnte. Diese kam umso schneller voran, als der Markt zuvor unter massivem Verkaufsdruck stand. Um 14 Uhr schon, 40 Minuten vor dem Sekundentod, waren 15,6 Milliarden Dollar Aufträge abgewickelt worden, die meisten davon grosse Verkaufsorder. Bis zum Ende des Handelstages sollten es über 19 Milliarden Aufträge sein. Dies entsprach dem zweitgrössten Volumen aller Zeiten, lediglich übertroffen vom Crash des 10. Oktober 2008.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Der Auftrag des Universa-Fonds war nicht ungewöhnlich, hatte der doch bereits im Oktober 2008 einen ähnlichen Handel durchgezogen und Milliardengewinne erzielt. Liegt Universa auch diesmal richtig, so kann der Fonds rund 4 Milliarden Dollar einstreichen. Pikant daran ist, dass Nassim Taleb damals wie heute als Berater für Universa tätig ist. Taleb ist Autor eines weit beachteten Werks über die Wahrscheinlichkeit explosiver, unvorhergesehener Börsenereignisse. Sein Modell des schwarzen Schwans gründet auf Diskussionen der antiken Philosophen, die nur von weissen Schwänen wussten, bevor das erste schwarze Exemplar im 17. Jahrhundert in Neuseeland gefunden wurde.

Der Fonds hält den grössten Teil seiner Mittel in Cash, setzte aber von Zeit zu Zeit massiv auf einen bevorstehenden Börsencrash und hat mit diesem System hohe Renditen erzielt.

Genau wie von Nassim Taleb diagnostiziert, war der vergangene Donnerstag ein gutes Beispiel eines Black-SwanVorfalls. Gus Sauter, Chef der VanguardFondsgesellschaft, sagte, letzte Woche sei eine Serie von Systemfehlern zusammengekommen, die es nun auszumerzen gelte, ohne die Handelbarkeit und Liquidität der Börsen zu behindern.

Kaufverträge fehlten

Einer der Mängel liegt darin, dass die New Yorker Hauptbörse den Handel verlangsamt oder ganz aussetzt, wenn erratische Kursausschläge auftreten. Weder die Nasdaq noch die Optionenbörsen in Chicago oder die Dutzenden privater Börsen kennen solche Sicherheitsvorkehrungen.

Die wildesten, irrationalen Kurse kamen zustande, weil Verkaufsaufträge an New York vorbeigeschleust und auf unregulierte Plattformen verteilt wurden. Zudem machten mehrere Hochfrequenz-Hedgefonds einfach ihr Geschäfte zu, als der Handels zu stottern begann. Damit fehlten Kaufaufträge.

Absprachen bei Handelssperren

Sechs führende Börsenbetreiber erklärten sich gestern als Erstes bereit, ihre Handelssperren untereinander abzusprechen und abzustimmen. Im Vordergrund steht der Vorschlag der Nasdaq, den Handel für 15 oder 60 Minuten zu stoppen, wenn der S&P-500-Index um 5 beziehungsweise um 10 Prozent fällt. Sinkt der Index um über 20 Prozent, soll der Handel bis zum kommenden Tag ausgesetzt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2010, 11:53 Uhr

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21 Kommentare

Peter Weierstrass

12.05.2010, 12:19 Uhr
Melden

Kennt ihr das Wort "Spielverderber"? Gut. Entweder funktioniert die Börse, oder sie funktioniert nicht. Aber nicht den Handel aussetzen, sobald sich jemand über den Kursverlauf aufregt. Antworten


Frank Hofer

12.05.2010, 12:29 Uhr
Melden

Wozu brauchts eigentlich ne Boerse? Einfach um um einen Spielplatz zu haben fuer jenes Geld, das mehr als Waren im Umlauf ist? Antworten



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