Wirtschaft
«Stresstest war ein netter Versuch»
Interview: Samuel Reber. Aktualisiert am 23.07.2010
«Der Test darf nicht überbewertet werden»: Teodoro Cocca, Finance-Professor an der Johannes Kepler Universität in Linz und Adjunct Professor am Swiss Finance Institute in Zürich.
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Nur sieben von 91 europöischen Banken sind durch den Stresstest gefallen. Überrascht sie die tiefe Anzahl der gescheiterten Institute?
Nein, eigentlich nicht. Dieses Resultat ist gleichzeitig das Maximum und das Minimum, dass man erwarten konnte. Weniger durchgefallene Banken hätten dem Test jede Glaubwürdigkeit genommen, mehr durchgefallene Banken wären kein erwünschtes oder opportunes Resultat des Test aus Sicht der Behörden gewesen. Man hat also das Testresultat genau richtig gesteuert.
Warum hat es gerade die Hypo Real Estate getroffen?
Die Hypo Real Estate wurde zwar vom deutschen Staat mit inzwischen mehr als 100 Milliarden Euro am Leben erhalten, sie sitzt aber weiterhin auf einem immensen Berg von toxischen Vermögenswerten. Im wesentlichen ist die Bank nur noch eine riesige «Bad Bank». Als kriselnder Immobilienfinanzierer ist die Bank zudem gegenüber einer deutlichen Verschlechterung der Konjunktur besonders anfällig.
Fünf – also eine deutliche Mehrheit der gescheiterten Banken – kommen aus Spanien. Was ist da der Hintergrund?
Auch hier spielt der Immobilienmarkt und ein verkrustetes System der spanischen Kommunalbanken die tragende Rolle. Schon jetzt sitzen viele kleinere und mittlere Banken, über die meistens die Immobilienfinanzierungen gelaufen sind, auf riesigen Verlusten als Folge der geplatzten immensen spanischen Immobilienblase. Eine weitere Verschärfung der konjunkturellen Lage, wie im Stresstest angenommen, trifft diese stark schwächelnden Banken nun mitten ins Herz: das wenige noch verbleibende Eigenkapital löst sich in Luft auf.
Was müssen die sieben Banken nun tun?
Die Banken sind nun gezwungen in Absprache mit den heimischen Aufsichtsbehörden eine Lösung zu finden. Dies wird einerseits starke Restrukturierungsmassnahmen bedingen und zwingend zur einer Kapitalerhöhung führen müssen. Dieses neue Kapitel wird im besten Falle über den Kapitalmarkt aufgenommen oder über staatliche Gelder, sprich Steuergelder, eingeschossen.
Wie aussagekräftig ist dieser Stresstest?
Der Test darf nicht überbewertet werden. Die im Test unterstellten Szenarien sind durchaus streng, aber nicht sehr streng. Zudem wurde im Stresstest lediglich die Frage der Eigenmittelausstattung untersucht. Offen bleiben aber die Liquiditätsrisiken, welche eher unmittelbar zu einem grossen Problem im Bankensystem führen würden. Dieser Stresstest war ein netter Versuch, endlich mal proaktiv zu agieren und nicht immer aus der Defensive heraus. Wirklich vertrauensbildend ist er meiner Meinung nicht. In Summe sind die Märkte nun aber einfach froh, dass der Test keine negativen Überraschungen gebracht hat, das ist wohl die beste Nachricht des Tages.
Braucht es weitere Tests oder Massnahmen, um eine nächste Bankenkrise verhindern zu können? Wenn ja, welche?
Es werden zurzeit zahlreiche Massnahmen auf internationaler Ebene diskutiert und einzelne Gesetzesanpassungen oder Änderungen wurden etwa in den USA oder in der Schweiz bereits entschieden. Da die Finanzkrise die Schwächen des gesamten Finanzsystems aufgezeigt hat, braucht es auch viele verschiedene Interventionen im System und natürlich auch viel Zeit, bis diese neuen Massnahmen greifen. Nebst diesen technischen Aspekten, ist es aber auch wichtig, dass in der Bankenwelt ein Kulturwandel stattfindet. Dies braucht meistens noch mehr Zeit, ist aber umso wichtiger. Die Bankenwelt muss mehr Bescheidenheit und Demut an den Tag legen, das ist die beste Versicherung gegen zukünftige Bankenkrisen - dies lässt sich aber durch keine Aufsichtsbehörde einführen, sondern muss durch die Bankleitung jeden Tag gelebt werden. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.07.2010, 20:17 Uhr
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