Wirtschaft

Topökonomen geben sich öffentlich Saures

Unter den führenden Ökonomen der Welt tobt ein heftiger Streit. Dabei geht es um nichts weniger als darum, wie nützlich die Wissenschaft eigentlich noch ist.

Werfen sich gegenseitig Inkompetenz vor: Die Topökonomen Paul Krugman und Gregory Mankiw

Werfen sich gegenseitig Inkompetenz vor: Die Topökonomen Paul Krugman und Gregory Mankiw
Bild: Keystone

Am meisten Öl ins Feuer giesst seit Längerem der im letzten Jahr mit dem Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnete Paul Krugman. Bekannt ist der Professor an der Spitzenuniversität Princeton vor allem durch seine regelmässigen Kolumnen in der «New York Times» und durch seinen Blog.

Schon im Januar hat er dort von einem «dunklen Zeitalter der Makroökonomie» geschrieben, im Juni dann von der grossen Ignoranz, die scheinbar einen grossen Teil des Berufsstandes der Ökonomen befallen habe. Am 6. September schliesslich hat er in der «New York Times» einen umfassenden Bericht unter dem Titel «How Did Economists Get It So Wrong?» verfasst; zu Deutsch: «Wieso lagen die Ökonomen so krass daneben?»

Krugmans Kritik: «Eine verleumderische Attacke»

Hauptzielscheibe von Krugmans Attacken sind die sogenannten «Frischwasser»-Ökonomen. Damit sind Vertreter der Universitäten im Landesinnern der USA mit Zugang zu Süsswasserseen gemeint, vor allem jene aus Chicago. Für Krugman sind sie «neoklassische Puristen», die von immer funktionierenden Märkten und der Rationalität der Individuen ausgehen. Dazu zählt er die Nobelpreisträger Robert Lucas und Edward Prescott. Der erste ist Begründer der Theorie «rationaler Erwartungen», der zweite jener der Theorie der «realen Konjunkturzyklen». In der Essenz besagen beide Theorien, staatliche Konjunkturmassnahmen seien bestenfalls nutzlos, eher aber schädlich.

Die Antwort auf den Angriff von Krugman kam gestern. In einem ebenfalls umfangreichen Text unter dem Titel «Wieso lag Paul Krugman so krass daneben?», schreibt John Cochrane, einer der führenden Chicago-Ökonomen, Krugmans Artikel sei zum grössten Teil nichts anderes als eine «verleumderische Attacke» auf eine immer grössere Anzahl von Feinden unter renommierten Ökonomen. Die Vorwürfe würden insgesamt «paranoid» anmuten, denn Krugman spiele auf düstere Verschwörungen an.

Gregory Mankiw: «Entweder ignorant oder hinterlistig»

Besonders heftig war bisher auch die Auseinandersetzung zwischen Krugman und Gregory Mankiw. Letzterer ist der aktuell erfolgreichste Lehrbuchautor und war ökonomischer Chefberater der Bush-Administration. Einmal hat Krugman Mankiw als «entweder ignorant oder ganz einfach hinterlistig» («ignorant or simply disingenuous») bezeichnet, ein andermal erkannte er in den von Mankiw vertretenen Ansichten eine «absichtliche Beschränktheit» («deliberate obtuseness»). Den Blogeintrag dazu betitelte er mit «Wurzeln des Bösen». Mankiw seinerseits hat Krugman in seinem Blog als «Schiedsrichter der Ignoranz» («Arbiter of Ignorance») betitelt. Er beschuldigt Krugman, die Entwicklung der modernen makroökonomischen Theorie abzulehnen, ohne sich intellektuell wirklich damit auseinanderzusetzen.

Nobelpreisträger Krugman schimpft, die Ökonomen hätten in den letzten Jahrzehnten zwar beeindruckende mathematische Modelle entwickelt, die in der Theorie alle Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung erfassen würden. Von den tatsächlichen Vorgängen in der Realität hätten sie sich aber immer weiter entfernt. Was nicht in ihr Modell gepasst habe, sei von ihnen der Lächerlichkeit preisgegeben worden.

Geblendet von der «schönen Theorie»

Eine besondere Blindheit wirft er zudem den führenden Theoretikern der Finanzmarkttheorie wegen ihrer Annahme vor, die Preise von Vermögenswerten wie Wertpapieren oder Immobilien seien stets das Ergebnis effizienter Märkte, weshalb Fehlbewertungen eigentlich nicht vorkommen könnten. Hier hat er vor allem den Nobelpreisträger Eugene Fama im Visier, der diese Theorie begründet hat. Der Glaube an diese an sich mathematisch «schönen Theorie» habe viele, wenn nicht die meisten Ökonomen, derart geblendet, dass sie das Aufkommen der grössten Finanzblase der Geschichte nicht erkennen konnten, schreibt Krugman.

Die Auseinandersetzung hat viel mit der aktuellen Politik zu tun: Die Staatsausgaben der Obama-Administration sind der eine Grund für den Disput, die geplante Gesundheitsreform der andere. Immer dreht es sich aber um die Frage, wie viel der Staat in der Wirtschaft überhaupt bewirken kann. Krugman kritisiert seinen Berufsstand, die alten Lehren von John Maynard Keynes aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts mehr oder weniger ignoriert zu haben. Dieser hat den Finger auf die Unvollkommenheit von Märkten gelegt und damit staatlichen Massnahmen zur Bewältigung der damaligen Weltwirtschaftskrise das Wort geredet.

«Intellektueller Kollaps» der Chicago-Ökonomen

Krugman ist der wohl wichtigste unter den einflussreichen Ökonomen, der solcherart über seine eigene Gilde herzieht, aber nicht der einzige. Ähnlich äussert sich auch Bradford DeLong, ein einflussreicher Professor im kalifornischen Berkeley. Den dominierenden Ansichten der Chicago-Ökonomen attestiert dieser sogar den «intellektuellen Kollaps».

Auch Robert Shiller und Georg Ackerlof teilen die Kritik Krugmans an den bisher dominierenden ökonomischen Theorien und deren Vertretern. Ersterer gilt als führender Kopf der sogenannten «Behavioural Finance Theorie», die die Psychologie von Anlegern auf Kapitalmärkten ins Zentrum stellt. Der Zweite ist ebenfalls Nobelpreisträger der Ökonomie. In ihrem vor Kurzem erschienenen Buch «Animal Spirits» zeigen sie, dass menschliche Schwächen mehr Erklärungskraft für volkswirtschaftliche Vorgänge haben, als mathematische Modelle, die sich auf perfekt rationale Individuen abstützen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2009, 17:33 Uhr

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3 Kommentare

Nadine Binsberger

18.09.2009, 01:48 Uhr
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Das Modell der privaten Konkurrenz-Wirtschaft hat versagt. Wer eine Innovation alleine im stillen Kämmerlein entwickelt und danach privatisiert (patentiert), verpasst erstens konstruktive Inputs durch interessierte, kompetente Aussenstehende und zweitens verhindert die Patentierung eine rasche Verbreitung (Wohlstandsbremse). Eine konsequente Open-Source-Ökonomie würde Abhilfe schaffen! Antworten


willi aerne

18.09.2009, 00:48 Uhr
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Peter Lynch hat schon vor einiger Zeit geschrieben, wenn man alle Ökonomen dieser Welt aneinander reihen würde, wäre es nicht das Dümmste, was man mit ihnen machen könnte. Anscheinend liegt er damit nicht weit daneben. Und Mankiw sollte als ehemaliger Chefberater der Bush-Administration angesichts des wirtschaftlichen Nachlasses dieser Regierung nicht zu laut singen. Antworten


Patrick Tigri

17.09.2009, 22:17 Uhr
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Huahaha, endlich merken sie, dass die Wirtschaftswissenschaft bestenfalls eine Pseudowissenschaft ist, etwa so bombensicher belegbar wie die Erschaffung der Welt in 7 Tagen und fast so sicher in den Vorhersagen wie die Muotathaler Wetterfrösche... Antworten



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