Und immer wieder Weltenende

Der Club of Rome malt die Zukunft seit Jahren in düsteren Farben – und irrt regelmässig.

Beschwört die Apokalypse: Der norwegische Ökonom Jörgen Randers stellt in Rotterdam den jüngsten Zukunftsbericht des Club of Roms vor. (Bild vom 7.5.2012)

Beschwört die Apokalypse: Der norwegische Ökonom Jörgen Randers stellt in Rotterdam den jüngsten Zukunftsbericht des Club of Roms vor. (Bild vom 7.5.2012) Bild: Keystone

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Es sieht nicht gut aus für uns. Dürren, Bürgerkriege, Unwetter, Überschwemmungen, das sind die Aussichten, auf die sich die Menschheit einstellen muss. Zumindest, wenn man dem Club of Rome Glauben schenkt. Am Dienstag stellte die Organisation mit Sitz in Winterthur in Rotterdam ihren neuesten Zukunftsbericht vor. Wie wird die Welt in 40 Jahren, im Jahr 2052, aussehen? Das ist die Frage, die das Autorenteam um den norwegischen Ökonomen Jörgen Randers beantworten will.

Nun ist das mit Voraussagen so eine Sache. Vor allem, wenn man derartig weit in die Zukunft schaut. Doch von solchen Bedenken liess man sich beim Club of Rome noch nie abhalten: 1972, vor mittlerweile vierzig Jahren, hatte das Gremium seinen ersten Bericht veröffentlicht: «Die Grenzen des Wachstums». In 29 Sprachen wurde das Werk übersetzt und insgesamt 30 Millionen Mal verkauft. Es war «eine Art Gründungsmanifest der globalen Umweltbewegung» («Frankfurter Rundschau»).

Die Zukunft planend gestalten

Schlechte Nachrichten verkaufen sich offenbar gut. Denn die Zukunft, wie sie das Autorenteam unter der Leitung des Wirtschaftswissenschaftlers Dennis Meadows sah, war düster. Marktwirtschaft, Massenkonsum und Wirtschaftswachstum, all das müsse die Menschheit unweigerlich ins Verderben führen, hiess es in der Studie. Die einzige Lösung nach Ansicht des Club of Rome: Internationale Organisationen sollten eingreifen, das Wachstum drosseln und die Zukunft des Planeten planend gestalten.

1974 legte die Vereinigung nach. «Menschheit am Scheideweg», lautete der Titel diesmal. Die Botschaft war dieselbe. Wenn die Menschheit überleben wolle, müsse sie vom kapitalistischen Wirtschaftsmodell Abschied nehmen: «Das undifferenzierte, krebsartige Wachstum ist die Ursache der Probleme.» Die Autoren, der Mechanikprofessor Eduard Pestel und der Mathematiker Mihailo Mesarevic, lehnten sich noch weiter aus dem Fenster als Meadows und sein Team: Katastrophen apokalyptischen Ausmasses sagten sie voraus, und zwar aufs Jahrzehnt genau.

Berufspessimisten am Werk

In den 1980er-Jahren, so hiess es in der Studie, werde in Südasien eine gigantische Hungersnot ausbrechen, die ungefähr im Jahr 2010 ihren Höhepunkt erreichen werde. Eine Milliarde Hungertote kündigten die Forscher an.

Eingetreten ist das genaue Gegenteil: Anstatt die Bedenken des Club of Rome zu berücksichtigen, setzten die Asiaten voll auf Wachstum und begannen, Europäern und Amerikanern Konkurrenz zu machen. Seit Indien sich dem Weltmarkt geöffnet hat, geniesst das früher bettelarme Land einen nie gekannten Wohlstand. Auch sonst lag die Studie falsch: Rohstoffe wie das Erdöl würden um die Jahrtausendwende zur Neige gehen oder zumindest unerschwinglich teuer werden, behaupteten die Autoren. Die mögliche Entdeckung neuer Vorkommen und die Entwicklung effizienterer Techniken wollten die Berufspessimisten offenbar nicht in ihre Überlegungen einbeziehen.

Von der Realität weit entfernt

Wie aber kommt es, dass eine Organisation, deren Prognosen seit Jahrzehnten von der Wirklichkeit ungefähr so weit entfernt liegen wie Mumbai von Winterthur, sich noch immer eines derartig grossen Ansehens erfreut? Müssten nicht eigentlich Spott und Hohn auf den Club of Rome niedergehen? Weit gefehlt: Auch nach der Vorstellung des jüngsten Berichts berichtete die Weltpresse überwiegend respektvoll. Selbst die «Neue Zürcher Zeitung», aufgrund ihrer DNA eigentlich dem Liberalismus verpflichtet, würdigte Randers antikapitalistische Thesen mit einer unkritischen Zusammenfassung in ihrer Onlineausgabe.

«Image ist alles, Fakten stören nur», erklärte Michael Miersch das Phänomen Club of Rome vor Jahren in der «Weltwoche». Der tadellose Ruf der Organisation gehöre «zu den Geheimnissen der modernen Mediengesellschaft», die es ja auch fertigbringe, «Che Guevara zum Popstar und Al Gore zum Nobelpreisträger zu machen».

China dient als Vorbild?

Immerhin, der neueste Bericht ist etwas weniger radikal als seine Vorgängerstudien. Mit konkreten Voraussagen über Hungersnöte und andere Katastrophen halten sich die Autoren dieses Mal lieber zurück. Dennoch, es sieht düster aus: «Die negativen Auswirkungen (des Klimawandels) werden deutlich sein», schreiben Randers und Co., «so deutlich, dass wir in einigen Fällen schon vor 2052 einen örtlichen Kollaps erleben werden». Durchschnittlich zwei Grad wärmer als heute werde es 2052 sein, und der Meeresspiegel werde bis dahin um einen halben Meter ansteigen.

Der Schuldige ist wieder einmal schnell ausgemacht: Es ist auch dieses Mal der übliche Verdächtige, das Wirtschaftswachstum. So gesehen, enthält der Bericht nicht viele Neues. Beunruhigend wird es dort, wo es politisch wird. Um die Klimakatastrophe zu verhindern, sei ein radikaler Kurswechsel notwendig, schreiben die Autoren. Und um diesen schaffen zu können, müsse das politische System geändert werden. «Wir brauchen ein Regierungssystem, das längerfristig denkt», sagte Randers in Rotterdam, und, man höre und staune: «China wird eine Erfolgsgeschichte sein, weil es fähig ist, zu handeln.»

Das kommunistische Regime in Peking wird als Vorbild gepriesen, die westliche Demokratie dagegen scheint für den Club of Rome ein untaugliches Auslaufmodell zu sein. Ein gefährlicher Flirt mit totalitären Ideen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.05.2012, 22:02 Uhr

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