Wirtschaft

Warum die Angstindizes explodieren

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 09.08.2011 11 Kommentare

Die extremsten Werte zeigen sich nicht an den Aktienindizes selbst, sondern an den erwarteten Schwankungen der nächsten Zukunft. Sie stehen für eine enorme Unsicherheit. Mit gutem Grund.

Dramatische Kursverluste: Der SMI während der letzten sechs Monate.

SMI


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Die Orientierung verloren: Händler an der New York Stock Exchange am gestrigen Handelstag. (Bild: Keystone )

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Noch kurz nach ihrer Eröffnung heute um 9 Uhr schien an der Schweizer Börse wieder einmal die Sonne aufzugehen: Um mehr als 2,2 Prozent schossen die Kurse in die Höhe. Doch diesmal folgte die Korrektur noch schneller als gestern. Um 10.30 Uhr befand sich der Index mit 5,5 Prozent minus wieder im tiefroten Bereich. Ähnliche Muster und Abstürze zeigen sich weltweit.

Dass man an den Märkten auch weiterhin mit extremen Schwankungen rechnet, zeigen die sogenannten Volatilitätsindizes, die auch als Indizes der Angst bezeichnet werden. Sie zeigen die erwarteten künftigen Marktschwankungen und lassen sich über die Preise von Optionen errechnen. Sowohl der Schweizer Volatilitätsindex (VSMI) wie auch der VIX des US-Aktienmarktes befand sich heute Morgen bei 48 Punkten.

Weiterhin hohe Aktienmarktausschläge erwartet

Das impliziert an beiden Aktienmärkten über die nächsten 30 Tage weitere Ausschläge der Börsenkurse von rund 14 Prozent nach unten oder nach oben. Wie hoch diese Angstindizes ausschlagen, macht ein Vergleich deutlich: Noch vor der Finanzkrise lagen die Werte sowohl in den USA wie in der Schweiz mit 15 Punkten bei weniger als einem Drittel ihres aktuellen Werts. In der Finanzkrise sind die Werte dann auf über 80 Punkte angestiegen. Das macht immerhin deutlich, dass die aktuelle Angst noch nicht das Ausmass vom Herbst 2008 erreicht hat.

Die Volatilität der Märkte macht noch besser als die bisherige dramatische Kursentwicklung deutlich, worin das grundlegende Problem besteht: eine extreme Unsicherheit und ein Vertrauensverlust in die Politik. Diese Faktoren haben eine weit grössere Bedeutung als die Verschuldung der USA oder einiger gefährdeter Länder Europas. Auf den Märkten kann man sich keine klare Meinung dazu herausbilden, was noch passieren wird. Anders als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 erscheint es immer weniger wahrscheinlich, dass die Politiker diesseits oder jenseits des Atlantiks zu Massnahmen imstande sind, die die Lage wieder beruhigen könnten.

Die Meinung von S&P hat kaum Bedeutung

Als Auslöser für die jüngsten und verschärften Börsenturbulenzen wird oft die Herabstufung der US-Regierung vom Höchstrating AAA auf AA+ genannt. Tatsächlich hat sich die Lage an den Finanzmärkten aber nicht verschärft, weil den USA seither weniger zugetraut wird, ihre Schulden noch zurückzahlen zu können. Die Staatsanleihen der USA sind neben dem Gold und dem Schweizer Franken eine der wenigen Anlagen, die schon seit den Gerüchten um eine Herabstufung deutlich zugelegt haben und seit dem Entscheid gleich noch einen weiteren Sprung nach oben gemacht haben. Das zeigt sich an deren Rendite, die für das langfristige Zinsniveau der USA stehen: Sie liegt momentan auf dem historisch rekordtiefen Niveau von 2,38 Prozent. Noch gegen Ende Juli waren es 3 Prozent. Die Renditen sinken, wenn die Anleihekurse steigen.

Eine nicht erwartete Verschlechterung des wirtschaftlichen Umfelds und die Lähmung der Politik auf beiden Seiten des Atlantiks treiben die Anleger aus Aktien heraus und in die nach wie vor als besonders sicher geltenden US-Staatsanleihen – und ebenso in den Franken und das Gold. In Europa ist für die Krise der Währungsunion keine Lösung in Sicht. Ein gefährlicher Anstieg der Risikoaufschläge auf italienischen und spanischen Staatsanleihen konnte nur durch massive Käufe der Europäischen Zentralbank gestoppt werden. Doch das war eine Nothilfemassnahme und kein Lösungsansatz. Dass sie überhaupt notwendig wurde, macht nur klar, wie wenig die Politik in Europa trotz aller bisher abgehaltenen Krisengipfel in der Lage ist, der Krise Herr zu werden. Erschwerend kommt nun auch in Europa eine sich abschwächende Konjunktur hinzu.

Wiederauflebende Rezessionsängste in den USA

Auch in den USA mehren sich die Anzeichen für eine weiter abstürzende Wirtschaft. Das Wachstum ist praktisch zum Stillstand gekommen, die Konsumenten halten sich mit Käufen ebenso zurück wie die Unternehmen mit Investitionen, und neben den Aktienmärkten bricht auch der Immobilienmarkt weiter ein. Der CEO des weltweit grössten Anleiheinvestors Pimco, Mohamed al-Erian, hat gegenüber CNN erklärt, dass sich die Leute gewöhnlich um den Erlös auf ihren Vermögen sorgen würden, jetzt aber sorgten sie sich um die Vermögen selbst.

Er rechnet, wie auch Nouriel Roubini und weitere Ökonomen, mit dem zunehmenden Risiko, dass die USA auch im technischen Sinn in eine Rezession zurückfallen, das heisst mit einer über mindestens zwei Quartale schrumpfenden Wirtschaft. Auch hier ist von der Politik wenig zu erwarten. Da die US-Leitzinsen nach wie vor bei null Prozent verharren und es der Notenbank dort schon bisher mit massiven Geldspritzen nicht gelungen ist, die Wirtschaftsleistung wieder anzuschieben, bleiben nur noch Stimulierungsmassnahmen durch den Staat. Zukunftsträchtige Investitionsmöglichkeiten würde zum Beispiel die sanierungsbedürftige Infrastruktur des Landes bieten. Doch wie die jüngste Schuldendebatte gezeigt hat, wird sich dafür kein politischer Konsens finden lassen. Daher droht die Zurückhaltung des Staates die Wirtschaft momentan noch weiter herunterzureissen. Das führt zu geringeren Einnahmen und einem geringeren Wachstum und damit automatisch auch zu einer höheren Verschuldungsquote.

Die Macht der Enttäuschung

Noch um den letzten Jahreswechsel herum schienen Wirtschaftsdaten auf eine deutliche Verbesserung der Konjunkturlage in den USA hinzudeuten. Doch das ging vor allem auf Steuererleichterungen der US-Regierung einerseits zurück und andererseits auf die Geldspritzen der Notenbank. Aber bald schon mussten selbst die anfänglich positiv vermeldeten Wachstumszahlen massiv nach unten korrigiert werden.

Enttäuschte Erwartungen entfalten besonders an den Börsen eine zerstörerische Kraft. Denn die Kurse dort sind nichts anderes als das Ergebnis gehandelter Zukunftserwartungen. Die waren zwar schon bisher nicht euphorisch, doch jetzt haben sie sich noch verdüstert. Und die eingetrübte Stimmung führt zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Zuweilen auch sehr unmittelbar: So vermelden US-Finanzblogs, dass durch die jüngsten Entwicklungen sehr grosse Hedgefonds in die Bredouille geraten seien, die auf eine weitere Aufhellung der Wirtschaft viel Geld gewettet haben – vor allem auch viel geliehenes Geld. Jetzt müssen sie zur Deckung offener Kredite weitere Sicherheiten oder Mittel zurückzahlen – man spricht hier von sogenannten Margin Calls. Das zwingt sie zu Notverkäufen von Aktien. Damit fallen diese aber erst recht. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2011, 15:38 Uhr

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11 Kommentare

erich schweizer

09.08.2011, 17:31 Uhr
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es gibt ein grosses problem ueber das niemand spricht. jeder erdenbuerger ist im durchschnitt schon millionaer, d.h. es gibt mehr als 6000 billionen dollar an geld, aktien, immobilien, sachwerten. es wird eine riesige inflation geben in naher zukunft. mein vorschlag waere alle die mehr als 10 millionen besitzen geben die haelfte zur schuldentilgung plus zur hungerausrottung. Antworten


Nadine Binsberger

09.08.2011, 22:27 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Ach je! Die Börsenkurven spielen überhaupt gar keine Rolle. Sie sagen nur aus, wieviel man an Kapitalrenditen in nächster Zeit erwartet. Aber eine Wirtschaft kann sehr gut auch ohne Kapitalrenditen funktionieren. Die Sonne scheint, der Wind bläst, das Wasser fliesst, die Bäume wachsen... alles - oh Wunder! - auch ohne Banken, Börsen, Renditen, etc. Hirn einschalten! Antworten



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