Wirtschaft
«Warum sagen die Banken nicht einmal danke?»
Von David Vonplon. Aktualisiert am 29.12.2009 48 Kommentare
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Kurz vor Jahresende hat der Bundesrat gemeinsam mit der Nationalbank und der Finma die «strategische Stossrichtung für die Finanzmarktpolitik der Schweiz» skizziert. Künftig wollen die Banken nur noch sauberes Geld aus dem Ausland annehmen. Mit dem Versprechen der Steuerehrlichkeit will die Schweiz das ohnehin schon massiv durchlöcherte Bankgeheimnis retten.
Doch reichen diese Bestrebungen aus, um die Schweiz aus dem Schussfeld der ausländischen Steuereintreiber zu manövrieren? Was muss geschehen, damit der Finanzplatz Schweiz wieder zur alten Stärke zurückfindet? Für baz.ch/Newsnet skizzieren führende Protagonisten aus der Bankenbranche, welches die grössten Herausforderungen sind, denen sich der Schweizer Bankenplatz im kommenden Jahr wird stellen müssen.
Manuel Ammann, Leiter des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen der Uni St. Gallen:
«Für das globale Finanzsystem werden die Nachwirkungen der Rettungspakete im kommenden Jahr eine schwere Hypothek sein. Die Staaten retten mittlerweile selbst mittelgrosse Banken, ohne mit der Wimper zu zucken, wie das Beispiel der Hypo Group Alpe Adria in Österreich zeigt. Mittlere und grosse Banken erhalten damit faktisch eine Staatsgarantie; im Gegenzug verlieren sie unternehmerische Freiheiten, weil Kontrolle und Regulierung verschärft werden.
Aus ökonomischer Sicht ist dieser Trend höchst problematisch: Einerseits bestehen damit noch mehr falsche Anreize als vor der Krise. Und andererseits besteht die Gefahr, dass die Regulierungsbemühungen zu unerwünschten Nebeneffekten führen. Die Kombination dieser Effekte wird 2010 wie ein Damoklesschwert über dem Finanzsystem hängen. Zugleich bleiben die fundamentalen Probleme des Systems, die Abhängigkeit von grosszügiger Notenbankliquidität, die Ungleichgewichte bei den Zahlungsströmen sowie die Inflation der Vermögenswerte, ungelöst. Faktoren wie die überbordende Staatsverschuldung verschlechtern die Situation zusätzlich.
Der Bankenplatz Schweiz hat die Krise vergleichsweise glimpflich überstanden. Die UBS war zwar ein unschöner ‹Tolggen› im Reinheft. Länder wie Grossbritannien, Irland, die USA, und auch Deutschland mussten aber im Verhältnis zur Grösse des Finanzsektors viel mehr Mittel für die Rettungsaktionen aufwenden. Was die Schweizer Banken betrifft, bin ich deshalb nicht allzu pessimistisch fürs kommende Jahr – vorausgesetzt, es gibt keinen weiteren grossen Rückschlag im internationalen Finanzsystem.»
Urs Birchler, Professor für Bankenwesen an der Uni Zürich und früheres Direktionsmitglied der Nationalbank:
«2010 ist das Jahr, in dem Banken und Politik das Gleichgewicht in ihrer Rollenverteilung wiederfinden müssen.
Die Schweizer Banken sind die erfolgreichsten Vermögensverwalter der Welt. Das Geschäft mit unversteuertem Geld gefährdet aber den Ruf der Banken und der Schweiz. Es liegt an den Banken, Rücksicht auf das – für einen Kleinstaat langfristig überlebensnotwendige – Ansehen unsere Landes zu nehmen. Der Politik obliegt es, die berechtigten Interessen gegenüber dem Ausland zu vertreten. Zum Beispiel: Ein Bankier darf langjährige Kunden nicht plötzlich im Regen stehen lassen. Oder: Die offene Schweiz hat einen Anspruch auf freien Marktzugang ihrer Banken im Ausland.
Nicht zu beneiden ist die Nationalbank. Sie hat die Wirtschaft mit massiver Geldschöpfung vor dem Absturz bewahrt. Kann sie dieses Geld wieder abschöpfen, ohne dass der Franken zu stark wird? Kann sie noch zuwarten, ohne die Inflation von der Leine zu lassen?
Der Bund hat mit dem Hilfspaket vom Oktober 2008 die UBS gerettet und andere Banken indirekt geschützt. Die faktische Staatsgarantie für «systemrelevante» Banken hat sich damit aber noch verfestigt. Dieses Problem wird nicht im folgenden Jahr gelöst, aber es wird nie gelöst werden, wenn es 2010 nicht ernsthaft angepackt wird. Mein Vorschlag für einen ersten Schritt: Bank reimt sich auf Dank. Die Banken haben oft mit berechtigtem Stolz auf die Steuern hingewiesen, die sie bezahlen. Warum jetzt im umgekehrten Fall nicht einmal laut und öffentlich danke sagen?»
Pierin Vincenz, Vorsitzender der Geschäftsleitung Raiffeisen Gruppe:
«Der Finanzplatz Schweiz kommt derzeit nicht zur Ruhe, der ausländische Druck aufs Bankgeheimnis wird anhalten. Umso wichtiger ist es, dass wir eine Finanzplatzstrategie entwickeln, welche die Heterogenität des Finanzplatzes Schweiz berücksichtigt, ohne vorschnelle Zugeständnisse zu machen.
Entscheidend wird sein, in welcher Form wir das Bankgeheimnis beibehalten können. Relevante Aspekte der Diskussion sind die Doppelbesteuerungsabkommen, eine mögliche Abgeltungssteuer oder letztlich gar der automatische Informationsaustausch. Intern wird uns die Frage beschäftigen, ob wir die Einlagensicherung im bewährten Rahmen weiterführen können oder ein neues teures System aufbauen wollen, das letztlich von den Sparern finanziert werden muss.
Schliesslich muss die Politik entscheiden, wie sie die staatliche Unterstützung in Zukunft handhaben will – sei es in der Diskussion um die staatliche Postbank oder die Too- big-to-fail-Problematik. Zusammenfassend stellt sich die Frage nach der Positionierung des Finanzplatzes und damit der einzelnen Banken.»
Urs Ph. Roth, CEO Schweizerische Bankiervereinigung:
«Der Finanzplatz Schweiz hat die grossen Herausforderungen angenommen, die das Jahr 2009 in Bezug auf die Zukunft gebracht hat. Das stimmt mich für 2010 sehr zuversichtlich. Einerseits haben wir eine klare Neupositionierung des Finanzplatzes vorgenommen und erklärt, dass wir in Zukunft durch die Akquisition von steuerehrlichen Geldern wachsen werden. Andererseits haben wir eine neue Strategie für den Schweizer Finanzplatz entwickelt, die auch vom Bund getragen wird. Sie basiert auf vier Pfeilern.
Erstens gilt es weiterhin den Schutz der Privatsphäre für alle Bankkunden zu gewähren und einen automatischen Informationsaustausch zu vermeiden. Zweitens muss eine Lösung angestrebt werden, welche die bestehenden Konten im Verhältnis zum Fiskus der betroffenen Länder regularisiert. Drittens bietet die Schweiz dem interessierten Ausland eine bessere Besteuerung des Kapitals und dessen Erträge mittels einer Abgeltungssteuer an. Viertens schliesslich möchten wir einen verbesserten Marktzugang für die Erbringung von Finanzdienstleistungen aus der Schweiz.
2010 gilt es nun diese Strategie im In- und im Ausland umzusetzen. Neben diesen grossen strategischen Herausforderungen erwarte ich auch, dass die Banken in der Schweiz wieder stärker den Kunden in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen und für die Schweizer Wirtschaft ihre wichtige volkswirtschaftliche Funktion noch besser ausüben. Gelingt uns dies, wird der Finanzplatz auch in Zukunft seine grosse Bedeutung wahrnehmen und weiterhin knapp 12 Prozent zur Wertschöpfung beitragen und rund 195’000 Mitarbeitern in der Schweiz einen attraktiven Arbeitsplatz bieten.»
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.12.2009, 13:07 Uhr
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