Wirtschaft
«Wenn es eine Rezession gibt, macht das nichts»
Aktualisiert am 15.06.2009 1 Kommentar
«Da draussen flippen sie aus»: Exponenten der Navajo-Indianer. (Bild: Keystone)
Denn für die Menschen, die im grössten Indianerreservat des Landes leben, hat sich durch die Rezession wenig verändert: Die meisten Navajos besitzen ein eigenes Haus, investieren nicht in Aktien und haben schon seit jeher Schwierigkeiten, einen Kredit bewilligt zu bekommen. Und da bereits vor der Krise die Hälfte der Reservatsbewohner arbeitslos war, hat kaum jemand Angst, dass die Lage noch schlimmer werden könnte.
«Da draussen flippen sie aus, aber wir hatten schon immer 50 Prozent Arbeitslosigkeit», sagt der Navajo-Pastor John Whiterock. «Für uns gehört das zum Leben.» Das bedeutet allerdings nicht, dass die 200'000 Menschen im Reservat, das sich über Teile der US-Staaten Arizona, New Mexico und Utah erstreckt, nichts von der Krise spüren. Die Stammesführer verzeichnen Haushaltseinbussen von 25 Millionen Dollar (18 Millionen Euro), und die Nachfrage nach Sozialdienstleistungen ist gestiegen.
Aber gerade Navajos, die noch der Kultur ihrer Ahnen verbunden sind, können sich mit den schwierigen Umständen arrangieren. Ihre Tradition lehrt sie, dass sich Wohlstand nicht in Dollar bemisst und dass ihre Sprache, das Land und ihre Angehörigen die wichtigsten Mittel zum Überleben sind.
Dolores Claw beispielsweise fängt den Anstieg der Lebensmittelpreise damit auf, dass sie Vieh hält und Mais anbaut. Sie hat ihren Job in einer Kindertagesstätte verloren, nachdem die Zahl der Anmeldungen zurückgegangen war. Und auch ihr Mann hat als Bauarbeiter in der Krise weniger zu tun. Als das Geld knapp wurde, schlachtete die Familie zehn ihrer Lämmer. «Es heisst immer: Wenn du Vieh hast, bist du reich», sagt sie. Andere Navajos verkaufen weiterhin handgewebte Teppiche, Schmuck und Nahrungsmittel an Strassenständen oder Flohmärkten. «Wir haben auf vielfache Weise die Möglichkeit, uns zu ernähren», sagt Navajo-Präsident Joe Shirley.
Überlieferung der Ahnen lehrt Selbstversorgung
Unter traditionell lebenden Navajos, die sich eng an die überlieferten Traditionen ihrer Vorfahren halten, wird Selbstversorgung ohnehin hochgehalten. Dies gilt besonders für die ältere Generation. Der 76-jährige Wilson Aronlith, ein Dozent für Kultur, Philosophie und Geschichte am Diné-College, sagt, die Lehren seiner Ahnen und die Weitergabe der Sprache und Geschichten seines Volks bedeuteten ihm mehr als alles Geld. «Wenn man gute Fähigkeiten hat, ist das Wohlstand. Was sonst sollte man sich noch wünschen?»
Für den 31-jährigen Ivan Gamble bedeutet Tradition, das beste aus der Navajo-Kultur und der westlichen Gesellschaft zu vereinen. Er lebt in einem Haus ohne Wasser und Strom, baut Getreide an und hält Vieh. Aber er hat auch ein Mobiltelefon, einen Internetzugang und verschiedene Jobs, um Geld zu verdienen. «Das ist es, was uns unsere Vorfahren gelehrt haben: sich anzupassen, zu überleben.»
Nach allgemeiner Definition ist das Volk der Navajo arm. Die Armutsrate unter Familien liegt bei 38,5 Prozent, die Arbeitslosenrate beständig bei 50 Prozent, das Pro-Kopf-Jahreseinkommen bei 7500 Dollar (5400 Euro), eine Arbeitslosenversicherung gibt es nicht. Unzufrieden mit ihrem einfachen Leben wirken die Menschen im Reservat aber nicht. Sie leben in den hoch industrialisierten USA, trotzdem holen viele von ihnen ihr Wasser zum Kochen und für das Vieh aber aus weiter Entfernung selbst herbei. Kinder in abgelegenen Gebieten müssen ihre Hausaufgaben im Schein einer Kerosinlampe machen, und zur Hausarbeit gehört Holzhacken oder Kohlensammeln, um das Haus beheizen zu können.
Die Lebenshaltungskosten im Reservat sind niedrig, und das Einkommen aus dem Verkauf von Kunsthandwerk sowie öffentliche Unterstützung reicht vielen Menschen aus, wie Trib Choudhary sagt, ein Experte für wirtschaftliche Entwicklung des Volks. Von den Grundbedürfnissen abgesehen gebe es kaum Wünsche. «Ich sage immer, man kann einen schwarzen Teppich nicht umfärben. Das macht die Navajo-Nation aus», sagt Choudhary. «Wenn es eine Rezession gibt, macht das nichts. Wenn es einen Aufschwung gibt, macht das nichts. Wir sind glücklich.»
2,5 Millionen von 787 Milliarden Dollar für Stammesprojekte
Dennoch hoffen viele Navajos auf eine wirtschaftliche Erholung, die sich auch in ihrem Reservat bemerkbar macht. Denn viele ihrer Mitglieder mussten sich ausserhalb Arbeit suchen, da die Entwicklung im Reservat seit langem nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält. Um die Arbeitslosenrate stabil zu halten, müssten jährlich 3500 Jobs geschaffen werden. Tatsächlich sind es Choudhary zufolge aber nur 200. Einige Schritte zur Ankurbelung der Wirtschaft haben die Navajos bereits selbst unternommen, beispielsweise wurde 2008 eines von sechs geplanten Kasinos eröffnet.
Insgesamt spiegelt die Lage bei den Navajo aber die in vielen Reservaten der Ureinwohner in den USA: Die Arbeitslosenrate ist doppelt so hoch wie im Rest des Landes, das Pro-Kopf-Einkommen beträgt weniger als die Hälfte des Landesdurchschnitts, wie Dante Desiderio sagt, Experte für Entwicklungspolitik beim Nationalkongress Amerikanischer Indianer. Anders als Städte oder US-Staaten hätten die betroffenen Völker schlicht zu wenig Steuerzahler, um eine Infrastruktur aufzubauen und seien daher auf Unterstützung der Bundesregierung angewiesen. Von deren Konjunkturpaket in Höhe von 787 Milliarden Dollar sind 2,5 Millionen für Stammesprojekte vorgesehen. «Wenn man in der Zeitung liest, womit der Rest von Amerika kämpft, entspricht das dem, womit Indianervölker zu kämpfen haben», sagt Desiderio. «Wenn wir das anpacken wollen, besteht jetzt die Chance.» (sam/ap)
Erstellt: 15.06.2009, 12:17 Uhr
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Aber gerade Navajos, die noch der Kultur ihrer Ahnen verbunden sind, können sich mit den schwierigen Umständen arrangieren. Ihre Tradition lehrt sie, dass sich Wohlstand nicht in Dollar bemisst und dass ihre Sprache, das Land und ihre Angehörigen die wichtigsten Mittel zum Überleben sind, Und jetzt frage ich alle, was ist da so falsch daran. ÜBRIGENS DAS WAR NACH DEM 2. WELTKRIEG BEI UNS AEHNLICH. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




