Wer will sich noch an AKW die Finger verbrennen?

Teuer, riskant, out: Innert zweier Tage wurden in Europa sieben AKW-Projekte beerdigt. Eine Entwicklung mit Signalwirkung.

Wohin steuert die europäische AKW-Branche? Kraftwerk im britischen Sellafield.

Wohin steuert die europäische AKW-Branche? Kraftwerk im britischen Sellafield. Bild: Reuters

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«RWE und EON geben AKW-Pläne in Grossbritannien auf», hiess es gestern in deutschen Medien. Konkret ging es um bis zu sechs neue Atomkraftwerke, welche die beiden deutschen Energieriesen auf der Insel bauen wollten. Nur einen Tag zuvor gab Bulgarien den Verzicht auf ein neues Atomkraftwerk bekannt.

Sind diese Absagen nun die Folgen von Fukushima? «Nur teilweise», sagt Stefan Füglister, Atomenergie-Experte und Berater von Greenpeace. Die AKW-Katastrophe von Japan hätte den Prozess der Anpassung wirtschaftlicher Abwägungen «nur beschleunigt». Den Fokus auf die Wirtschaftlichkeit von Atomenergie setzt auch Vontobel-Analyst und Energie-Experte Andreas Escher: «Es stellt sich immer mehr heraus, dass mit der Betrachtung sämtlicher Kosten die Aussicht auf einen wirtschaftlichen Betrieb von AKW weniger positiv ausfällt.» Dass es im europäischen Strommarkt derzeit laut Escher rund 15 Prozent Überkapazität gibt, macht die Sache für AKW-Neubauten nicht einfacher.

Ausufernde Kosten in Finnland

Auch wenn die beiden deutschen Konzerne gestern das Aus ihrer britischen AKW-Pläne nicht primär auf die Wirtschaftlichkeit abschieben wollten, ausufernde Kosten drohen heute bei jedem neuen AKW-Projekt. Füglister dazu: «Die neuen Reaktoren sind für Bau und Betrieb äusserst komplex geworden. Zudem gibt es seit Fukushima verschärfte Auflagen, welche die Kosten noch weiter in die Höhe treiben.»

Füglister spricht vom neuen Reaktortyp EPR des französischen Technologiekonzerns Areva. Ein solcher wird derzeit in Finnland in eine Kraftwerkanlage verbaut. Ging man ursprünglich von 2,5 Milliarden Euro an Baukosten aus, stieg dieser Wert inzwischen auf über 5 Milliarden Euro. Andere Schätzungen gehen heute von bis zu umgerechnet 8 Milliarden Franken für ein neues AKW aus. Hohe Anfangskosten aber erschweren später ein rentables Betreiben der Meiler. Für Vontobel-Analyst Escher ist klar: «Der Rückzug der deutschen Konzerne aus den britischen AKW-Projekten hat sicher Signalwirkung für die ganze Atomenergiebranche.»

Selbst Franzosen setzen auf Windkraft

Selbst in Frankreich, dem Atomenergieland schlechthin, findet offenbar ein Umdenken statt. «Frankreich setzt verstärkt auf Wind», hiess es jüngst in einem Medienbericht. Drei Gigawatt Leistung aus Offshore-Anlagen wollen die Franzosen bis 2016 ziehen. Das sind drei Kraftwerke von der Leistungsklasse Gösgen. Und auch in der öffentlichen Meinung tut sich was: Waren die Grünen schon immer gegen Atomstrom, so scheint die Stimmung nun auch bei den Sozialisten zu kippen. Ihr Kandidat François Hollande hat bei einem Wahlsieg versprochen, mittelfristig 25 der über 50 Meiler abzuschalten.

Die Skepsis gegenüber neuen Atomkraftwerken hat weit um sich gegriffen. «Selbst in Kuwait hat man inzwischen Abstand genommen von Atomenergieplänen», sagt Füglister. RWE war zuletzt aus Projekten in Bulgarien und Rumänien ausgestiegen, an einem Neubauprojekt in den Niederlanden hat man kein Interesse mehr. Einzig in China und Indien würde die Technik noch mit Kraft vorangetrieben. Was Europa betrifft, sagt Füglister, rechne er nicht mehr mit vielen neuen Atomkraftwerken in den nächsten 20 Jahren: «Die lassen sich vermutlich an einer Hand abzählen.» (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.03.2012, 18:29 Uhr)

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