Wirtschaft
«Wir sind lange sehr gut gefahren»
Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 11.01.2011 12 Kommentare
Tobias Straumann: Der Wirtschaftshistoriker (44) ist Privatdozent am Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich.
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Die Wirtschaft fordert Massnahmen gegen den hohen Franken. Die Rede ist sogar von einem fixen Wechselkurs. Wäre das klug?
Nein, das wäre es gar nicht. Alle fixen Wechselkurssysteme sind seit den 70er-Jahren immer wieder zusammengebrochen. Zuletzt traf es das europäische Fixwechselkurssystem Anfang der 90er-Jahre.
Jedes Wechselkurssystem hat Vor- und Nachteile. Was überwiegt heute?
Der Vorteil flexibler Wechselkurse ist, dass man seine eigene Geldpolitik bestimmen kann. Diese Freiheit wird heute höher eingeschätzt als stabile Wechselkurse.
1973 wurde der Wechselkurs in der Schweiz freigegeben. Fünf Jahre später ächzte die Wirtschaft wie heute unter einem sehr hohen Franken. Die Nationalbank musste 1978 intervenieren. Hatte sie Erfolg?
Sie formulierte damals ein Wechselkursziel zur D-Mark. Es kam vorübergehend zu einem starken Anstieg der Inflation, was nachträglich höhere Zinsen erforderte und das Wachstum bremste. Es ist aber nach wie vor umstritten, ob die Inflation unvermeidlich war oder ob man die Geldmenge nicht rechtzeitig hätte reduzieren können.
Was unterscheidet die Intervention der Nationalbank von 1978 von jener von 2010?
Die Nationalbank war 1978 bereit, so lange Geld zu drucken, bis die Spekulation aufhörte. Das hat sie dieses Mal nicht konsequent genug gemacht. Man hat die Spekulation ein bisschen bekämpft, dann aber die Geldmenge schnell wieder reduziert. Die Märkte liessen sich von dieser temporären Massnahme nicht beeindrucken und schon gar nicht bewegen.
Wie erklären Sie sich den raschen Rückzug der Nationalbank?
Ich vermute, man hat nach der erfolgreichen Intervention im Frühling 2009 die eigene Macht überschätzt. Die SNB
(SNBN
1089
2.06%)
glaubte, sie könne auch im Mai 2010 die Märkte bewegen, wenn sie frühzeitig interveniere. Aber die Situation im Mai 2010 war eine ganz andere als 2009. Damals waren die Märkte nach dem grossen Schock der Lehman-Pleite orientierungslos und deshalb beeinflussbar, während im Mai 2010 ein tief sitzendes Misstrauen gegen den Euro vorhanden war. Die SNB hätte jedenfalls nicht schon beim Kurs von 1.45 Franken pro Euro intervenieren sollen. Bei diesem Kurs war der Franken ja noch gar nicht wirklich überbewertet.
1994, als der Franken wieder besonders stark war, verzichtete die Nationalbank auf eine Intervention. Was waren die Folgen?
1994 war die Geldpolitik der Nationalbank zu restriktiv. Die Zinsen hätten früher gesenkt werden sollen. Das Versäumnis hat den Aufschwung gebremst. Die Situation war also eine ganz andere als heute. Heute sind die Zinsen rekordtief, und trotzdem wollen die Anleger den Schweizer Franken.
Und wenn sich die Schweiz an den Euro anhängen würde?
Als einzigen Vorteil sähe ich eine Stabilisierung der Wechselkurse gegenüber den Euroländern. Auf der anderen Seite hätten wir die Autonomie unserer Geldpolitik nicht mehr, die gerade während Finanz- und Wirtschaftskrisen von grösster Bedeutung ist. Ausserdem sind wir mit einer unabhängigen Währung bis 2009 sehr gut gefahren. Der Franken war gegenüber dem Euro eher unterbewertet, was uns einen Exportboom bescherte. Man sprach gar von einer eigentlichen Renaissance der Schweizer Industrie. Für die Schweiz war der Euro bis vor einem Jahr enorm vorteilhaft.
Für die kleineren Unternehmen zählt aber seither nur, wie sie mit dem hohen Franken überleben. Was empfehlen Sie ihnen?
Wäre ich Wirtschaftsvertreter, so würde ich Druck machen für eine befristete Exportsubvention in Form von Krediten oder Steuersenkungen. Ich weiss, dass das ordnungspolitisch heikel ist und kaum Aussicht auf Erfolg hat. Auch gäbe es viele administrative Probleme zu lösen. Aber ich sehe eine solche Überbrückungsfinanzierung, die später zurückbezahlt werden müsste, im Augenblick als einzige Möglichkeit. Man könnte sich dabei an die Exportrisikogarantie oder die Kurzarbeitsregelungen anlehnen.
Gibt es Erfahrungen damit?
Ja, in den 30er-Jahren unterstützte man die Exportwirtschaft mit zahlreichen Massnahmen, etwa mit Lohnbeiträgen. Auch wurden einzelne Branchen gezielt unterstützt, wie zum Beispiel die Hotellerie oder die Uhrenindustrie. Aber das wäre heute gar nicht nötig.
Zur Diskussion steht auch ein Gentlemen’s Agreement mit den Banken gegen die Spekulation.
Solche Abkommen haben nie funktioniert. Es sind ja vor allem die Kunden der Banken, die aus dem Euro aussteigen wollen. Will man das auch verbieten? Der schweizerische Finanzplatz ist so offen, dass man auch alle Nichtbanken wie Vermögensverwalter, Versicherungen und so weiter kontrollieren müsste. Das hat man in den 50er- und 60er-Jahren auch probiert. Es hat nichts gebracht, wie man in den Büchern der Nationalbank nachlesen kann.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.01.2011, 23:09 Uhr
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12 Kommentare
Unglaublich was die SNB angerichtet hat. dilletantische .: Fehlerhafte Reaktion von Hildebrand. Ein Führungswechsel ist dort längst angesagt (siehe Kommentar Weltwoche). Sendet Hildebrand in den Ruhestand. Beispiel Engalnd, die geben dem Euro auch keinerlei Hilfe obwohl England nicht Teil der Eu aber nicht Teil der Währungsunion ist. 50 Mia Verlust für die Schweiz ist doch bereits genug Euro Subvention! Wacht endlich auf! Antworten
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