Wirtschaft
«Wird es gefährlich, holen wir die Polizei»
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 30.08.2009 4 Kommentare
Mentoren-Programm Young Leader
Der «Tages-Anzeiger» stellt in loser Folge Persönlichkeiten aus der Schweizer Wirtschaft vor. Diese begleiten und fördern im Rahmen des Mentoring-Programms Young Leader des Swiss Leadership Forum, des Schweizerischen Instituts für Betriebsökonomie und von Alpha.ch je eine junge Nachwuchs-Führungskraft. Heute stellen wir Roger Lamm vor, Geschäftsführer Region Zürich der Securitas.
Bereits erschienen sind: Hans-Peter Fässler, früherer Geschäftsführer von De Sede; Roland Rigoni, Sales Leader Integrated Industrial Business bei 3M Schweiz; Christian Hafner, Geschäftsführender Teilhaber bei der Privatbank Wegelin; Gabriela Manser, Geschäftsführerin der Mineralquelle Gontenbad.
Das Programm: Die Mentoren suchen sich ihre Schützlinge, die Mentees, aus den Bewerbungen aus. Die beiden vereinbaren gemeinsam, wie die Zusammenarbeit ablaufen soll.
Die Bewerbung: Interessenten finden auf www.alpha.ch/youngleader ein Bewerbungsformular. Neben persönlichen Angaben zur Motivation, am Programm teilzunehmen, und zu eigenen Erfolgen ist auch ein Lebenslauf einzureichen.
Der TA und der Tamedia-Kadermarkt Alpha.ch sind Medienpartner des Swiss Leadership Forum. (oku)
Die Aktualität sollte ihn bestätigen. Wenige Tage nachdem Roger Lamm in seinem Büro darüber gesprochen hatte, dass «das Gewaltpotenzial spürbar gestiegen ist» auf Zürichs Strassen, passiert es. In einer idyllischen Gemeinde am Zürichsee streiten am Samstagabend Jugendliche auf einem Pausenhof, sie zücken Messer, drei von ihnen werden schwer verletzt. Sämtliche Medien der Deutschschweiz berichten über den Streit. Einige Anwohner lassen nach dem Vorfall rasch verlauten, sie seien «nicht überrascht». Und wieder kommt er, in Leserbriefen und Kommentaren, der Ruf nach härteren Strafen für jugendliche Gewalttäter, nach mehr Kontrollen in den Quartieren.
«Die Menschen fühlen sich unwohl»
«Das Gefühl der Unsicherheit in der Gesellschaft nimmt zu», hatte Lamm, einstiger Oberleutnant bei den Schweizer Panzertruppen, Chef von 800 Securitas-Wächtern, Tage zuvor gesagt. «Die Menschen fühlen sich unwohl.»
Die Securitas-Gruppe, 1907 gegründet, seither in den Händen einer alten, verschwiegenen Berner Familie, profitiert davon. Sie ist seit ihrer Gründung jedes Jahr gewachsen, um durchschnittliche 10 Prozent, wie Samuel Spreng, Enkel des Firmengründers, 2007 in seltener Offenheit erzählte. Die Firma feierte da ihr 100-Jahre-Jubiläum in den Bea-Hallen in Bern. Anwesend waren 600 Gäste, unter ihnen Christoph Blocher, damals Bundesrat im Justiz- und Polizeidepartement. Die Gesamtgruppe ist mit knapp 900 Millionen Franken Umsatz und 10'000 Mitarbeitenden einer der grössten Arbeitgeber der Schweiz. 6500 der Angestellten arbeiten bei der Securitas, der Tochterfirma.
Wachstumsmarkt Sicherheitsdienste
Auch der Direktion Zürich der Securitas geht es gut. Sie erwirtschaftete im letzten Jahr 60 Millionen Franken Umsatz und einen respektablen Gewinn – den das verschwiegene Unternehmen traditionell nicht öffentlich macht. Grösster Wachstumsmarkt: die Sicherheitsdienste. Das klassische Patrouillieren also, zwischen 24 Uhr und 3 Uhr, vermehrt auch draussen in den Dörfern, wo Jugendliche Mauern verschmieren, Glasflaschen werfen und sich auch mal verprügeln. Auch in der Zürcher Seegemeinde war in der Nacht der Messerstecherei ein Securitas-Mann vor Ort – er war es, der Polizei und Notruf alarmierte.
Die Securitas wird engagiert, wenn der Dorfpolizist zu teuer, die Verkehrspolizisten rar, der Sicherheitspolizist überqualifiziert ist. 100 Franken pro Stunde kostet den Staat durchschnittlich ein Polizist, ein Securitas-Mann kostet die Hälfte. Das liegt auch an der Ausbildung: Zwei Jahre dauert die Grundausbildung einer Polizistin, jene des Sicherheitsmannes zunächst drei Monate. Danach wird er bis zu zwei Jahre lang gezielt geschult – auf dem Gebiet, auf dem er tatsächlich eingesetzt wird. Das spart Geld. Es brauche keine teure kriminalistische Ausbildung, um einen Häftling von einem Gefängnis zum anderen zu fahren, sagt Lamm. Auch keine vertieften Kenntnisse der Strassenverkehrsordnung, sondern vielmehr konkrete Übung im Umgang mit Menschen. «Effizient» nennt Lamm die Delegation an die Securitas.
Fall Nestlégate
Mitarbeitende verschiedener Gruppentöchter arbeiten heute als Bahnpolizisten, transportieren Gefangene und Asylbewerber oder beschaffen Informationen. 2004 sorgte der Fall Nestlégate für Aufregung: Eine junge Securitas-Frau hatte bei den globalisierungskritischen Aktivisten von Attac verdeckt Informationen gesammelt und diese an Nestlé weitergegeben. Der Waadtländer Untersuchungsrichter befand später, es sei «zu keinen strafrechtlich relevanten Handlungen gekommen» und stellte das Verfahren ein. Attac rekurrierte dieses Jahr. Erfolglos: Der Untersuchungsrichter bestätigte den Nichteintretensentscheid am 30. Juli. Die Securitas liess zum Fall verlauten, sie «begrüsse» den Entscheid, nehme aber trotzdem «den Unmut über die (...) Aktivitäten ernst».
Mit den Aufträgen kommen die kritischen Medienberichte. «Wie die Securitas um sich greift», schrieb letztes Jahr der «Beobachter». Der TA sprach bei den Informationsdiensten der Securitas von «Spitzeldiensten», die NZZ sieht angesichts der verschiedenen Tätigkeiten der Gruppe Anlass zur Frage, «wie weit die Privatisierung polizeilicher Befugnisse zulässig und wünschenswert» sei. Auch die Polizisten sind nicht immer begeistert: Die Gefangenentransporte der Securitas seien «ein Abbau des Service public», erklärte Jean-Pierre Monti, der Sekretär des Verbandes Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB), 2001 der «Wochenzeitung».
«Keine Zeit für grosse Diskussionen»
Der Entscheid für oder gegen eine Privatisierung sei ein politischer, sagt Lamm knapp. Und er wiederholt, was das Unternehmen stets mitteilt: «Das Gewaltmonopol bleibt beim Staat.» Ein Securitas-Angestellter wende keine Gewalt an, er trage keinen Helm, keinen Schild. «Es ist ganz einfach: Wird es gefährlich, holen wir die Polizei.» Draussen auf der Strasse, wird Lamm später sagen, sei keine Zeit für grosse Diskussionen. Da müsse es funktionieren, sonst werde es gefährlich.
Ein seriöser, ein gradliniger Mensch sei ihr Chef, sagt die Assistentin. An ihrer Bürowand, deren Tür direkt in Lamms Büro führt, steht «Zäme ha, gradus gah» – in Schnörkelschrift und hinter Glas. Es ist das Leitmotiv des Familienunternehmens, geprägt vom Firmengründer Jakob Spreng, Fürsprech und Oberst, der es in stolzer Manier von Berner Künstlern malen liess. Securitas hiess die Firma von Anfang an.
Was er über das Führen von Menschen weiss, will Lamm nun einem jungen Menschen mitgeben. Jemanden, der zuhören könne, wünsche er sich als Schützling. Jemanden, der bereit sei für einen ehrlichen Dialog. «Und eigentlich», fügt er nachdenklich an, «wäre es schön, wenn sich eine Frau melden würde.» Denn, vielen Frauen fehle eine wichtige Führungserfahrung – jene aus dem Militär.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.08.2009, 20:43 Uhr
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4 Kommentare
Flankierende Massnahmen lassen grüssen und enden im 2010 in der visumsfreien Einreise in die CH des restlichen Ostblocks. Freuet Euch des Lebens. Statt die von der Gewerkschaft geforderten Millionen für Krippenplätze würde man das Geld gescheiter der Polizei zuschanzen,damit diese mehr Leute anstellen und auch gut entlöhnen kann u.dann die Sicherheit gewährleistet ist. Antworten
Für mich sind zwei Dinge klar. Erstens ist es wichtig die Polizei zu stärken, denn ich vertraue der Polizei mehr als privaten Sicherheitsfirmen. Zweitens muss Prävention betrieben werden! Nur mit Bildung, Sozialhilfe und ähnlichem kann gegen Gewalt (vorallem Jugendgewalt) angekommen werden. Doch das sind leider Dinge bei denen zu Unrecht gespart wird, Dinge die gestärkt werden müssen! Antworten
Dass die Aggressivität allgemein steigt, ist doch kein Wunder bei den massiven Einwanderungsüberschüssen im Zuge der Personenfreizügigkeit. 98000 Personen im 2008, Einwohnerzah der Stadt Winterthur!. In jedem guten Tierfilm ist ersichtlich, dass eine zu enge Besiedlung des Territoriums zu Kämpfen führt. Mit einer Verschärfung in den nächsten Jahren ist leider zu rechnen! Antworten









Guido Graf
"Die Menschen fühlen sich unwohl" - diese Umschreibung trifft zu, doch ist sie zu harmlos! Es sind nur noch linke Verharmloser und Schönredner, die verlangen, dass Grenzwächter ohne Pistole in den Zügen kontrollieren. Sie nehmen damit in Kauf, dass diese Ordnungshüter von gewaltbereitem Gesindel gar wie Kaninchen abgeschossen werden können, was leider schon mehrmals passierte! Antworten