Wirtschaft
Wo der Tourismus-Chef neue Gäste anlocken will
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 27.12.2010 4 Kommentare
Jürg Schmid
Er vermarktet die Schweiz
Der 48-Jährige ist seit über 10 Jahren Direktor von Schweiz Tourismus. Schmid sorgte im vergangenen Mai für Schlagzeilen, als er den Job als Chef des SBB-Personenverkehrs noch in der Probezeit an den Nagel hängte und zu Schweiz Tourismus zurückkehrte. Das Marketingunternehmen beschäftigt rund 240 Angestellte, die Hälfte davon im Ausland. Schmid ist einer von drei Vizepräsidenten der European Travel Commission.(meo)
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Vor Weihnachten spielte der Winter verrückt, im Flugverkehr lief nichts mehr. Annullierten gestrandete Passagiere ihre Hotelreservationen?
Viele unserer Gäste waren blockiert und reisten später an. Wir wissen auch von einzelnen Annullationen. Die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung macht die Planung für Gast und Hotelier äusserst schwierig. Wetter- und Währungskapriolen ergänzt durch ungünstig gelegene Feiertage machen es unserer Branche dieses Jahr alles andere als leicht.
Wie hoch schätzen Sie den Schaden ein? Wer trägt die Kosten?
Es zeigt sich einmal mehr, wie hilfreich eine Reiseannullationsversicherung sein kann. Die grosse Mehrzahl der Hoteliers geht aber sehr kulant mit unverschuldeten Verschiebungen und Annullationen um. Jeder einzelne Unternehmer entscheidet, ob er dem Gast entgegenkommen kann und will. Grundsätzlich ist der Gast zur Zahlung verpflichtet.
Winterzeit ist Zeit für Städtereisen. Wie ist die Schweiz da positioniert?
Die Schweizer Städte haben die grössten Wachstumschancen. Die Leute reisen immer öfter, aber immer kürzer. Im Vergleich zum Ausland sind unsere Städte auch preislich konkurrenzfähiger als der alpine Raum. Auch bei tiefem Pfund oder Euro ist eine Hotelübernachtung in London oder Paris immer noch wahnsinnig teuer. Allerdings ist die aktuelle Währungsentwicklung dramatisch und setzt auch die Konkurrenzfähigkeit der Städte unter Druck.
Aber es täuschte nicht, wenn man in Zürich ungewöhnlich viele Italiener beim Weihnachtsshopping sah?
Nein, das ist eine Realität. Zürich ist exzellent positioniert und hat kulturell viel zu bieten, nicht nur mit dem Kunsthaus, auch mit dem Rietberg-Museum und anderem. Für wohlhabende Italiener existierte Zürich früher allenfalls als Finanzzentrum. Das ändert sich. Mit der Eröffnung der Bahntunnels am Gotthard 2017 und Ceneri 2019 kriegt Zürich zudem eine Jahrhundertchance. Mailand rückt näher und damit ein riesiger Wirtschaftsraum. 2015 findet dort die nächste Weltausstellung statt: 20 Kilometer von der Schweizer Grenze werden 20 Millionen Leute erwartet. Dieser Anlass ist für die ganze Schweiz eine Riesenchance.
Wie steht Bern da?
Das vom Italiener Renzo Piano erbaute Zentrum Paul Klee zieht viele Italiener, Franzosen und Spanier an, auch das Kunsthaus und das Historische Museum bieten spannende Exponate. Berns Altstadt ist zudem Unesco-Weltkulturerbe, auch das zieht viele Touristen an. Am Sonntag ist allerdings die Innenstadt sehr entleert. Hier und anderswo sind unsere Ladenöffnungszeiten das Problem: Die Geschäfte sind zu, wenn die Gäste Zeit zum Shoppen haben. Nicht jeder will nur ins Museum.
Sie haben Ihre neue Stelle bei den SBB nach kurzer Zeit verlassen und sind wieder bei Schweiz Tourismus. Was macht Jürg Schmid der Zweite anders als Jürg Schmid der Erste?
Zunächst macht er eines immer noch gleich: Er macht mit Begeisterung Werbung für Ferien in der Schweiz. Ich bin nicht zurückgekommen, um alles zu ändern. Das würde ja heissen, dass vorher alles falsch war. Aber neue Herausforderungen gibt es genug, angefangen beim hohen Schweizer Franken.
Das tönt langweilig: zurück an den alten Ort, in den alten Trott . . .
Gut, ein paar Sachen haben wir neu aufgegleist. Wir überarbeiten das gesamte Konzept unserer Informationsvermittlung, wollen die digitalen Medien mehr nutzen und eine iPad-Version bringen.
Dank Ihrer Vergangenheit in der IT-Branche hat Schweiz Tourismus früh auf digitale Medien gesetzt. Welche Ihrer Apps gefällt Ihnen persönlich am besten?
Die Wander-App «Swiss Hike» mit den 32 schönsten Wanderungen, Karten und allem Drum und Dran. Einmal runtergeladen, funktioniert sie auch offline, wenn man keinen Empfang mehr hat. Auch die City-App für sieben Städte kommt gut an. Die neuen Medien verändern das Reisen. Das ist spannend, aber auch eine Herausforderung: Technologie kostet.
Jedes Handy verwendet ein anderes System. Erhöht das die Kosten?
Absolut. Es wird immer teurer, die Infos zu produzieren, dafür sinken die Distributionskosten: Wenn ich mal eine App habe, breitet sich die kostenlos aus. Apple ist in der Schweiz derzeit das Mass aller Dinge, aber Android von Google wird kommen, und jedes Mal braucht es praktisch eine Neuentwicklung. Kleine und mittelgrosse Destinationen werden immer mehr Mühe haben, diesen Aufwand selber zu betreiben. Die Technologie wird so zu einem Konsolidierer der Branche. Die Kosten sind exorbitant.
Wie entwickelt sich die Herkunft der Schweiz-Besucher?
Bei Japan erleben wir seit zehn Jahren einen Rückgang. 2001 hatten wir 1 Million japanische Übernachtungen, 2010 werden es 520'000 sein. Japan hat sich faktisch halbiert. Wenn man einen japanischen Touristen zu sehen glaubt, ist das wahrscheinlich ein Chinese. Aber damit ist die Schweiz nicht allein: Die Japaner reisen vor allem nach China, seitdem sich das Land geöffnet hat. Deshalb setzen wir jetzt neue Schwerpunkte.
Wo tun Sie das?
Zum einen in Brasilien. Das Land ist aufstrebend, die Nachfrage ist noch klein, nimmt aber stark zu. Vermögende Brasilianer kommen im Sommer immer mehr in die Schweiz. Polen ist das zweite Land, in dem wir 2011 eine Niederlassung eröffnen. Da leben 39 Millionen Leute, es ist relativ nah, und unser Land hat ein Top-Image. Aus Polen reist auch die Mittelklasse in die Schweiz, was auch kleineren Orten gute Chancen gibt.
Schweiz Tourismus hat gute Zahlen zur Herkunft der Touristen. Wie steht es um die Aufschlüsselung nach Kaufkraft oder Ausgaben?
Wir wissen genau, wie viel ein Gast aus welchem Markt ausgibt. Nicht überraschend geben Gäste aus den Golfstaaten am meisten aus, gefolgt vom Chinesen, wobei dieser das Geld nicht im Hotel, sondern beim Shoppen ausgibt. Darauf stützen wir auch unsere Strategie ab. Wir haben eigentlich nur eine Lücke in der Statistik: die Parahotellerie. Wir zählen jedes Murmeltier in diesem Land, aber wir haben keine Ahnung, wer in Ferienwohnungen und Campings übernachtet. Dabei tun dies geschätzte 40 Prozent der Touristen in der Schweiz. 2004 hat der Bund diese Statistik aus Spargründen leider eingestellt.
Was hat das für Folgen?
Ich wage die These, dass sich der Schweizer Tourismus viel positiver entwickelt hat als angenommen. Es gab eine Verlagerung hin zu Ferienwohnungen, und darunter leidet die Hotellerie.
Gerade in diesem Bereich fällt auf, dass immer mehr Ausländer in den Schweizer Tourismus investieren. Ich denke an Samih Sawiris in Andermatt oder die Holländer in Unterterzen. Weshalb ist das so?
Die Ausländer machen das nicht aus Nächstenliebe, sondern aus der Erkenntnis, dass die Schweiz konkurrenzfähig ist und Investitionssicherheit bietet. Der Tourismus ist eine spannende Branche. Obschon Konjunktur und Währung dieses Jahr nicht für die Schweiz sprachen, werden wir 2 Prozent im Plus liegen. Die Hotellerie hat jedes Jahr rund 1,3 Milliarden Franken investiert, die Bergbahnen 300 bis 400 Millionen Franken. Da ist etwas gegangen.
Glauben Sie, dass Andermatt je das geplante Ausmass erreichen wird?
Ich hoffe es. Das Konzept ist interessant, vereinigt es doch die Wertschöpfung in einer Hand. Sawiris investiert in Hotels, Infrastruktur und Freizeitanlagen, damit er für die Immobilien gute Preise erzielen kann. Sonst läuft es umgekehrt: Die Touristiker erstellen die Infrastruktur, die Immobilienmakler verdienen. Würde man heute einen Kurort designen, würde man wie Sawiris vorgehen.
Der Bund will Schweiz Tourismus ab 2012 statt 47,5 nur 42,5 Millionen Franken zahlen. Gleichzeitig hat der Bundesrat eine Wachstumsstrategie definiert. Wie geht das auf?
Wachstum heisst mehr Nachfrage, und die Förderung dieser Nachfrage ist unser Kernauftrag. Wenn man will, dass der Tourismus blüht, dürfen wir die Präsenz nicht zurückfahren. In fernen Märkten hat die Schweiz Top-Chancen. Denken Chinesen an die Alpen, denken sie an die Schweiz. Das hat direkt mit der Vermarktung zu tun. Aber diese Vermarktung wird immer teurer – nicht zuletzt aufgrund der Inflation in den Zielländern. In Indien etwa kosten Mieten und Löhne jährlich 9 Prozent mehr. Wird unser Budget gleichzeitig um 9 Prozent gekürzt, berauben wir die Branche um ihre Globalisierungschance – und die Schweiz um zahlreiche Arbeitsplätze. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.12.2010, 06:38 Uhr
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4 Kommentare
„..berauben wir der Branche um ihre Globalisierungsbranche“…sprechen wir von der Branche bei der Preis/Leistung jedes Jahr schlechter wird? Die Branche welche so gut wie nichts in „Wellness“ investiert hat? Die Branche welche je länger je mehr auf mässig qualifizierte Mitarbeiter setzt um die Lohnkosten zu optimieren. Herr Jürg Schmid soll doch mal ein Wochenende nach Österreich oder Deutschland fahren. Dort kann man bei einer Bestellung deutsch sprechen und darf auch seine Extrawünsche anbringen ohne das man sich entschuldigen muss. Antworten
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