Verrückter Börsenplan des Sergei W.

Durch einen Anschlag die Aktienkurse bewegen – das gabs bisher nur in Thrillern. Der BVB-Attentäter hat das versucht. Und ist damit aufgeflogen.

Von einem heftigen Kurseinbruch erhoffte sich Sergei W. offenbar hohe Gewinne. Foto: Steven Saphore (Reuters)

Von einem heftigen Kurseinbruch erhoffte sich Sergei W. offenbar hohe Gewinne. Foto: Steven Saphore (Reuters)

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Ein Terroranschlag als Wette auf die Aktienmärkte: Ein solcher Fall ist bisher noch nie bekannt geworden. Doch genau das war, wie sich jetzt zeigt, das Motiv des am Freitag verhafteten 28-jährigen Sergei W., der mit einer Bombe mehrere Spieler der deutschen Fussballmannschaft Borussia Dortmund töten wollte. Der Anschlag richtete sich gegen den Teambus der Mannschaft, als diese zu einem Spiel unterwegs war.

Sergei W. hat offenbar 15'000 sogenannte Put-Optionen auf die Aktie des an der deutschen Börse kotierten Fussballclubs Borussia Dortmund gekauft. Bei einem heftigen Kurseinbruch hätte er so einen hohen Gewinn erzielt. Mit der Ermordung zumindest eines Teils der Mannschaft hat er gehofft, einen solchen Kurseinbruch der Borussia-Dortmund-Aktie zu verursachen. Für Put-Optionen bezahlt man eine vergleichsweise geringe Prämie pro Option. Dafür hat man dann das Recht, Aktien zu einem im Voraus festgelegten Kurs (dem sogenannten Strike) dem Verkäufer der Put-Option zu verkaufen (Verkäufer sind meist Banken). Fällt nun der Kurs dieser Aktien unter den Strike, kann man die Aktien zum tieferen Preis auf dem Kapitalmarkt kaufen und sie zum höheren an den Optionsverkäufer verkaufen. Die Differenz ist der Gewinn. Fällt der Kurs der Aktie nicht unter den Strike-Kurs, bleibt die Option wertlos. Der Verlust beschränkt sich dann allerdings nur auf die dafür bezahlte Prämie.

Am 11. April gab die Aktie um mehrere Prozent nach: Börsenchart des Borussia-Dortmund-Papiers. Bild: Screenshot Bloomberg

Der Attentäter wollte seinen Gewinn dadurch steigern, dass er noch nicht einmal eigenes Geld für den Kauf der Optionen ausgegeben hat. Dafür hat er gemäss Presseberichten einen Kleinkredit in der Höhe von 40'000 Euro aufgenommen. Das wäre bei einer gewöhnlichen Optionsstrategie ein hoch riskantes Vorgehen. Für den Attentäter sah das anders aus. Wäre sein Attentatsplan aufgegangen, wäre die Aktie des Clubs wohl tatsächlich abgestürzt und Sergei W. hätte mit seinen Optionen viel Geld verdient. Allerdings hätte er damit rechnen müssen, dass sein Optionsdeal auffällt.

Video – Die Behörden informierten am Freitagmittag zum BVB-Anschlag:

Die verdächtigen Geschäfte brachten die Ermittler auf die Spur.

So war es denn auch. Die Put-Optionen, die der Attentäter erwarb, wiesen einen derart tiefen Strike-Kurs und Umsatz aus, dass selbst die Börsenredaktion des deutschen Senders ARD stutzig wurde und daraus schloss, dass der oder die Käufer von solchen Optionen entweder total unerfahren seien oder einen extremen Kurssturz erwartet hätten – einen Kurssturz, der selbst bei Verlusten der Mannschaft nicht zu erwarten war. Durch die Wahl eines Strike-Kurses, dessen Erreichen als höchst unwahrscheinlich galt, konnte Sergei W. die Optionen zu einer entsprechend geringen Prämie erwerben. Durch Hinweise von den Kapitalmärkten konnte der Attentäter letztlich auch eruiert und verhaftet werden.

Die Aktie des Fussballclubs fiel seit dem Anschlag, bei dem ein Spieler und ein Polizist verletzt wurden, tatsächlich, wenn auch nicht in einem Ausmass, mit dem sich das Optionsgeschäft gelohnt hätte. Ihr Kurs lag am Freitagnachmittag rund 3 Prozent tiefer als vor dem Anschlag. Doch das dürfte vor allem am Ausscheiden des Clubs aus der Champions League liegen, das mit den beiden Niederlagen gegen die AS Monaco besiegelt ist. In deutschen Medien wird allerdings auch die Vermutung geäussert, wegen des Anschlags sei die Mannschaft weniger motiviert, was ihre Gewinnchancen schmälere. Dies könne auch ein Grund für die Schwäche des Borussia-Titels sein.

Weitere Beispiele für Anschläge mit dem Ziel, die Kapitalmärkte zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen, gibt es nicht. Das war bisher vielmehr Thema von Verschwörungstheorien oder Spielfilm-Thrillern. Die möglicherweise bekannteste und besonders absurde Verschwörungstheorie rankt sich um die Angriffe auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, die als der bisher schwerste Terroranschlag mit rund 3000 Toten in die Geschichte eingingen. Die Folge von 9/11 war tatsächlich ein zwischenzeitlicher Einbruch der US-Börse, die dann geschlossen wurde und sich kurz danach wieder erholte. Glaubwürdige Hinweise für eine solche Theorie hat es allerdings nie gegeben. Im Gegensatz dazu war der islamistische Hintergrund der Tat schnell offensichtlich.

Und im James-Bond-Thriller «Goldfinger» hätte eine radioaktive Bombe die Goldreserven der USA in Fort Knox zerstören sollen. Das hätte den Bösewicht des Films noch sehr viel reicher gemacht, weil dessen schon hoher Goldbesitz deutlich an Wert zugelegt hätte.

Auch wenn es in der Realität keine bekannten Beispiele für Terrororanschläge als Anlagestrategie gibt, existieren eine Menge Versuche, auf anderen Wegen – kriminellen oder zumindest fragwürdigen – die Kapitalmärkte aktiv zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen.

Insidergeschäfte

Die bekannteste kriminelle Art sind Insidergeschäfte. Wenn interne Kenner eines börsenkotierten Unternehmens über künftige Ereignisse – etwa unerwartete und noch unbekannte Verluste oder Gewinne – Bescheid wissen, dann können sie damit Geld verdienen, indem sie auf ein Sinken oder Ansteigen des Aktienkurses wetten. Das berühmteste Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist der Hedgefonds-Manager Raj Rajaratnam, der für seine Vergehen 2011 zu einer Haftstrafe von 11 Jahren verurteilt wurde. Rajaratnam hatte Insiderinformationen gekauft, war so in der Lage, Börsenentwicklungen vorwegzunehmen, und hat damit laut Berechnungen der Staatsanwaltschaft 63,8 Millionen Dollar kassiert.

Leerverkäufe

Hedgefonds versuchen aber auch auf andere und meist legale Wege, auf fallende Kurse zu setzen. Zum Beispiel, wenn ihre Analyse eines Unternehmens oder einer volkswirtschaftlichen Entwicklung ergibt, dass Aktien oder andere Anlageinstrumente überbewertet sind und bald fallen werden. Dabei setzen sie in der Regel aber keine Put-Optionen ein, wie es Attentäter Sergei W. getan hat. Vielmehr verkaufen sie die Anlagen leer («short», wie man das im Finanzjargon nennt). Das heisst, sie leihen zum Beispiel Aktien aus und verkaufen sie in der Hoffnung, sie später zu einem billigeren Preis zurückkaufen zu können, um sie dann zurückzugeben. Die Kursdifferenz ist dann ihr Gewinn. Das Verlustrisiko ist hier allerdings deutlich grösser, denn die Aktien müssen auf jeden Fall zurückgekauft werden, auch wenn ihr Kurs steigt. Bei Optionen geht im schlimmsten Fall nur die bezahlte Prämie verloren. Leerverkäufe sind aber für Kleinspekulanten wie Sergei W. unmöglich.

Das wohl berühmteste Beispiel eines Leerverkaufs ist jenes des Hedgefonds-Managers George Soros. Im Jahr 1992 hat er durch den Verkauf von britischen Pfund – die dann im Wert deutlich einbrachen – rund eine Milliarde Dollar verdient. Soros wusste, dass die britische Notenbank die Währung nicht lange würde stützen können, da sie dazu die Zinsen hätte erhöhen müssen. Doch damit hätte sie die an sich schon schwache Konjunkturlage damals verschlimmert. Die Folge war damals nicht nur der Milliardengewinn von George Soros und der Wertverlust des britischen Pfunds, sondern auch der Austritt Grossbritanniens aus dem damaligen europäischen Währungssystem, einem Vorläufer der Währungsunion. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 15:57 Uhr

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