«In fünf Jahren werden wir nicht mehr selber einscannen»

Amazon eröffnet einen Laden ohne bediente Kassen. Wie sich der Detailhandel in der Schweiz entwickeln wird, sagt Zukunftsforscherin Karin Frick.

Der erste Laden ohne bediente Kassen: Amazon testet in Seattle ein neues Shopkonzept.

Der erste Laden ohne bediente Kassen: Amazon testet in Seattle ein neues Shopkonzept. Bild: Jason Redmond/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Amazon macht ernst und eröffnet in Seattle den ersten Laden ohne eine bediente Kasse. Überrascht Sie das?
Gar nicht. Dieses Szenario gibt es schon seit Jahren. IBM hat dieses Konzept 2006 in einem Werbeclip umgesetzt. Es ist also so etwas wie die Chronik eines angekündigten Todes.

Welche Absicht verfolgt Amazon mit dieser Ankündigung?
Amazon befindet sich in Konkurrenz zum stationären Handel. Der Wettkampf dreht sich darum, wer eine solche Lösung als Erster realisieren kann. So kann sich ein Unternehmen als innovativ präsentieren. Erstaunlich ist, wie lange es ging, bis jetzt eine Firma diesen Schritt in die Realität umsetzt.

Und wie lautet Ihre Erklärung dafür, dass es so lange dauerte?
Weshalb soll man etwas ändern, wenn das vertraute Geschäft noch funktioniert und genügend Gewinn abwirft?

Dann ging es wie schon bei der Ankündigung von Amazon zur Paketzustellung per Drohne um Effekthascherei und Publizität?
Auch, aber nicht nur. Amazon hat den Vorteil, mit stationären Läden quasi auf der grünen Wiese beginnen zu können. Andere Detailhändler wie Walmart sind durch ihr stationäres Filialnetz viel weniger flexibel. Das Amazon-Modell funktioniert als grosse Datenwolke, als Cloud. In ihr sind all die Informationen über die Kunden und die Logistik enthalten. Da ist es einfacher, ein paar Testläden oder Pop-up-Stores an der Grenze dieser Wolke einzurichten, um an wichtigen Knotenpunkten präsent zu sein oder neue Technologien publikumswirksam auszuprobieren.



Die Schweizer Detailhändler äussern sich eher zurückhaltend zum neuen Schritt von Amazon. Was schliessen Sie aus dieser Reaktion?
In der Schweiz können Coop und Migros durch ihre Grösse selber das Tempo bei solchen Entwicklungen bestimmen. Das zeigte sich schon bei der Einführung der Self-Scanning-Kassen. Dabei war von Anfang an klar, dass diese Kassen nur ein Zwischenschritt sein werden.

Und wann erfolgt der nächste Schritt?
Ich gehe davon aus, dass wir in fünf Jahren in den ersten Filialen die Produkte auch nicht mehr selber einscannen müssen. Das wird eine fortlaufende Entwicklung sein.

Was heisst das für das Personal, das jetzt an der Kasse arbeitet? Bereits bei der Einführung von Self-Scanning-Kassen wurde behauptet, deswegen werde kein Personal abgebaut.
Es wird eine Verschiebung geben von der Kasse zur Beratung. Das ist keine leere Phrase. In Zukunft wird sich die Frage immer häufiger stellen, wofür ein Kunde einen Laden aufsuchen soll. Ein Alltagsprodukt, das dann sowieso gleich im Kühlschrank landet, kann ich auch online bestellen.

Gerade bei Lebensmitteln ist aber der Anteil, der online bestellt wird, vergleichsweise klein. In der Schweiz liegt er bei rund 2 Prozent.
Der Anteil wird zunehmen. Die Angebote für die Heimlieferung ändern sich rasend schnell. Je billiger, schneller und flexibler diese Zustellung wird, desto bedeutender wird das Geschäft.

Welche Veränderung steht den Läden aufgrund dieser Entwicklung bevor?
Auf den Verkaufsflächen wird es in Zukunft mehr um Emotionalität gehen, also darum, wie die Ware präsentiert wird. Man kann die Entwicklung am Beispiel der Cafés aufzeigen. Es wäre längst möglich, weitgehend automatisierte Kaffeehäuser zu konzipieren, die qualitativ hochwertige Getränke ausschenken. Doch wir gehen auch ins Café, weil wir uns bedienen lassen wollen. Das Erlebnis wird wichtiger, wenn die Abläufe immer besser organisiert und günstiger werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.12.2016, 19:02 Uhr

Karin Frick ist Forschungsleiterin am Gottlieb-Duttweiler-Institut.

Artikel zum Thema

Der Laden ohne Kassen

Mit dem vollen Einkaufswagen einfach aus dem Laden laufen: Das verspricht eine neue Idee von Amazon. Und wie soll das funktionieren? Mehr...

Amazons neuer Coup

Milch, Fleisch und Gemüse aus dem Internet? Amazon-Kunden sollen ihre Bestellungen künftig in eigenen Shops abholen können. Mehr...

Amazon plant offenbar 400 reale Buchläden

Der weltgrösste Online-Händler soll in den USA die Eröffnung von bis zu 400 Buchläden prüfen. Amazon tritt damit in direkte Konkurrenz mit dem konventionellen Buchhandel. Mehr...

Kommentare

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick