Wirtschaft

So schonungslos verheizt Amazon seine Manager

Aktualisiert am 17.08.2015 130 Kommentare

80-Stunden-Woche, E-Mail-Terror und Verleumdung: Nur knapp ein Jahr halten es Mitarbeiter im Durchschnitt bei Online-Gigant Amazon aus. Insider berichten, wie sie den Arbeitsalltag erlebt haben.

Stellt hohe Anforderungen an seine Mitarbeiter: Amazon-Chef Jeff Bezos.

Stellt hohe Anforderungen an seine Mitarbeiter: Amazon-Chef Jeff Bezos.
Bild: Keystone

In Kooperation mit «Die Welt».

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Als Jeff Bezos zehn Jahre alt war, wollte er, dass seine Grossmutter mit dem Rauchen aufhört. Er hasste den Gestank, wenn sie gemeinsam im Auto sassen und sie vorne auf dem Beifahrersitz paffte. Doch statt zu jammern, erinnerte er sich daran, im Radio gehört zu haben, dass jeder Zug die Lebenszeit um zwei Minuten minimieren sollte. Also rechnete er. Und rief schliesslich aus: «Bei zwei Minuten pro Zug hast du neun Jahre deines Lebens verloren.» Seine Grossmutter brach in Tränen aus.

Vier Jahrzehnte später ist Bezos einer der einflussreichsten Unternehmer der Welt: 1994 gründete er den Online-Versandhändler Amazon. 2014 erzielten die rund 165'000 Mitarbeiter weltweit einen Umsatz von 88,99 Milliarden US-Dollar. Das «Forbes»-Magazin listet Bezos unter den reichsten Menschen der Welt auf Platz 15. Die Anekdote aus seiner Jugend erzählte er als Gastredner einer Abschlussfeier seiner Alma Mater, der Universität Princeton.

Die Qualitäten, die ihn als Kind auszeichneten, haben den heute 51-Jährigen so weit gebracht: ein starkes Selbstbewusstsein, ein Sinn für Zahlen – aber auch die Vorliebe, anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Hiervon zeugt ein Report, den die «New York Times» veröffentlicht hat. Darin schildern ehemalige Manager – teils anonym, teils namentlich genannt –, welcher Druck auf sie ausgeübt wurde. Bis hin zum institutionalisierten Mobbing.

Jeff Bezos gründete Amazon im Jahr 1994. Foto: Keystone/Ted S. Warren

«Man geht aus dem Konferenzraum und sieht, wie ein erwachsener Mann sein Gesicht in den Händen verbirgt», schilderte Bo Olsen, der zwei Jahre im Buchvertrieb arbeitete. «Ich habe fast jede Person, mit der ich zusammengearbeitet habe, an ihrem Schreibtisch weinen gesehen.» Amazon hat die Anforderungen an seine Angestellten klar umrissen: 14 Kernpunkte listet das Unternehmen auf seiner Website auf. Dazu gehören Effizienz, Innovation und absolute Kundenorientierung. Erreicht wird dies jedoch dem Bericht zufolge mit Methoden, die Marathon-Konferenzen am Ostersonntag, 85-Stunden-Wochen sowie E-Mails nach Mitternacht umfassen – plus einer SMS, warum die Mail noch nicht beantwortet worden ist.

«Wenn Amazon wie Microsoft wird, sterben wir»

Wie die «New York Times» weiter schildert, wird die Arbeit der Angestellten konstant auf ihre Effizienz überprüft. Nicht nur scheint es üblich, sie in Konferenzen öffentlich zu zerpflücken. Es soll zudem ein Online-Bewertungssystem geben, wo Kollegen übereinander anonymisiert Bewertungen abgeben. Hierfür gebe es vorformulierte Standardmails, zum Beispiel: «Ich bin besorgt über seine Inflexibilität und Beschwerden über kleinere Aufgaben.» Wer am Ende eines Jahres im Ranking unten steht, werde bei der «jährlichen Keulung» entlassen, so die Insider.

Sollten die Schilderungen stimmen, verfolgt Amazon in den USA einen komplett konträren Ansatz zu Firmen wie Google, Facebook, Microsoft oder Netflix – erst kürzlich führten die zwei letztgenannten bezahlte Elternzeit sowohl für Frauen als auch Männer ein. Was Amazon-Chef Bezos davon hält, lässt sich nur vermuten – 2003 soll er mit Blick auf Microsoft gesagt haben, Amazon solle «kein Countryclub» werden: «Wenn Amazon wie Microsoft wird, sterben wir.»

Tatsächlich scheint Bezos Art der Mitarbeiterführung durchaus von Erfolg zu sein. Statt sich zu beschweren, laufen Mitarbeiter zur Höchstform auf. «Einmal habe ich vier Tage lang nicht geschlafen», sagte Diana Vaccari der Zeitung. Von 2008 bis 2014 war sie in der Firmenzentrale in Seattle zuständig für Grusskarten. Um die Arbeit zu bewältigen, zahlte sie schon mal heimlich einen Freelancer in Indien. «Dieses Projekte waren meine Babys, und ich tat alles, um sie erfolgreich zu machen.»

Krebs galt als private «Schwierigkeiten»

Wer doch hinter den Erwartungen zurück bleibt, dem wird die Kündigung nahe gelegt, so die «New York Times». So berichtet Molly Jay, die im Kindle-Team arbeitete, von der Reaktion der Firma, als sie aufgrund der Krebserkrankung ihres Vaters die Arbeitszeit reduzieren wollte. Dies lehnte ihr Chef ab, stattdessen wurde sie von ihm als «ein Problem» bezeichnet. Ihr bitteres Fazit: «Wenn du nicht fähig bist, absolut alles zu geben, 80 Stunden die Woche, dann sehen sie das als grosse Schwäche.»

Andere Insider berichten über zwei Frauen, die an Krebs erkrankten und mitgeteilt bekamen, dass aufgrund schlechter Leistung ihre Jobs gefährdet seien. Ihre Krebserkrankungen wurden als «Schwierigkeiten» in ihrem «Privatleben» eingestuft. Eine andere Angestellte erlitt eine Fehlgeburt – und wurde am Tag darauf von ihrem Vorgesetzten schon wieder auf eine Dienstreise geschickt mit den Worten: «Es tut mir leid, aber die Arbeit muss trotzdem erledigt werden.»

Ein Amazon-Sprecher wies die Vorwürfe im Gespräch mit der «New York Times» zurück. Solch ein Verhalten sei «weder unsere Politik noch unsere Praxis». Er versicherte: «Wenn wir von so etwas erfahren, würden wir sofort handeln, um es zu berichtigen.» Anwälte aus der Region um Seattle, die sich auf Arbeitsrecht spezialisiert haben, sagen anderes: Immer wieder gebe es Anrufe von Amazon-Mitarbeitern, die sich über unfaire Behandlung beschweren würden. Aber, so Anwältin Sara Amies: «Ungerechtigkeit ist nicht illegal.»

Abneigung gegen «Ambots» und «Amholes»

Letztlich bleibt nur eine Konsequenz: die Kündigung. Wie eine Studie der Firma PayScale im Jahr 2013 ergab, bleiben Angestellte im Schnitt nur ein Jahr bei Amazon. Das ist mit die kürzeste Verweildauer unter den sogenannten Fortune 500, den 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt. Nur 15 Prozent der Angestellten seien länger als fünf Jahre im Haus.

Amazon interpretierte die Zahlen auf seine Weise: Die kurze Verweildauer sei dadurch bedingt, dass zuletzt so viele Neueinstellungen erfolgt seien. Die Kündigungsrate sei vergleichbar mit anderen Firmen in der Technologie-Branche. Dort sieht man die Ex-Amazon-Mitarbeiter, die sich selbst «Amazonians» nennen, übrigens mit gemischten Gefühlen, so die «New York Times». Personaler stufen sie oft als zu streitlustig und arbeitsbesessen ein, die die Firmenatmosphäre in ein Ungleichgewicht bringen könnten. Spottnamen wie «Ambots» oder «Amholes» machen die Runde.

Bei Amazon scheint das niemanden zu stören. Erst im Mai wurde ein Werbevideo auf Youtube veröffentlicht, in dem eine junge Frau stolz verkündet: «Entweder passt du hier rein oder nicht. Du liebst es oder nicht. Es gibt keinen Mittelweg.» Eine Botschaft, der Jeff Bezos' Grossvater wohl wenig abgewinnen könnte. Nachdem sein zehnjähriger Enkel seine Frau zum Weinen gebracht hatte, hielt er den Wagen an und liess ihn aussteigen. Er sah ihn schweigend an. Und sagte schliesslich: «Jeff, eines Tages wirst du verstehen, dass es schwieriger ist, rücksichtsvoll statt schlau zu sein.» (ith/«Die Welt»)

Erstellt: 17.08.2015, 08:58 Uhr

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130 Kommentare

Franz Süss

17.08.2015, 09:22 Uhr
Melden 303 Empfehlung 12

Das liest sich schlimmer als ein haaresträubender Crimi über die Hölle. Wenn ich schon bisher kaum was via Amazon gekauft habe, dann werde ich jetzt endgültig damit aufhören -> derartige Unmenschlichkeit wird von mir nicht unterstützt! Antworten


Jürg Böni

17.08.2015, 09:34 Uhr
Melden 266 Empfehlung 11

Die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen bei Amazon sind ja nichts Neues. Zum Glück gibt es eine naheliegende und einfache Möglichkeit für den verantwortungsbewussten Konsumenten: Nicht bei Amazon einkaufen, und damit konsequenter Boykott. Antworten