Wie im Vatikan, nur ohne weissen Rauch

Morgen bestimmt die Migros den Nachfolger von Herbert Bolliger. Ein geheimnisvolles Prozedere mit zwei Favoriten.

Pressecommuniqué statt weisser Rauch: Die Migros wählt einen neuen Präsidenten.

Pressecommuniqué statt weisser Rauch: Die Migros wählt einen neuen Präsidenten. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Morgen treffen sich Auserwählte aus allen Regionen, um hinter verschlossenen Türen das neue Oberhaupt ihrer mächtigen Organisation zu wählen. Wie lange das geheime Prozedere dauert, ist nicht klar. Welche Kandidaten genau zur Wahl stehen, ist ebenso wenig bekannt. Es gibt Favoriten. Am Ende könnte es aber auch zu einer Überraschung kommen.

Nur etwas ist bei dieser Wahl anders als beim Konklave, bei dem katholische Kardinäle den Papst bestimmen: Am Ende steigt kein weisser Rauch im Vatikan auf, sondern die Migros-Zentrale in Zürich verschickt ein Pressecommuniqué. Die Diskretion, welche die Wahl des nächsten Chefs des Migros-Genossenschafts-Bundes umgibt, kann sich mit der im Vatikan aber durchaus messen.

Entscheidung wohl am Nachmittag

Das Wahlgremium, das den neuen Migros-Chef auf den Schild heben wird, ist die Verwaltung – so heisst beim Genossenschafts-Bund das Pendant zum Verwaltungsrat in anderen Unternehmen. Aus den Reihen dieses 23-köpfigen Gremiums gibt es ein drei Personen umfassendes Nominationskomitee unter Leitung von Migros-Präsident Andrea Broggini. Es wird der Verwaltung die Kandidaten vorschlagen, die zur Wahl stehen und über die diskutiert wird. Irgendwann im Laufe des Donnerstags soll die Entscheidung fallen. Voraussichtlich am Nachmittag. Dann soll auch die Öffentlichkeit informiert werden, wer den Job von Herbert Bolliger übernimmt.

Bolliger lenkte die Geschicke des Riesenkonzerns 12 Jahre lang. Im November 2017 erreicht er das festgelegte Höchstalter von 64 Jahren und tritt daher Ende des Monats ab. Er hinterlässt seinem Nachfolger ein Riesengebilde. Während der Amtszeit des Aargauers stieg der Umsatz von 20 auf 27,7 Milliarden Franken, der Gewinn blieb stabil und lag 2015 bei rund 791 Millionen Franken. Der Gewinn für 2016 wird am 28. März anlässlich der Migros-Bilanzmedienkonferenz bekannt gegeben. Das Wachstum gelang auch, weil Bolliger die Migros digital gut aufstellte. Mit Digitec kaufte sich der Konzern unter seiner Ägide einen der erfolgreichsten Onlinehändler des Landes.

Zwei heisse Kandidaten

Wer genau als Bolliger-Nachfolger nominiert ist, erfahren auch die Mitglieder der Verwaltung erst morgen. Dennoch hat sich das Kandidatenfeld in den vergangenen Monaten vor allem auf zwei Namen verdichtet. Zum einen ist das Jörg Blunschi. Der 55-Jährige ist Chef der Migros-Genossenschaft Zürich – nach der Genossenschaft Aare die zweitgrösste. Weggefährten beschreiben ihn als Machertypen, was auch sein bisheriger Leistungsausweis unterstreicht. Eines seiner Gesellenstücke: 2012 übernahm Migros Zürich den schwächelnden deutschen Detailhändler Tegut.

Den will er nun digital voranbringen. Wie kürzlich die «Handelszeitung» berichtete, geht Tegut eine Partnerschaft mit dem Onlinegiganten Amazon ein. Es gehe bei dem Testprojekt darum, «Lebensmittel ausserhalb des Stammgebietes und der Ladenöffnungszeiten anzubieten», so eine Sprecherin zu baz.ch/Newsnet.

Sein Tatendrang wird Blunschi teilweise auch negativ ausgelegt. Er sei sehr «pushy», heisst es von anderer Seite. Die Aufgabe, ihm die Grenzen zu setzen, liegt dann bei Migros-Präsident Broggini, der sich bisher eher im Hintergrund hielt. Laut Insidern könnte das aber funktionieren. Denn trotz allem sei Blunschi diskussionsbereit und einsichtig, wenn die Argumente überzeugend sind.

Unbekannter mit Chancen

Während sich Blunschi über die letzten Jahre mit seinem Tatendrang zum wohl bekanntesten Genossenschaftschef entwickelte, kennt man den zweiten Kandidaten ausserhalb des orangen Riesen kaum: Fabrice Zumbrunnen wäre mit 47 Jahren der jüngste Chef des MGB. Der Romand wird als sympathisch und angenehm im Umgang beschrieben. Seit viereinhalb Jahren sitzt er in der Generaldirektion und leitet das Departement Personal, Kulturelles und Freizeit. Sein Leistungsausweis ist aber im Vergleich zu Blunschis weniger spektakulär, heisst es von Insidern.

Herbert Bolliger lenkte die Geschicke der Migros 12 Jahre lang. Foto: Walter Bieri/Keystone

So hat Zumbrunnen zwar 16 Jahre Erfahrung in einer Migros-Genossenschaft, doch es war mit Freiburg-Neuenburg eine eher kleine. Dass er ein Romand ist, gereicht ihm zudem nicht unbedingt zum Vorteil. Denn mit dem Tessiner Präsidenten Broggini sitzt bereits ein Vertreter aus der «lateinischen» Schweiz ganz oben in der Hackordnung. Zum Ausgleich könnte auf Konzernleitungsstufe also ein Deutschschweizer die besseren Chancen haben.

Nur weil alle damit rechnen, muss es allerdings nicht zwingend einer der beiden Kandidaten werden – es ist gut möglich, dass noch ein Überraschungskandidat ins Rennen geschickt wird. Noch grösser wäre die Überraschung, wenn es sich dabei um einen Externen handeln würde. Denn Bolliger äusserte sich dazu stets skeptisch bis abweisend: Gegenüber baz.ch/Newsnet sagte er vor einiger Zeit: «Fünf bis zehn Jahre Migros-Erfahrung braucht es – sonst begreift man dieses komplexe ­Gebilde nicht.» Dennoch scheint nur eines vor dieser Wahl sehr sicher – fast so sicher wie beim päpstlichen Konklave: Eine Frau wird nicht zur neuen Migros-Chefin gewählt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2017, 19:14 Uhr

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