Wirtschaft

Auch die Schweiz hat eine Schattenbörse

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 04.09.2009

Um ihre Grosskunden zu halten, betreibt die Schweizer Börse SIX einen Dark Pool. Mit mässigem Erfolg und umstrittenem Partner. Solche Schattenbörsen sind in den USA im Visier der Behörden.

Konkurrenz blüht

Neue Konkurrenten machen den klassischen Börsen die Vormachtstellung streitig. Zu den bekannten Schattenbörsen gehört die 2008 von neun Grossbanken, darunter der UBS, lancierte Plattform Turquoise, die zum Verkauf steht. Weitere bekannte, meist von mehreren Finanzpartnern gehaltene private Handelsplätze sind Chi-X, Bats, Posit und Burgundy Nordic. Sie alle helfen Grosskunden, anonym Wertpapiere in grossen Blöcken zu verschieben – an den klassischen öffentlichen Börsen vorbei.

Als Reaktion darauf haben die klassischen Börsen begonnen, eigene Schattenbörsen, auch Dark Pools genannt, einzurichten. Die Londoner Börse startete mit Baikal, Nyse mit Arca Europe, Nasdaq mit OMX Europe, bei der Deutschen Börse heisst das Vehikel Midpoint. Damit wollen die Börsen die Abwanderung von Grosskunden stoppen. (afl)

Die Handelsplattform Swiss Block sei kein Dark Pool, wehrt die Schweizer Börse SIX ab. Fakt ist jedoch: Swiss Block wurde im August 2008 just darum lanciert, weil Finanzinstitutionen wie Anlagefonds, Banken, Versicherungen oder Pensionskassen eine Plattform suchten, über die sie Schweizer Wertpapiere völlig anonym in grossen Blöcken handeln können. Anonymität für Millionendeals ist aber genau das, was einen Dark Pool auszeichnet. Denn nichts treibt den Preis schneller in eine unerwünschte Richtung, als wenn der Handel spitzkriegt, dass jemand beispielsweise 100'000 Aktien einer an der SIX gehandelten Firma loswerden muss.

Mit Swiss Block hilft die SIX ihren Grosskunden, starke Preisausschläge zu unterbinden, wenn sie ein grosses Paket auf den Markt werfen oder ein solches schnüren wollen. Dazu wird der Auftrag nicht, wie sonst üblich, ins öffentliche Orderbuch gestellt, sondern in den Dark Pool von SIX – Swiss Block eben. Der Clou daran ist, dass keine der derzeit 19 angeschlossenen Institutionen – darunter Credit Suisse, UBS und Vontobel – weiss, von wem ein Grossauftrag kommt. Im Dark Pool sind die Papiere anonym.

Selbst Grossaufträge werden verschleiert

Bescheid weiss nur der SIX-Grossrechner, der Angebot und Nachfrage zusammenführt. Selbst die Grösse der im Dark Pool liegenden Grossaufträge kann verschleiert werden, indem er in viele kleine und kleinste Tranchen aufgeteilt wird. Deren Mindestgrösse hat die SIX von einer halben Million auf 5000 Franken gesenkt. «So wird vermieden, dass andere Marktteilnehmer gegen den Anbieter oder Nachfrager eines grossen Pakets arbeiten», erklärt David Fuchs: «Unsere Kunden wollen schliesslich für ihr Paket einen möglichst vorteilhaften Preis erzielen.» Gleiche Preise wie öffentliche Börse

Swiss Block unterscheide sich von manch anderen Dark Pools, betont SIX: Als Preis gilt der Mittelwert zwischen den letzten Ankaufs- und Verkaufskursen im öffentlichen Auftragsbuch der SIX. «Die Preise im Dark Pool sind die gleichen wie an der öffentlichen Börse» sagt Fuchs von SIX: «Darum kann man auch nicht von Verfälschung der Preisbildung reden.»

Schweiz mit mässigem Erfolg

Die Schweizer Börse hat als erste in Europa einen Dark Pool für Grosskunden lanciert. Sie ist mit gutem Grund vorgeprellt: Schattenbörsen spriessen wie die Pilze aus dem Boden – und sie nehmen den etablierten Börsen Marktanteile weg. Die vier grössten Schattenbörsen in Europa haben bei den wichtigsten europäischen Blue Chips einen Marktanteil von 18 Prozent erobert. Bei den 100 Topaktien Grossbritanniens haben sie laut der Londoner Marktbeobachterin Fidessa gar 29 Prozent Marktanteil. Jedenfalls ist der Anteil der Londoner und der Deutschen Börse am Gesamtmarkt unter 80 Prozent gesunken.

Mit Swiss Block wollte die SIX vermeiden, dass ihr das Gleiche im Heimmarkt passiert. Bisher mit mässigem Erfolg. Nach einem Jahr liegt der Marktanteil der Schweizer Schattenbörse bei Schweizer Blue Chips unter einem Prozent. Wie weit dafür die Gebühren verantwortlich sind, die rund dreimal so hoch sind wie an der öffentlichen Börse, ist unklar. Der Start kurz vor der Finanzkrise war sicher keine Hilfe. Dennoch treibt die Schweizer Börse den Ausbau voran. Ob dies die SIX davor bewahrt, dass andere Schattenbörsen ihr zunehmend das Geschäft abgraben, ist offen. Die SIX ist unter Zugzwang, weil ihr Handelsvolumen 2009, gegenüber dem Vorjahr, krisenbedingt auf ein Drittel geschrumpft ist.

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma sieht in Swiss Block kein Problem, sagt Sprecher Tobias Lux. In den USA und in Grossbritannien dagegen beschäftigen solche Dark Pools die Behörden. Die US-Börsenaufsicht SEC nimmt sie unter die Lupe, weil ihre «Intransparenz das Potenzial hat, das öffentliche Vertrauen in die Aktienmärkte zu unterminieren, besonders wenn das Handelsvolumen in den Dark Pools substanziell ansteigt.»

Beeinträchtigung der Transparenz?

Die britische Finanzaufsicht FSA wirft ein Licht auf die Dark Pools, weil sie eine Beeinträchtigung der Transparenz befürchtet. Am stärksten unter Druck der FSA kam just der Partner der Schweizer Börse, mit dem sie den Dark Pool Swiss Block entwickelte. Es ist die US-Firma Nyfix, ein internationaler Betreiber mehrerer Schattenbörsen. Nyfix musste im März öffentlich machen, die britische FSA habe Bedenken wegen ihrer Plattform Euro Millennium angemeldet. Die Finanzaufsicht befürchte, dass Nyfix mit ihrer Interpretation der neuen EU-Richtlinie MiFID die Markttransparenz beeinträchtigt.

SIX-Partner macht Riesenverluste

Nyfix hat eine bewegte Geschichte. Als die Internetblase platzte, stürzte ihre Aktie von 45 auf 5 Dollar ab. Nyfix hat in den letzten drei Jahren gegen 100 Millionen Dollar Verluste gemacht. Die Firma fiel auf, weil sie mehrmals Berichte an die US-Börsenaufsicht verspätet einreichte. Im 2004 hatten Aktionäre eine Sammelklage gegen Nyfix eingereicht, in der sie dem Management Rückdatierung von Optionen zwischen 1997 und 2003 vorwarfen. Die Klage wurde 2006 abgewiesen, ohne Kostenfolge für die Kläger. Die Kläger hätten ihre Betrugsklage zu wenig präzis begründet. Die neuste Wendung ist nun, dass die Megabörse Nyse Euronext – ein scharfer Konkurrent der SIX – die Nyfix-Gruppe übernehmen will. Wie stark dies die Partnerschaft zwischen Nyfix und SIX beeinträchtigt, bleibt abzuwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2009, 22:55 Uhr

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