Boom in der US-Landwirtschaft könnte böse enden

Amerikanische Farmer trotzen der Krise. Sie haben ihr bestes Jahr hinter sich, und Agrarland steht hoch im Kurs. Die Preisexplosion geht auf drei Faktoren zurück und weckt ungute Erinnerungen an die 80er-Jahre.

Das Farmland in Amerika ist so teuer wie noch nie zuvor.

Das Farmland in Amerika ist so teuer wie noch nie zuvor. Bild: Keystone

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Wenn es bei Deere läuft, muss es auch den Bauern gut gehen. Kein anderes Unternehmen profitiert vom steigenden Einkommen der Farmer so sehr wie die grösste Herstellerin von Landmaschinen. Diesen Herbst meldete Deere in den USA nicht nur Rekordzahlen, sondern schob auch eine optimistische Prognose fürs nächste Jahr nach.

Die Bauern im Corn Belt – dem fruchtbaren, auch für die Versorgung Chinas immer wichtigeren Agrarland des Mittleren Westens – dürften dieses Jahr 31 Prozent mehr verdienen als 2009 und 2011 noch einmal 15 Prozent mehr. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht des Deere-Managements unter anderem die steigenden Bodenpreise, welche zusätzliche Pachteinnahmen, höhere Kredite und mehr Anschaffungen ermöglichen. Die Bauern treiben sich gegenseitig die Preise nach oben oder verkaufen mehr Land an Investoren, die es zur Spekulation horten. Dieser Boom weckt Erinnerungen an die Achtzigerjahre, als die Bauern nach dem Platzen einer ähnlichen Blase in eine tiefe Krise schlitterten, von der sich mittelgrosse Familienbetriebe nie mehr erholten.

Bis zu 13 000 Dollar pro Acre

Die Anzeichen für eine Überhitzung haben seit dem Sommer zugenommen. Erstklassiges Ackerland in Iowa etwa wechselte im Dezember für 9000 Dollar pro Acre (=0,4 Hektaren) die Hand, einzelne Parzellen wurden gar bis auf 13 000 Dollar hochgeboten. Und dies für Land, das noch im Sommer für 6000 Dollar und vor drei Jahren für unter 3000 Dollar zu haben war. Auch die Durchschnittspreise sind deutlich gestiegen (siehe Grafik).

Die Preisexplosion geht auf eine Kombination von Faktoren zurück: Zum einen bewegen rekordtiefe Zinsen immer mehr Investoren dazu, sich nach alternativen Anlagen umzusehen. Da Geschäftsliegenschaften und der private Immobilienmarkt in der Krise stecken, bietet sich Agrarland als Ausweg an. Eine Studie der Iowa State University zeigt, dass heute bereits einer von fünf Käufern von Agrarland nicht Landwirt, sondern Investor ist. Vor fünf Jahren lag der Anteil noch bei unter 10 Prozent.

Agrarhandel so lukrativ wie nie

Angeheizt werden die Preise zudem vom weltweiten Rohstoffboom. Weizen, Soja und Mais befinden sich auf einem Höhenflug, und amerikanische Bauern gehören zu den produktivsten Anbietern. Das US-Landwirtschaftsministerium korrigierte die Zahlen zum Agrarhandel im Dezember erneut nach oben: 2010 werden die USA einen Rekordumsatz von 126 Milliarden Dollar und einen Exportüberschuss von über 40 Milliarden Dollar erzielen. Diese Prognose übertrifft jene vom August um satte 17 Prozent.

Agrartreibstoff spielt mit

Verschärft wird der Kampf ums Agrarland schliesslich durch die teuren Ethanol-Förderprogramme der US-Regierung, die (zu viel) Agrarland für die Treibstoffproduktion beanspruchen und guten Boden noch mehr verteuern. Das Resultat: Agrarland hat sich seit 2004 jährlich um 15 Prozent verteuert. Der Anstieg gleicht nun wieder (in realen, mit der Teuerung verrechneten Preisen) dem letzten Boom der Siebzigerjahre, wie das Beispiel des Agrarstaates Iowa zeigt (siehe Grafik).

Banker im Mittleren Westen sprechen bereits von einem «grassierenden, ungesunden Landfieber» und bezeichnen die Bodenpreise für 2011 gar als grösstes Unternehmerrisiko für die Bauern – grösser noch als die Preisexplosion der Rohstoffe selber. Es ist kein Zufall, so die Expertenmeinung, dass die Preise genau dann steil anzuziehen begannen, als Notenbankchef Ben Bernanke im Sommer die zweite Runde einer Zinslockerung ankündete. Diese Runde läutete die Abwertung des Dollar ein, die ihrerseits in steigende Rohstoff- und Agrarpreise mündete. Bauern hatten in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre schon einmal die gleiche Entwicklung erlebt.

Düstere Achtzigerjahre

Damals wie heute druckte die Notenbank Geld wie Heu, trieb so die Rohstoffpreise an und löste einen Agrarlandboom aus. Er endete böse: Der Mittlere Westen erlebte zwischen 1981 und 1985 die schwerste Agrarkrise seit der Grossen Depression. Zehntausende von Farmern musste wegen einer untragbar gewordenen Verschuldung aufhören; ihre Höfe wurden zwangsversteigert.

1985 war auch das Jahr, in dem der Country-Sänger Willie Nelson und eine Handvoll von Musikerkollegen das erste Farm-Aid-Festival zugunsten der bedrängten Bauern auf die Beine stellten. Diesen Oktober feierte das Festival das 25-Jahr-Jubiläum. «Die gute Nachricht ist», so Willie Nelson, «dass es uns noch gibt.» Die schlechte Nachricht ist, «dass es uns noch immer gibt». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 12:44 Uhr

«Grassierendes, ungesundes Landfieber»: Farmer in Arizona.

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