Wirtschaft

«China ist kein Kandidat für eine nächste Blase»

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 24.10.2009

Das Wachstum werde sich weg von den Investitionen hin zum privaten Konsum verändern, sagt der Fondsmanager David A. Smith.

David A. Smith: «China ist besorgt wegen seiner Exportwirtschaft.»

David A. Smith: «China ist besorgt wegen seiner Exportwirtschaft.» (Bild: Thomas Burla)

Zur Person

David A. Smith ist Regional Investment Manager für Asien–Pazifik bei J. P. Morgan Asset Management in Hongkong. Er weilte am Donnerstag im Rahmen einer Präsentationstour in Zürich.

Die chinesische Wirtschaft hat im dritten Quartal ein Wachstum von 8,9 Prozent verzeichnet, nach 7,9 Prozent im zweiten und 6,1 Prozent im ersten Quartal. Droht China eine wirtschaftliche Überhitzung?
Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Das zuletzt so starke Wachstum geht vor allem auf die massiven Stimulierungsmassnahmen der chinesischen Regierung zurück. Sie hat zum einen stark in Anlagen und Infrastruktur investiert, zum andern haben die Staatsbanken ihre Kreditvergabe an die Wirtschaft deutlich ausgeweitet. Ohne diese Impulse wäre die Wirtschaft Chinas unter ihrem Potenzial gewachsen, denn die Exporte haben einen negativen Wachstumsbeitrag geleistet. Dies wird sich wohl bis ins nächste Jahr fortsetzen, vor allem die Ausfuhren in die USA und nach Europa werden sich schwach entwickeln.

Experten blicken mit Sorge auf die stark gestiegenen Preise im chinesischen Immobilienmarkt. Sie befürchten, dass sich dort eine Spekulationsblase bilden könnte wie in Japan in den 1980er-Jahren.
Wenn Sie die Preisentwicklung ansprechen, so ist erst mal festzuhalten, dass die Konsumentenpreise keinerlei Überhitzung erkennen lassen. Die Teuerungsrate war auch im September negativ, und zwar mit minus 0,8 Prozent im Vorjahresvergleich. Wir sehen auch bis weit ins nächste Jahr hinein keine nennenswerte Inflationsrate. Was die Immobilienpreise betrifft, so sind die zum Teil drastisch gestiegen, allerdings beschränkt auf einzelne Städte und Regionen. Die Regierung hat darauf reagiert, indem sie mehr bebaubares Land zur Verfügung gestellt hat. Somit dürfte 2010 das Bauvolumen deutlich zunehmen, was den Preisdruck im Immobilienmarkt dämpfen sollte.

Sie sehen also keine Gefahr, dass China der nächste Kandidat für das Platzen einer Blase ist – mit allen Folgewirkungen für die Weltwirtschaft?
Da bin ich wirklich nicht besorgt. Zwar wird das jährliche Wachstum in China auch 2010 und darüber hinaus 9 bis 10 Prozent betragen. Aber sein Mix wird sich verändern – weg von den Investitionen und hin zum privaten Konsum. Auch vom Aktienmarkt geht keine Gefahr aus. Natürlich haben die chinesischen Aktien deutlich zugelegt – allein im dritten Quartal um durchschnittlich etwa 20 Prozent. Dennoch liegt ihr Bewertungsniveau, gemessen an den erwarteten Unternehmensgewinnen, nach wie vor deutlich unter jenem von 2007. Hinzu kommt: Die chinesische Regierung ist sich der Risiken von spekulativen Überhitzungen sehr bewusst und achtet mit Argusaugen auf mögliche Kapazitätsengpässe in der Produktion. So dürfen zum Beispiel die Kapazitäten für die Stahlherstellung nur noch im Einklang mit der Zementproduktion ausgeweitet werden.

Ein anderer Ansatzpunkt, um Überhitzungsrisiken abzuwenden, bestünde darin, die Dollarbindung ihrer Währung Renminbi zu lockern und eine stärkere Aufwertung zuzulassen. Sehen Sie da Anzeichen für eine baldige Bewegung?
Nein, die kann ich nicht erkennen. Aus meinen Kontakten in China ziehe ich den Schluss, dass die Prioritätenordnung dort eine andere ist, als sie aus Sicht der westlichen Industriestaaten sein müsste. Die Chinesen gehen dennoch davon aus, dass der Westen in der Wechselkursfrage bis ins nächste Jahr hinein erst mal stillhält. Dies umso mehr, als das Wachstum in China gegenwärtig vor allem intern getrieben ist. Die Regierung in Peking ist im Gegenteil besorgt über die Aussichten ihrer Exportwirtschaft: Die vorauseilenden Indikatoren haben sich zwar etwas verbessert, aber dies ist primär dem Lagerzyklus zu verdanken. Daher wird China in den nächsten 6 bis 12 Monaten wohl keine Aufwertung des Renminbi zulassen.

Inwieweit ist sich China bewusst, dass sein bislang exportbasiertes Wachstumsmodell in den nächsten Jahren nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, vor allem weil sich die Konsumenten in den USA einschränken und mehr sparen müssen?
Die Chinesen sind sich dessen sehr wohl bewusst. Sie mussten ja auch schon schmerzliche Erfahrungen mit ihrer Exportabhängigkeit machen: Hunderttausende von Arbeitsplätzen in Fabriken in den östlichen Landesteilen, die vor allem für den Export gearbeitet haben, sind im Zuge der Krise verloren gegangen. Vielen Arbeitern blieb nichts anderes übrig, als in ihre ländlichen Provinzen zurückzukehren. Ein Teil der staatlichen Stimulierungsmassnahmen dient denn dazu, diese Gebiete und ihre Menschen mit Zuschüssen zu unterstützen. Darüber hinaus ist die Regierung bestrebt, eine Art von sozialem Sicherungsnetz über das ganze Land hinweg auszubreiten. So werden zum Beispiel deutlich mehr Spitäler gebaut.

Wie viele Jahre wird dieser Umbau benötigen?
Das ist die Millionenfrage. Nach unseren Schätzungen dürfte dies 5 bis 10 Jahre dauern. Verantwortlich dafür ist der nach wie vor gewaltige Bedarf an Infrastruktur in China, weil immer noch viele Menschen vom Land in die Städte ziehen. Die städtische Bevölkerung steigt deswegen jährlich um etwa 20 Prozent. Vor diesem Hintergrund ist es umso schwieriger und langwieriger, den Anteil des Privatkonsums am Bruttoinlandprodukt in China auf Reichweite westlicher Staaten zu erhöhen ...

... dieser Anteil liegt in China derzeit bei rund 35 Prozent ...
... während er in den westlichen Staaten zwischen 60 und 80 Prozent beträgt. Der Hauptgrund dafür ist, dass China über kein soziales Sicherungssystem, etwa eine Gesundheits- und Altersvorsorge, verfügt. Deshalb sparen die Menschen einen grossen Teil ihres Einkommens, statt es für den Konsum zu verwenden. Natürlich wird der Konsum in China mit der Zeit schon deshalb steigen, weil der Wohlstand zunimmt. Derzeit beträgt das chinesische Bruttoinlandprodukt pro Kopf rund 3500 Dollar, in den nächsten Jahren wird es um jährlich 10 Prozent zulegen. Wenn Sie frühere Entwicklungen in Thailand oder Taiwan studieren, sehen Sie, dass der Privatkonsum überproportional zugenommen hat, sobald das Bruttoinlandprodukt pro Kopf die 2000-Dollar-Marke überschritten hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2009, 06:57 Uhr

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