Das Silicon Valley zittert – die Schweiz könnte profitieren

US-Präsident Trump will das Visa-Programm für Hochqualifizierte auf den Prüfstand stellen. Was das bedeutet.

Das neue Apple-Hauptquartier in Cupertino im Silicon Valley. (Februar 2017)

Das neue Apple-Hauptquartier in Cupertino im Silicon Valley. (Februar 2017) Bild: Reuters

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Es war eines der Versprechen, mit denen Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf auf Stimmenfang ging: das Visa-Programm H-1B zu reformieren. Es ermöglicht jedes Jahr rund 85’000 gut qualifizierten Ausländerinnen und Ausländern, eine Arbeit in den USA aufzunehmen. Mehr als 80 Prozent von ihnen stammen laut Zahlen der US-Immigrationsbehörde aus Indien und China. 67 Prozent arbeiten im IT-Bereich, viele der restlichen sind Ingenieurinnen, Wissenschaftler oder Ärzte.

Am Dienstag unterzeichnete US-Präsident Trump ein Dekret, das die Vergabepraxis auf den Prüfstand stellt. Denn das H-1B-Programm sei in der Vergangenheit von Firmen ausgenützt worden, sagte Trump bei einer Rede in Wisconsin. Anstatt für spezialisierte Jobs hätten sie ausländische Angestellte für wenig qualifizierte Aufgaben geholt und schlechter bezahlt als Einheimische. Dabei sollten die Visa «eigentlich den begabtesten und am besten bezahlten Bewerbern zugebilligt werden», bekräftigte ein US-Regierungsmitarbeiter. Wie das Programm in Zukunft aussehen könnte, ist allerdings unklar. Um die Obergrenze von 85’000 Bewilligungen zu ändern, müsste ein neues Gesetz erlassen werden.

«Das würde dem US-Arbeitsmarkt schaden»

Bei Tech-Firmen geht die Angst vor strengeren Rekrutierungsregeln schon seit Trumps Wahlsieg um. Ein härteres Durchgreifen bei den H-1B-Bewilligungen wäre kontraproduktiv, sagte Robert D. Atkinson, Präsident der «Information Technology and Innovation Foundation», im Januar zur «New York Times». Es würde laut Atkinson das Gegenteil dessen bewirken, was Trump eigentlich beabsichtigt: Firmen würden ins Ausland ausweichen, um Talente rekrutieren zu können. Die derzeitige Regelung wird allerdings auch im Silicon Valley kritisiert. «Unsere aktuelle Immigrationspolitik erfüllt ihre Versprechen nicht», sagt etwa Manan Mehta vom Kapitalfonds Unshackled Ventures zur Wirtschaftszeitschrift «Fortune». Er unterstützt ausländische Unternehmensgründer finanziell. Das H-1B-Programm werde zu oft missbraucht, um Jobs auszulagern, sagt Mehta. Ein bedeutender Teil der Visa geht tatsächlich an ausländische Firmen, die das Outsourcing von Tätigkeiten ermöglichen. Das kritisieren auch Tech-Giganten wie Facebook oder Google.

Sollte Trump an diesem Mechanismus etwas ändern wollen, könnte das den Silicon-Valley-Konzernen also sogar entgegenkommen. Falls er das System aber tiefgreifend reformieren wolle – zum Beispiel, indem er die Obergrenze für Bewilligungen senkt –, würde dies dem US-Arbeitsmarkt schaden, sagt Andreas Beerli von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH. US-Studien zeigen laut Beerli, dass sich Arbeitskräfte, die mit H-1B-Visa ins Land kommen, komplementär zu den einheimischen Angestellten positionieren. «Das heisst: Ihre Anwesenheit schafft neue Jobs. Einerseits für Geringqualifizierte, weil sie Dienstleistungen und Produkte nachfragen. Andererseits für Hochqualifizierte, weil Firmen dank der ausländischen Fachkräfte expandieren und Innovationen vorantreiben können.»

Wettbewerbsvorteil für die Schweiz?

Für Europa und auch die Schweiz könnte eine restriktivere US-Politik allerdings positive Folgen haben. Denn auch hier sind Hochqualifizierte in vielen Branchen – insbesondere im ICT-Bereich – dringend gesucht. Je strenger die USA die Aufnahme handhaben, desto grösser würde das Personalangebot für andere Länder. Beerli verdeutlicht die Logik mit einer Anekdote: «Ein deutscher Berufskollege führt momentan Job-Gespräche mit einer Unternehmensberatung im Silicon Valley und bewirbt sich für ein H-1B-Visum. Sollte sein Antrag abgelehnt werden, will die Firma ihn trotzdem anstellen – aber in London.»

Die Schweiz ist beim Wettbewerb um Fachkräfte grundsätzlich gut positioniert. Das zeigt etwa der «Global Talent Competitiveness Index» der französischen Managementschule Insead. Sie untersucht seit 2013 jährlich, welche Länder am erfolgreichsten Hochqualifizierte anwerben und weiterentwickeln. Die Schweiz liegt 2017 – so wie in allen Jahren zuvor – auf Platz 1, vor Singapur, Grossbritannien und den USA. All diese Länder zeichnen sich laut der Studie durch Eigenschaften aus, die für aufstrebende Talente attraktiv sind, etwa flexible Anstellungsbedingungen oder ein gutes Bildungssystem.

Gerade im ICT-Bereich sei die Nachfrage nach hochqualifizierten Spezialisten in der Schweiz nach wie vor gross, sagt Simon Zaugg, Mediensprecher des Verbands Swiss ICT. «Deshalb wären hier ansässige Unternehmen sicher gerne Abnehmer von Spezialisten, die nicht mehr in den USA arbeiten dürfen.» Das Anwerben von ausländischen Fachkräften sorgt allerdings auch in der Schweiz für Unbehagen. Das Ja zur Zuwanderungsinitiative 2014 war ein Ausdruck davon. Als Reaktion darauf hat der Bundesrat 2015 die Kontingente für Fachkräfte aus Drittstaaten von 8500 auf 6500 gekürzt. Weil einzelne Kantone und Wirtschaftszweige diesen Schritt heftig kritisierten, wurden die Kontingente 2017 wieder auf 7500 angehoben. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2017, 18:13 Uhr

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