Wirtschaft
«Das Volk sympathisiert mit seinen Geiselnehmern – den Banken»
Interview: Stefan Eiselin. Aktualisiert am 04.02.2010 18 Kommentare
Philipp Löpfe, Banken ohne Geheimnisse - Was vom Swiss Banking übrig bleibt. Orell Füssli, 2010. 192 Seiten, ca. 39.90 Fr.
Artikel zum Thema
- Die Abschaffung des Bankgeheimnisses in Raten
- Steueraffäre weitet sich aus: Neue Verdächtigungen gegen die CS
- Mit einem Trick schickt Bern Kundendaten doch in die USA
Stichworte
Wie lange gibt es das Bankgeheimnis in seiner heutigen Form noch?
Seit die Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug bei Ausländern abgeschafft ist, liegt das Bankgeheimnis im Koma. Sein klinischer Tod interessiert nur noch die Spezialisten.
Selbst bürgerliche Politiker sprechen inzwischen davon, die schweizerische Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und – hinterziehung aufzuheben. Warum kommt es zu diesem Sinneswandel?
Weil es sinnvoll ist. Nur die SVP ist heute noch so schizophren, dass sie glaubt, gleichzeitig auf die Grossbanken einprügeln und das Bankgeheimnis mit Zähnen und Klauen verteidigen zu können.
In Umfragen spricht sich dagegen immer fast 90 Prozent der Bevölkerung für das Bankgeheimnis aus. Warum?
Die Debatte über die Holocaust-Gelder in den Neunzigerjahren hat fatale Folgen gehabt. Damals wurde die Schweiz tatsächlich in einem gewissen Sinn über den Tisch gezogen. Trotz den intensivsten Recherchen hat die Volcker-Kommission kein Geld von Holocaust-Opfern auf Schweizer Bankkonten gefunden. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist seither jeder Angriff auf das Bankgeheimnis automatisch ein fieser Angriff auf die Schweiz. Daher kommt der Abwehrreflex. Zu Unrecht: Jetzt ist das Bankgeheimnis unter Beschuss geraten, weil es von der UBS in den USA schamlos und wahrscheinlich auch kriminell missbraucht worden ist.
Allgemein scheint die Debatte im Inland sehr emotional aufgeladen zu sein. Weshalb?
Seit der Holocaust-Debatte leidet die Schweizer Bevölkerung unter dem «Stockholm»-Syndrom: Sie identifiziert sich mit ihren Geiselnehmern, den Banken. Die SVP hat dies geschickt ausgenützt und das Bankengeheimnis zu einem Bestandteil des «Sonderfalls Schweiz» gemacht.
Mit den 1500 Datensätzen, der aus einer Schweizer Bank gestohlenen CD, glaubt der deutsche Fiskus 100 Millionen Euro einzunehmen. Was glauben Sie, wie viel Steuereinnahmen gehen anderen Ländern wegen des Schweizer Bankgeheimnis pro Jahr verloren?
Gemäss Angaben der Bankiervereinigung werden in der Schweiz mehr als 2000 Milliarden Franken Vermögen von ausländischen Kunden verwaltet. Das entspricht rund einem Drittel der weltweit vorhandenen Privatvermögen. Angaben darüber, wie viel von diesem Geld nicht versteuert wird, gibt es nicht.
Schweizer Bankiers haben immer wieder gesagt, die anderen Staaten seien selber Schuld, wenn ihre Bürger Geld in die Schweiz brächten. Es ging das Bonmot um von der Oase in der Steuerwüste. Ihre Meinung?
Die Schweiz hat alles Recht, darüber zu befinden, wie sie ihre eigenen Bürgerinnen und Bürger besteuern will. Sie hat jedoch nicht das Recht, Ausländern zu helfen, Steuern zu hinterziehen. Vor allem dann nicht, wenn diese Kunden Rechtsstaaten wie Deutschland oder die USA betrügen.
Andere Staaten greifen inzwischen zu juristisch heiklen Methoden, um die Steuerfestung Schweiz zu knacken: Sie kaufen gestohlene Bankdaten. Finden Sie das zulässig?
Zulässig nicht, aber verständlich.
Welche Finanzplätze profitieren davon, wenn die Schweiz das harte Bankgeheimnis auflöst?
Keiner. Singapur beugt sich ebenfall den OECD-Richtlinien, und wer wird heute noch sein Geld nach Dubai tragen?
Die Schweizer Banken seien wegen des Bankgeheimnisses fett geworden, aber auch impotent. Dies sagte einst Bankier Hans Bär. Wo zeigt sich das?
In ihrem Kopf. Die Schweizer Banker sind sehr widersprüchlich, wenn es um das Bankgeheimnis geht. Sie betonen, wie unwichtig es für ihre Resultate geworden sei und malen den Untergang der abendländischen Welt an die Wand, wenn das Bankgeheimnis verschwinden sollte. Beides gleichzeitig kann nicht sein.
Wie konkurrenzfähig ist die Schweizer Finanzindustrie noch, wenn das Bankgeheimnis in seiner heutigen Form fällt?
Sehr konkurrenzfähig, das zeigen die jüngsten Zahlen der Schweizer Banken. Wie gesagt, das Bankgeheimnis ist bereits faktisch tot. Ausser der UBS scheint bisher niemand darunter zu leiden.
Auf welche Stärken müssten sich die helvetischen Banker konzentrieren?
Der wichtigste Trumpf ist nach wie vor die politische Stabilität und die Verlässlichkeit der Schweiz. Reiche Menschen – und in Asien entstehen derzeit sehr viele neue Millionäre – suchen vor allem Sicherheit. Die kann die Schweiz bieten – es sei denn, wir lassen uns von Hitzköpfen in sinnlose Abnützungsschlachten hetzen.
Werden unsere Banken dann kleiner?
Das Bankgeheimnis betrifft primär das Private Banking. Das «Too-big to-fail»-Problem ist ein Problem des Investmentbanking, und das ist wiederum eine ganz andere Geschichte. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.02.2010, 14:28 Uhr
Kommentar schreiben
18 Kommentare
Sie schreiben: "Trotz den intensivsten Recherchen hat die Volcker-Kommission kein Geld von Holocaust-Opfern auf Schweizer Bankkonten gefunden." Das ist grobe Geschichtsfaelschung. Die Volcker-Kommission hat fast 54'000 Konten von Holocaust Opfern auf Schweizer Bankkonten identifiziert, wie in ihrem Schlussbericht nachzulesen ist. Antworten
Wirtschaft
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!



