Wirtschaft

Das einzige Auto «Made in Africa»

Von Johannes Dieterich, Uitenhage. Aktualisiert am 03.01.2011 5 Kommentare

Die Fabrik im südafrikanischen Uitenhage zählt zu den 10 besten der über 60 der Volkswagen-Familie.

Die VW-Produktion im südafrikanischen Werk Uitenhage ist nur zu 66 Prozent automatisiert. Im Bild: VW-Werk in Wolfsburg.

Die VW-Produktion im südafrikanischen Werk Uitenhage ist nur zu 66 Prozent automatisiert. Im Bild: VW-Werk in Wolfsburg.
Bild: Keystone

(Bild: TA-Grafik)

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Es ist das einzige afrikanische Automobil der Welt, auch wenn auf seine Herkunft nichts schliessen lässt: kein zusätzlicher Wassertank, kein verstärktes Sonnendach, kein Gütesiegel «Made in Africa». Wer sich irgendwo auf der Welt einen Cross Polo kauft, kann sicher sein, dass der Volkswagen (VW 121.5 1.08%) aus dem Land Nelson Mandelas stammt: «Und dafür schämen wir uns nicht», lacht der südafrikanische VW-Chef David Powels.

Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden in Afrika Automobile höchstens zusammengesetzt – aus Teilen, die von Europa und den USA angeliefert wurden. Mehr als billige Arbeitskräfte für die Endmontage wurden dem Kontinent nicht zugetraut. Der Cross Polo hingegen ist selbst seinen Bestandteilen zufolge ein wahrer Afrikaner: Über 70 Prozent der Komponenten werden in Südafrika hergestellt – nach Powels Plänen werden es bald 80 Prozent sein. Das macht schon allein aus Kostengründen Sinn, denn jedes mit dem Schiff und durch den Zoll angeschleppte Teil verteuert die Herstellung. Ohnehin ist «Made in Germany» kein Slogan, mit dem sich der globalisierte Volkswagen-Konzern noch schmücken wollte: Längst hat er das nationalistische Motto durch «Made by Volkswagen» ersetzt.

Japanische Produktionsweise

Vor zwanzig Jahren, räumt Produktionsdirektor Tom du Plessis im VW-Werk in Uitenhage ein, habe man einem Automobil noch angesehen, ob es in Wolfsburg oder am Kap der Guten Hoffnung hergestellt worden sei. Letzteres war mal ganz gut, mal weniger gut, konnte jedoch keinen kontinuierlich hohen Qualitätsanspruch halten. Im internationalen Vergleich der VW-Produktionsstätten war das 60 Jahre alte Werk am Indischen Ozean im untersten Viertel angesiedelt: Laxe Disziplin, schlecht durchdachte Produktionsprozesse und unzureichende Ausbildung forderten ihren Tribut. Heute zählt Uitenhage zu den 10 besten der über 60 Fabriken umfassenden Volkswagen-Familie – und Powels hat sich vorgenommen, den Olymp der fünf Besten zu erklimmen.

Zentrale Person bei diesem Unterfangen ist Produktionsdirektor du Plessis, der vom Erzkonkurrenten Toyota abgeworben wurde. Dort lernte der Südafrikaner die japanische Produktionsweise kennen, die sich vor allem durch rigorose Standardisierung auszeichnet. Wer das nahe der Hafenstadt Port Elizabeth gelegene Werk vor fünf Jahren zum letzten Mal gesehen hat, traut seinen Augen nicht: Die Anlagen sind wesentlich ruhiger geworden, die Beschäftigten müssen keine weiten Wege mehr zurücklegen, um an die zu verarbeitenden Teile zu gelangen, aus dem Bienenschwarm ist ein Uhrwerk geworden. Auf zahllosen Korkwänden werden für jeden sichtbar die Leistungen der Mitarbeiter, Teamleiter und Manager bewertet: «Visuelles Management», nennt du Plessis die an den Grossen Bruder erinnernde Produktionsüberwachung.

Drill und Weiterbildung

Ausserdem wurde in jedem Sektor eine mehrräumige «Akademie» errichtet, in der die Beschäftigten regelmässig gedrillt und weitergebildet werden. Dazu gehören auch Fingerfertigkeitsübungen und dass man aus einem Haufen Schrauben ohne hinzuschauen exakt drei und nicht vier oder zwei Exemplare herausfischen kann. «Denn bei uns», sagt Manager Richard Botha, «kommt es auf jede Sekunde an.»

Überraschenderweise kam es bei der Einführung des Standardisierungsdrills zu keinem Aufstand der Gewerkschaften, die am Kap der Guten Hoffnung durchaus Muskeln haben: «In Deutschland», räumt du Plessis ein, «wäre ein derartiger Schritt wohl kaum möglich gewesen.» (Abgesehen davon, dass es in Wolfsburg bei einem Automatisierungsgrad von 99 Prozent ohnehin fast nur noch Roboter gibt, während Uitenhage der billigeren Arbeitskräfte wegen bislang nur zu 66 Prozent automatisiert ist.) Der Betriebsrat habe aber auch verstanden, dass die Standardisierung für die Wettbewerbsfähigkeit des Werks unverzichtbar sei, sagt Manager Botha: «Und sehen Sie hier traurige Gesichter?» Zumindest während des Rundgangs mit dem Management nicht.

Gnadenlose Ruckzuck-Fertigung

Die gnadenlose Ruckzuck-Fertigung hat bereits eine ganze Lawine an Rekorden ausgelöst. Mit 697 Fahrzeugen wurden kürzlich so viele Fahrzeuge wie noch nie an einem Tag produziert, Oktober war mit 15 131 Automobilen der produktivste Monat in der 60-jährigen Firmengeschichte. Obwohl das Werk wegen Lohnstreiks erst in der Auto-, dann in der Zuliefererindustrie im Sommer für mehrere Wochen geschlossen war, werden in diesem Jahr vermutlich 122'000 Autos hergestellt. Gerade hat ein Schiff den Hafen von Port Elizabeth in Richtung Emden verlassen, in dem 3141 Polo (darunter 548 Cross Polo) geladen waren. Auch das ein historischer Rekord.

Vom Sturm der Rekorde ebenso beflügelt wie von den überraschend positiven Ergebnissen der gesamten VW-Gruppe hat sich Powels für Südafrika ehrgeizige Pläne gesetzt: Schon bald sollen in Uitenhage Jahr für Jahr 160'000 Fahrzeuge hergestellt werden. Der in Port Elizabeth geborene Manager zweifelt keinen Augenblick daran, dass Uitenhage als Produktionsstandort erhalten bleibt, hat das Werk doch alle Ziele erreicht, die man sich intern mit der Formel 1:10:100 gesetzt hatte: Südafrikas Autobauer Nummer 1 zu werden, zu den 10 besten VW-Werken der Welt zu gehören und die Kosten für die in Südafrika verarbeiteten Fahrzeugteile auf höchstens demselben Niveau (100 Prozent) wie in Europa zu halten. Zu diesem Zweck versuchen die Polo-Bauer auch ständig, neue Zulieferer in den Industriepark in der Nähe ihres Werks zu locken: Kürzlich erklärten sich wieder sechs Firmen zur Ansiedlung bereit.

«Nicht in Panik versetzen lassen»

Von den oft schrillen politischen Tönen am Kap der Guten Hoffnung lässt sich Powels nicht beirren. Wenn Julius Malema, der umstrittene Chef der Jugendliga des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), die Verstaatlichung der Minenindustrie fordert, solle man sich davon «nicht in Panik versetzen lassen»: Wirtschaftspolitisch habe die ANC-Regierung in den 16 Jahren ihres Bestehens bislang stets das Richtige getan. Auch die Fortsetzung eines 2012 auslaufenden Förderungsprogramms der Autoindustrie ist in veränderter Gestalt gesichert: Offensichtlich weiss die Regierung, was sie einem der grössten Arbeitgeber der verarbeitenden Industrie verdankt.

Umgekehrt weiss Powels, dass ein globaler Konzern keinen ganzen Kontinent links liegen lassen kann. Auch wenn Südafrika derzeit weniger als 2 Prozent des weltweiten Automarkts ausmacht: Strategisch kommt dem Schwellenland erhebliche Bedeutung zu. McKinseys Experten sehen Anzeichen dafür, dass Afrika aus seinem Löwenschlaf bald erwachen könnte. Die Wolfsburger errichten im ölreichen westafrikanischen Staat Angola schon mal ein Montagewerk. Afrika ist mit einer Milliarde Einwohnern der zweitgrösste Erdteil der Welt, über zweitausend Völker leben hier: Der Volkswagen könnte hier zum Völkerwagen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2011, 14:46 Uhr

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5 Kommentare

Gene Amdahl

03.01.2011, 07:40 Uhr
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Made in Germany/Switzerland/Japan stehen für den Inbegriff für Qualität mit entsprechenden Erwartungen. Bedeutungslos ist der Begriff wie: made by VW oder EU etc. da dieser sicherlich nicht auf Qualität bezogen ist. Antworten


Max Wartenberg

03.01.2011, 09:50 Uhr
Melden

Ist nicht das"einzige Auto «Made in Africa»". Auch Ford, GM, Mercedes und Toyota betreiben Fabriken in Südafrika, wo Autos made in Africa hergestellt werden. Ausserdem gibt es noch andere Länder auf dem afrikanischen Kontinent die Autos bauen, wie Ägypten, etc. Wieso zum Artikel ein Foto aus Wolfsburg und nicht von der Fabrik in Südafrika, würde doch besser passen? Antworten



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