Wirtschaft

Das grosse Leiden der Pharmariesen

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 26.10.2011 59 Kommentare

Novartis und Roche streichen Tausende Stellen, viele davon in der Schweiz. Die Branche spürt die Schuldenkrisen der Staaten.

1/4 Novartis streicht Stellen: Produktionsgebäude in Nyon am 25. Oktober 2011.
Bild: Keystone

   

Grösste Pharmafirmen nach Umsatz

1. Pfizer (USA), 68 Mrd. Dollar
2. Novartis (CH), 53 Mrd. Dollar
3. Merck & Co. (USA), 46 Mrd. Dollar
4. Bayer (D), 44 Mrd. Dollar
5. Glaxosmithkline (GB), 43 Mrd. Dollar
6. Johnson & Johnson (USA), 37 Mrd. Dollar
7. Sanofi (F), 36 Mrd. Dollar
8. Roche (CH), 34 Mrd. Dollar
9. Astrazeneca (UK), 26 Mrd. Dollar
10. Abbott Laboratories (USA), 22 Mrd. Dollar

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Die Pharmariesen setzen die Axt an. Novartis hat in den letzten drei Jahren den Abbau von 4500 Stellen angekündigt, Roche streicht 4800 Stellen. Zusätzlich, so hat der «Tages-Anzeiger» ausgerechnet, sind bei Novartis rund 2500 Stellen diskret abgebaut worden. Das sind 11'800 oder 6,6 Prozent von insgesamt rund 178'000 Stellen, welche die beiden Konzerne bislang angeboten haben.

Die beiden Schweizer Firmen befinden sich in bester Gesellschaft. Auch Glaxosmithkline (GB), Astrazeneca (GB) und Pfizer (USA) streichen Stellen, drücken die Kosten, schliessen Produktionsstätten. Sie kämpfen alle mit den gleichen Problemen: Die hoch verschuldeten Industriestaaten in Europa und Nordamerika drücken die Preise. Gleichzeitig verlängern schärfere Gesetze die Zeit, bis ein Medikament endlich auf den Markt kommt. Für Pharmakonzerne, deren Patente bald ablaufen, zieht sich die Schlinge zu.

«Schwierige Situation»

Die Schuldenkrise in den europäischen Staaten und den USA mache den Pharmafirmen wirklich nachhaltig zu schaffen, sagt Karl-Heinz Koch, Pharma-Spezialist bei Helvea. «Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren in der Branche insgesamt weitere Einschnitte folgen.» Diese kämen meist dann, wenn der Druck der auslaufenden Patente akut steige. Im Fall von Novartis sind es der Blutdrucksenker Diovan, mit 6 Milliarden Umsatz der wichtigste Blockbuster des Konzerns, und das Krebsmedikament Gleevec, die beide ab 2012 den Patentschutz verlieren. «Obwohl unsere Performance stark ist, stehen wir vor einer schwierigen Situation, die sich vermutlich auch in den kommenden Jahren nicht ändern wird», sagte Novartis-Chef Joe Jimenez heute bei der Ankündigung des Stellenabbaus.

Die Pharmakonzerne wählen unterschiedliche Strategien, um ihre Zukunft zu sichern. Einige von ihnen lagern die teure Forschung in eigene Unternehmen aus und behalten nur die risikoarmen Sparten wie Diagnostik, Medtech, Generika und Nahrung. Genau das tut etwa Abbott Laboratories, einer der grössten US-Pharmakonzerne. Er hat den Schritt vor gerade drei Tagen bekannt gegeben. Auch Abbott steht vor einer Patentklippe: Der Patentschutz seines Kassenschlagers Humira, einem Medikament gegen Psoriasis und Arthritis, läuft 2016 ab.

Genau den gegenteiligen Weg wählt Roche. Das Unternehmen konzentriert sich bewusst nur auf Pharma und Diagnostik – und versucht dort, mit hoch spezialisierter Forschung und entsprechenden Produkten auch künftig hohe Preise zu erzielen. Besonders viel Hoffnung setzt Konzernchef Severin Schwan auf die personalisierte Medizin, wie er mehrfach öffentlich erklärt hat. So könnte etwa die Roche-Sparte Diagnostics Gentests liefern, auf deren Grundlage der Patient ein individuell optimales Medikament von Roche kaufen würde.

Novartis wählt den Mittelweg

Mit seiner Strategie hat Schwan den Konzern an die Weltspitze der forschungsintensivsten Unternehmen katapultiert: Niemand rund um den Globus investiert laut einer Studie der Beratungsfirma Booz&Company mehr Geld in Forschung als Roche mit seinem 10-Milliarden-Dollar-Budget. Bis 2016 wollen die Schweizer neun neue Kassenschlager auf den Markt bringen. Der Weg der Hochspezialisierung sei natürlich eine brillante Idee, sagt Analyst Koch. «Das Problem ist, dass man nicht weiss, wer das schaffen wird.»

Novartis hat sich darum für einen Mittelweg entschieden: Die Forschung bleibt im Haus, ebenso aber auch die Sparten Generika (Sandoz), Gesundheit, Impfstoffe und Diagnostik sowie Augenheilmittel. So schafft es Novartis, obwohl grösser als Roche, nur auf Platz 3 der weltweit forschungsintensivsten Unternehmen. Dafür gibt es milden Spott von den Nachbarn: «Manche nennen das Diversifikation», sagte Roche-Chef Severin Schwan letzten Herbst der «Financial Times». «Ich nenne das Aufgeben.»

Den eingeschlagenen Weg will Novartis nun offenbar weitergehen. Der Stellenabbau solle sicherstellen, «dass Novartis auch in Zukunft ihre Aufgabe erfüllen kann, neue und innovative Medikamente (...) zu entdecken und zu entwickeln», sagte Konzernchef Jimenez heute weiter. Novartis setzt weiter auf Forschung – und Basel bleibe der wichtigste Forschungsstandort, verspricht der Konzern. Allerdings werden gewisse unterstützende Funktionen wie etwa Datenverwaltung oder das Monitoring klinischer Studien ins lohngünstigere Ausland verlegt. Es geht also weniger um eine Neuausrichtung als vielmehr darum, einfach Kosten zu sparen. Entsprechend missmutig reagiert die Börse: Die Titel verloren bis zum Mittag über 2 Prozent. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.10.2011, 13:17 Uhr

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59 Kommentare

Ronnie König

25.10.2011, 14:00 Uhr
Melden 55 Empfehlung 0

Die Schweizer lachten über die Krise der EU. Ich sagte dazu: Es wird auch uns treffen. Und nun trifft es uns. Das ganze System ist im Eimer. Schritt für Schritt werden nun Verhältnisse wie in der 3. Welt Einzug halten. Man hätte den Zeitpunkt hinauszögern können, aber Steuererleichterungen und Sozialabbau waren den meisten wichtiger. Nun haben wir die Quittung. Es war umsonst. Danke Bünzlis. Antworten


Mark Lang

25.10.2011, 13:29 Uhr
Melden 52 Empfehlung 0

Dass Novartis seit 97 die Dividende vervierfacht hat, Vasella als VR immer noch jährlich über 11 Mio einsackt und Jimenez über 12 Millionen ist wohl kein Thema. Würden diese Firmen nicht soviel Geld für das Topmanagement und die Investoren abschöpfen, kämen sie auch ohne drastische Umstrukturierungen durch magere Jahre. Antworten



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