Wirtschaft

Der Billigzug rollt an

Von Olivia Raths. Aktualisiert am 09.07.2012 87 Kommentare

In unseren Nachbarländern fährt er teilweise schon oder nimmt demnächst den Betrieb auf: Der Billigzug. Auch in der Schweiz wäre dies möglich – unter bestimmten Bedingungen.

1/5 Freut sich über den Start seines privaten «Italo»-Zugs: Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo, Präsident des privaten Betreibers Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV) am Bahnhof Tiburtina in Rom. (April 2012)
Bild: Keystone

   

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Das Konzept der Billigflieger macht sich langsam auch auf den europäischen Schienen breit. In den Nachbarländern der Schweiz hält der Billigzug seit Ende 2011 schrittweise Einzug:

  • Österreich: Seit Dezember 2011 rollen sie zwischen Wien, Linz und Salzburg: die Züge der ersten Privatbahn auf den Schienen der Staatsbahn ÖBB. Stewardessen und WLAN inklusive. Eine einfache Fahrt von Wien nach Salzburg kostet 23.80 Euro, was dem Halbtaxpreis bei den ÖBB entspricht. Verwaltungsratsvorsitzender des Betreibers Westbahn ist der frühere SBB-Chef Benedikt Weibel. Der Start war harzig. Wie der Tages-Anzeiger am vergangenen Samstag berichtete, weigerten sich die ÖBB nicht nur lange, die Westbahn in ihre Fahrpläne aufzunehmen. Sie zwangen das Start-up-Unternehmen auch mit Billigtickets in einen Preiskampf, den man dort weder erwartet noch einkalkuliert hatte. Zudem tobt hinter den Kulissen ein Rechtsstreit. «Derzeit geben wir mehr Geld für Anwälte als für das Marketing aus», sagt Weibel.
  • Italien: Im April nahm der private Hochgeschwindigkeitszug «Italo» seinen Betrieb auf der Paradestrecke Mailand–Bologna–Florenz–Rom–Neapel auf. Hinter dem Projekt steht das Unternehmen NTV (Nuovo Trasporto Viaggiatori) von Ferrari-Boss Luca di Montezemolo. Er setzt auf Luxus zu erschwinglichen Preisen. Laut Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz, haben die privaten Anbieter bereits diverse Schikanen durch den staatlichen Betreiber Trenitalia erlebt.
  • Deutschland: Für fünf Euro von Hamburg nach Köln: Der private Hamburg-Köln-Express (HKX) startet laut Ftd.de noch diesen Monat seinen Betrieb auf dieser Paradestrecke. HKX ist der erste Mitbewerber, der die Deutsche Bahn auf einer Hauptstrecke des Fernverkehrs konkurrenziert. Zwischen Leipzig und Rostock betreibt bereits der französische Konzern Veolia seine Züge – bisher mit bescheidenem Erfolg, wie Ftd.de schreibt. Ausserdem soll im Herbst das Kölner Unternehmen MSM in den Bahnmarkt treten.
  • Frankreich: Auch in Frankreich kommt der Billigzug – allerdings nicht von einem privaten Anbieter, sondern von der staatlichen SNCF selbst. Wie das französische Blatt «Le Parisien» berichtet, wird der Billig-TGV ab Anfang 2013 rollen; dies zwischen Paris und den Städten Lyon, Montpellier und Marseille. Die Billette werden rund 25 Prozent günstiger sein als die herkömmlichen. Im Gegensatz zu herkömmlichen TGVs soll es in der Billigvariante weder eine erste Klasse noch einen Speisewagen geben. Es werden Bahnhöfe angefahren, die nicht im Innenstadtbereich liegen.

Und wann kommt der Schweizer Billigzug?

«In der Schweiz sind die rechtlichen Grundlagen für eine private Nutzung des SBB-Schienennetzes grundsätzlich vorhanden», sagt Kurt Schreiber, Präsident Pro Bahn Schweiz, auf Anfrage. «Was bisher fehlt, ist ein Anbieter für den privaten Personenverkehr.» Wenn er konkurrenzfähig sein wolle, müssten dessen Billette mindestens zehn Prozent günstiger sein als bei den SBB, so Schreiber. Das sei allerdings schwierig, wenn er ohne staatliche Subventionen kostendeckend respektive gewinnbringend sein müsse. Aus diesen Gründen wäre ein Billigzug schwer zu realisieren.

Ein Hindernis für einen privaten Personenverkehrszug wäre zudem die Tatsache, dass die sogenannte Trassenvergabestelle an die SBB gebunden ist. Die Vergabe von Strecken und Zeitfenstern im Schienennetz sei im umliegenden Ausland nicht an eine Zuggesellschaft gebunden, erklärt Schreiber. Er ist der Meinung, dass eine solche Vergabestelle privat sein müsste.

Im Schweizer Güterverkehr gibt es schon private Konkurrenz

Im Güterverkehr, der im Gegensatz zum Personenverkehr nicht vom Bund subventioniert wird, haben die SBB jedoch private Konkurrenz: Die BLS habe sich seit einiger Zeit auf dem Schweizer Schienennetz etabliert und biete in einzelnen Fällen 50 Prozent günstigere Preise als die SBB, weiss der Pro-Bahn-Präsident. «Offenbar geht hier die Rechnung trotz der nicht ganz günstigen Trassenpreise auf.»

Er hält fest, dass die SBB früher hin und wieder Steine in den Weg der BLS gelegt hätten. In letzter Zeit habe sich die Situation aber verbessert. Besonders seit der Sperrung der Gotthard-Bahnlinie habe man die Wichtigkeit des anderen Anbieters erkannt. «Die Konkurrenz trug aber sicherlich bei beiden zu einer höheren Qualität der Dienstleistungen bei», ist Schreiber überzeugt.

Für den Fall, dass doch einst ein privater Anbieter den SBB-Personenverkehr aufmischen sollte, hofft Schreiber: «Es soll auf keinen Fall zu einer Wiederholung aus den 1880er-Jahren kommen. Damals versuchten diverse Schweizer Anbieter, sich gegenseitig zu ruinieren, weshalb ihr Service völlig an den Kunden vorbeiging.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.07.2012, 19:29 Uhr

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87 Kommentare

Patrick Meier

06.07.2012, 19:42 Uhr
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Und wer betreibt die nicht so attraktiven, nicht so rentablen Strecken? Werden die einfach eingestellt, oder muss der Staat mal wieder die Verluste sozialisieren, während die Gewinne der lukrativen Strecken privatisiert werden??? Als Folge würden solche Strecken stillgelegt, und der Strassenverkehr nimmt noch mehr zu. Antworten


Hans Müller

06.07.2012, 20:02 Uhr
Melden 441 Empfehlung 0

Es gibt Sachen, die muss man nicht privatisieren. Punkt. Sage ich als FDPler. Antworten



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