Wirtschaft

Der «Datendieb» wähnt sich auf einer Mission

Ist der frühere Informatiker der HSBC ein Idealist mit «messianischem Antrieb»?

Schildert sein Handeln als einen ethischen Reflex: Hervé Falcianis ehemaliger Arbeitsort in Genf.

Schildert sein Handeln als einen ethischen Reflex: Hervé Falcianis ehemaliger Arbeitsort in Genf.
Bild: Keystone

Er wirkte ruhig, Hervé Falciani, überlegt und entschlossen. Als der frühere Kadermann und Informatiker der Genfer Filiale von HSBC, auch als «Datendieb» bekannt, ein junger Mann mit bubenhaften Gesichtszügen, am Sonntagabend am französischen Fernsehen auftrat, schien es, als habe er sich jeden Satz vor dem Interview zurechtgelegt (TA vom Montag). Eine Woche hatte der 38-jährige französisch-italienische Doppelbürger dafür Zeit gehabt. Seit letztem Dienstag, als die Zeitung «Le Parisien» einige Hintergründe des Datendiebstahls bei der grossen Privatbank enthüllt hatte, schwieg Falciani. In den Zeitungen hiess es, «Hervé», der bis 2008 für HSBC als Spezialist für Datenbanken gearbeitet hatte, lebe seit bald einem Jahr irgendwo im Hinterland von Nizza, unweit seines Geburtsortes Monte Carlo.

Die französische Justiz hat ihm eine neue Identität und einen ständigen Polizeischutz verschafft, weil er als Informant den Behörden sensible Daten von Bankkunden ausgehändigt und sich so potenziellen Gefahren ausgesetzt habe. Umso überraschender war darum sein TV-Auftritt: samt vollem Namen und unverhülltem Gesicht. Falciani sagte, er habe in der Presse gelesen, was über ihn geschrieben wurde. Das sei alles falsch: Er habe keine Angst, er verstecke sich nicht, und er sei auch nicht bezahlt worden für die Informationen. Er habe nur nicht akzeptiert, dass die Bank ein «opakes System» unterhalten habe, das allein dazu diente, Steuerabgaben zu umgehen.

«Messianischen und ehrlichen Antrieb»

Falciani gab sich empört über diese Praxis und schilderte sein Handeln als ethischen Reflex. Sein Verteidiger, Patrick Rizzo, beschreibt ihn als einen Idealisten, der schockiert gewesen sei über die «grosse Menge unlauterer Vermögen», die er in den Datenbank ausgemacht habe: «Falciani hat sich geweigert, auch nur auf indirekte Art für das organisierte Verbrechen zu arbeiten.» Ähnlich äusserte sich am Sonntag der Staatsanwalt von Nizza, Eric de Montgolfier: «Falciani fürchtete, dass seine Bank eine Mitschuld trug an der Finanzkrise. Er glaubt nun, er könne etwas dagegen unternehmen.» Der Untersuchungsrichter, der schon seit mehreren Monaten mit dem Informatiker zusammenarbeit, sieht bei ihm einen «messianischen und ehrlichen Antrieb».

Unklar ist jedoch noch immer, ob Falciani tatsächlich nicht bezahlt wurde für seine Informationen, wie er selber und das französische Budgetministerium beteuern. Die Zeitung «Le Monde» berichtete letzte Woche, er habe versucht, die gesammelten Daten zunächst im Libanon zu verkaufen, von wo seine Frau herkommt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2009, 07:34 Uhr

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