Wirtschaft

Der neue SBB-Managementstil lässt Kaderleuten wenig Spielraum

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 31.05.2010

SBB-Chef Andreas Meyer realisiert Projekte über die Köpfe der Divisionschefs hinweg.

Hat viel Gutes bewirkt soll aber auch «machtbesessen» sein: SBB-Chef Andreas Meyer.

Hat viel Gutes bewirkt soll aber auch «machtbesessen» sein: SBB-Chef Andreas Meyer.
Bild: Keystone

Politik

Verkehrskommission will Klarheit

Die Verkehrspolitiker Ulrich Giezendanner (SVP) und Andrea Hämmerle (SP) verlangen, dass sich die SBB-Spitze in der Verkehrskommission erklärt. Deren Präsident Max Binder denkt laut «SonntagsZeitung» sogar an eine Untersuchung durch die Geschäftsprüfungskommission (GPK).

Noch nicht beunruhigt ist man anscheinend im Verwaltungsrat der SBB, der vom ehemaligen Postchef Ulrich Gygi präsidiert wird. Aus VR-Kreisen ist zu hören, dass man den jährlichen Risikobericht des Managements, dessen verzögerte Publikation Ende Jahr zum Abgang von Generalsekretär Kurt Signer geführt hatte, unterdessen zur Kenntnis genommen habe.

Gemäss «SonntagsBlick» war die Schweizer Niederlassung der Kadervermittlungsfirma Spencer Stuart für die Wahl von Jürg Schmid als Chef Personenverkehr zuständig. Laut dem Schweiz-Tourismus-Chef habe das Assessment zwei Monate in Anspruch genommen.(meo)

Stichworte

Mit Thomas Remund verlässt ein weiterer Kadermann die SBB. Remund, der im Dezember Leiter der Finanzkontrolle des Kantons Bern wird, ist derzeit interimistisch Finanzchef der Division Infrastruktur, wie die «SonntagsZeitung» berichtet. Zuvor verantwortete er während acht Jahren die interne und externe Finanzberichterstattung des Konzerns. Nach dem Abgang von Cargo-Chef Daniel Nordmann war er vorübergehend auch Finanzchef der Güterdivision.

Der Abgang Remund zeigt zwei für die SBB sehr zentrale Probleme auf:

  • Erstens führt die Häufung der Abgänge dazu, dass immer mehr Funktionen ad interim ausgeführt werden. Am stärksten trifft dies auf die Leitung der Division Personenverkehr zu. Fernverkehrschef Vincent Ducrot hatte dieses Amt anderthalb Jahre inne, seit dem abrupten Abgang von Schweiz-TourismusChef Jürg Schmid übt der ImmobilienLeiter Urs Schlegel diese Funktion aus.
  • Zweitens trifft der auf den Führungsstil von Andreas Meyer zurückzuführende Aderlass nicht nur das oberste Kader, sondern auch Chargen im mittleren Kader. So verliess vor kurzem Daniel Wyder die SBB. Er war bei der Division Infrastruktur Leiter des Anlagenmanagements und ist seit Anfang Februar Infrastrukturchef der BLS. Thomas Küchler ist seit Anfang Jahr Chef der Südostbahn; er war zuvor Leiter der Geschäftseinheit Unterhalt, Bau und Logistik von SBB Infrastruktur.

SBB als Arbeitgeber nicht gefragt

«Die Abgänge im mittleren Kader treffen die SBB mindestens so hart wie jene zuoberst», sagt Hansjörg Hess, der Ende 2008 als Chef Infrastruktur zurücktrat: «Das sind Wissensträger, die nicht einfach zu ersetzen sind.» Mit jedem Branchenfremden, den die SBB holen müssen, würden die Wissenslücken im Unternehmen grösser. Zudem wachse die Skepsis gegenüber dem Arbeitgeber SBB massiv. «Headhunter sagen, es sei enorm schwierig geworden, Leute an die SBB zu vermitteln», weiss der in Eisenbahntechnik international erfahrene Ingenieur.

Hess, der nach seinem Rücktritt noch bis Anfang 2010 bei den SBB unter Vertrag war, ortet das Problem in Meyers Führungsstil: «Meyer ist machtbesessen, hat einen Kontrollwahn und lässt einem kaum Gestaltungsspielraum». Damit bestätigt der Ingenieur die von SchweizTourismus-Chef Jürg Schmid nach kurzer Zeit vorgenommene Analyse.

Meyer habe zentrale Stäbe aufgebaut, die ihm unterstellt sind und über die Köpfe der Chefs in die Divisionen ausschwärmen. «Das sind gegen 20 Leute, die ihm alles zutragen», sagt Hess. Meyer greife so über die Chefs hinweg direkt in die Divisionen ein. «Das macht das Führen schwierig», resümiert Hess.

Hohen psychischen Druck

SBB-Sprecher Danni Härry bestätigt, dass Meyer eine Abteilung für Unternehmensentwicklung aufgebaut habe, die den Auftrag hat, Projekte in den Divisionen durchzuführen. Es handle sich aber bloss um 6 Leute, geführt werde sie von einem Ex-Kadermann der Deutschen Bahn. Dieser arbeite mit der Gruppe früherer SBB-Kader zusammen, die die SBB weiterhin beraten; die Gruppe sei durch einige Juniorberater ergänzt worden. Insgesamt seien das vielleicht 15 Leute.

Hess hat nie gestört, dass Meyer hohe Anforderungen stellt und auch konsequent auf Schwachstellen hinweist. Die von ihm aufgestellten Zielvereinbarungen seien hervorragend, unter Meyer sei generell viel Gutes passiert. Auch in der Analyse der SBB geht Hess zum Teil mit Meyer einig: Die drei Divisionen Personenverkehr, Cargo und Infrastruktur seien in der Tat zu eigenständig gewesen. «Die Bahn ist ein integriertes Unternehmen, und da hätte ich mir vom früheren Chef Benedikt Weibel eine etwas integrierendere Führung gewünscht.» Mit seinen Stäben gehe Meyer aber deutlich zu weit. Zudem übe er auf die Kader enorm hohen psychischen Druck aus.

Meyer will mehr Kooperation

Im TA-Interview hatte der SBB-Chef letzte Woche gesagt, die Divisionalisierung habe in den Köpfen einiger Kader etwas zu stark Fuss gefasst. Aus Platzgründen unerwähnt blieb damals etwas, das zur Analyse des Ex-Infrastrukturchefs passt. Meyer sagte: «Für mich ist der konstruktiv-kritische Austausch wichtig, um die grossen Herausforderungen priorisiert anzugehen. Darum muss ich mich in Zukunft vermehrt kümmern. Wir müssen in diesem komplexen System stärker zusammenarbeiten. Da ist manchmal Klartext nötig, ob mir das angenehm ist oder nicht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2010, 09:02 Uhr

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