Wirtschaft

Deutschland sagt, wos langgeht

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 02.02.2010 113 Kommentare

Die markigen Worte von Schweizer Politikern können nicht darüber hinwegtäuschen: Das Land hat gegenüber dem mächtigen Nachbarn im Norden nichts in der Hand.

Wenig in der Hand gegenüber dem grossen Nachbarn: Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle mit dem damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz beim Schweizer Antrittsbesuch im vergangenen November.

Wenig in der Hand gegenüber dem grossen Nachbarn: Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle mit dem damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz beim Schweizer Antrittsbesuch im vergangenen November.
Bild: Keystone

Politiker in der Schweiz geben sich kampfeslustig. Die Entscheidung der deutschen Regierung, geklaute Kundendaten einer Schweizer Bank zu kaufen, wolle man sich auf keinen Fall gefallen lassen, heisst es unisono. Auf die Frage aber, wie unser Land denn genau reagieren soll, bleiben die Antworten vage und verschwommen: Retorsionsmassnahmen hält man für kontraproduktiv, zählt auf die gute Nachbarschaft, die doch auch die Deutschen nicht aufs Spiel setzen wollen und appelliert an die Moral.

Nur wer in einem handfesten Interessenkonflikt nichts Gewichtiges in die Waagschale werfen kann, argumentiert so. In Tat und Wahrheit bleibt die Schweiz hilflos. Das Land ist derart eng mit dem grossen nördlichen Nachbarn verwoben, dass jede Massnahme gegen diesen einem Eigentor gleichkäme. Die Schweizer Wirtschaft ist jener der deutschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Schon die Hoffnung für ein Aufleben der Schweizer Konjunktur hängt massgeblich vom Wohlbefinden in Deutschland ab. Ein wirtschaftlicher Schnupfen in Deutschland führt in der Regel in der Schweiz zu einer konjunkturellen Erkältung.

Wenn Deutschland niest...

Das liegt vor allem an der Bedeutung Deutschlands für Schweizer Exporte – ein Fünftel aller Schweizer Exportgüter werden an den nördlichen Nachbarn verkauft. Kein anderes Land hat auch nur annähernd eine ähnlich grosse Bedeutung. Der Exportanteil der USA ist nur gerade halb so gross, jener des oft genannten Chinas beläuft sich auf weniger als 3 Prozent.

Doch nicht nur beim Warenhandel ist die Schweiz von den Deutschen abhängig. Das gilt auch bei den Dienstleistungen. Der Tourismus könnte ohne sie zusammenpacken. Ein Viertel aller ausländischen Gäste waren im vergangenen Jahr Deutsche. Auch hier hat kein Land auch nur annähernd einen vergleichbaren Anteil. Am zweitmeisten Touristen kommen aus Frankreich, doch die Franzosen haben bloss einen Anteil von etwas mehr als 8 Prozent.

Viel zu reden gibt die grosse Bedeutung der Deutschen für den Schweizer Arbeitsmarkt. Ökonomen nehmen an, dass dank diesen überwiegend gut qualifizierten Beschäftigten die Leistungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft zugenommen hat.

Auch die Banken, die unter dem Datenklau am meisten leiden, sind mehr vom Wohlwollen der Deutschen abhängig als umgekehrt. Sie wollen in den für sie wichtigen deutschen Märkten einen besseren Marktzugang erhalten. Bereits haben sie gehofft, für sich entsprechende Zugeständnisse bei einem neuen Doppelbesteuerungsabkommen herauszuholen. Ein solches auf Eis zu legen, wäre daher nicht im Interesse der Finanzindustrie.

Die Schweiz braucht mächtige Fürsprecher

Die politische Machtlosigkeit der Schweiz gegenüber Deutschland spiegelt letztlich nur die wirtschaftliche wider. Das zeigt sich in allen aussenpolitischen Auseinandersetzungen, ob es um jene mit den USA, mit Frankreich oder mit Libyen geht. Unter der neuen Koalitionsregierung von CDU-CSU und der FDP schien die Schweiz in Deutschland immerhin einen mächtigen Fürsprecher gefunden haben: Der neue Aussenminister Guido Westerwelle hielt demonstrativ einen seiner ersten Auslandsbesuche in der Schweiz ab. Als die Sozialdemokraten noch mitregiert haben, konnte der deutsche Finanzminister die Schweiz verbal prügeln, ohne dass unser Land dem irgend etwas entgegenhalten konnte. Jetzt zeigt sich, dass die vermeindliche Freundschaft an Grenzen stösst.

Die einzige Hoffnung, die der Schweiz überhaupt bleibt, sind dennoch nur die Deutschen selbst: All jene mit genügend Macht, die Druck auf die eigene Regierung ausüben könnten. Das können potenzielle Kritiker in der Regierung selbst sein, aber auch mächtige Vertreter in der deutschen Wirtschaft und Freunde der Schweiz. Jene werden sich allerdings hüten, sich dem Verdacht auszusetzen, mit Steuerhinterziehern gemeinsame Sache zu machen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Die Schweiz bleibt vom Goodwill der Deutschen abhängig. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.02.2010, 14:34 Uhr

113

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

113 Kommentare

Marcel Hollenstein

02.02.2010, 13:55 Uhr
Melden

der text muss in der tagesschau als nachricht verlesen werden. damit der buerger endlich wenigstens halbwegs ahnt was wirklich sache ist. und die sogenannten spitzen-politiker (leider aller couleur) sollten ihn auswendig lernen muessen- vielleicht wuerde es dann weniger mit ihrer unsaeglichen "kraft"-augenwischerei. vielen dank an mdm. Antworten


Heinz Kläui

02.02.2010, 13:43 Uhr
Melden

Dass von MDM nichts Positives zur Sache zu verlauten ist, war von Anfang an klar. allerdings sollte er als Wirtschaftsexperte wissen, dass gegenseitige Verflechtung immer zwei Seiten hat. Kann und will Deutschlad auf schweizer Produkte verzichten? Es ist mir auch nicht klar, warum deutsche Urlauber die Schweiz meiden sollten. Es geht um Bankdaten, nicht um einen Krieg, oder? Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!