Wirtschaft

«Die Aufsicht über die Banken muss verstärkt und verschärft werden»

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 05.10.2010 5 Kommentare

Niklaus Blattner, ehemals Vizepräsident der Nationalbank, zu den neuen Kapitalvorschriften der Banken.

Tatort Paradeplatz: Neue Krisen würden auf die Bankenwelt zukommen. Dessen ist sich Niklaus Blattner sicher.

Tatort Paradeplatz: Neue Krisen würden auf die Bankenwelt zukommen. Dessen ist sich Niklaus Blattner sicher.
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War Professor für Wirtschaft in Basel und bis Frühling 2007 Vizepräsident der Nationalbank: Niklaus Blattner. (Bild: Keystone )

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Verhindern die vorgeschlagenen Massnahmen einen neuen Fall UBS? (UBSN 11.15 -0.89%)
Sie dürften verhindern, dass die gleiche Krise sich wiederholt. Aber es werden neue Krisen kommen. Sie werden anders gelagert sein, andere Ursachen haben. Die Bedrohung kann aber ähnlich gross werden wie im Fall UBS.

Wie meinen Sie das?
Wäre das jetzt vorgeschlagene Massnahmenpaket 2007 schon eingeführt gewesen, hätte dies den Fall UBS vermutlich verhindert. Die Finanzkrise wäre wegen der schwachen Regulierung in den USA trotzdem losgebrochen, aber die UBS wäre wie die CS davongekommen.

Tatsächlich?
Ja, das denke ich. Gehen wir noch einen Schritt weiter. Ich bin überzeugt, dass die Regeln vor 2007 ausgereicht hätten, um einen Fall UBS zu verhindern. Immer vorausgesetzt, die Finma und die Nationalbank, der ich damals angehörte, hätten zu jener Zeit stärker insistiert bei den Banken und wären innovativer gewesen, die kommenden Probleme vorauszusehen. Wenn wir, und speziell die Finma, unsere Kompetenzen ausgeschöpft hätten, hätte die Fehlentwicklung bei der UBS bestimmt deutlich gemildert werden können.

Sie meinen, den Aufbau des aufgeblähten Eigenhandels, der bei der UBS zur Katastrophe führte, hätte man unterbinden können?
Ja, wenn man immer wieder insistiert hätte bei der UBS, sie solle doch erklären, wieso Eigenhandel in diesem Ausmass nicht gefährlich sei und ob die gehandelten Papiere nicht bedeutende Liquiditätsrisiken bergen würden. Man hätte schon damals durchsetzen können, dass eine UBS solche riskanten Positionen stärker mit Eigenmitteln unterlegt. Man hätte der UBS auch sagen können, sie dürfe nicht Eigenkapital an die Aktionäre zurückgeben, was sie ja laufend tat. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die Regeln von Basel I, Basel II und die Bankenregulierung in der Schweiz den Behörden schon vor der Krise viel Spielraum überliessen.

War die Aufsicht zu wenig scharf?
Es hat jenen, die damals in der Verantwortung standen, teilweise an Fantasie gefehlt, wo neue Probleme auftauchen könnten. Teils hinkte die Aufsicht hinter der Praxis her. Zudem hatten die Banken schlicht die besseren Leute. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass ein schärferes Eingreifen der Bankenaufsicht in jener Schönwetterlage nicht die nötige Rückendeckung der Politik gehabt hätte.

Das hat sich stark geändert. Muss die Aufsicht nicht schärfer sein?
Regulierung ist das eine. Auch die Aufsicht über die Banken muss verstärkt und verschärft werden. Die Behörden müssen mehr Spezialisten erhalten, die den Banken gewachsen sind und auf Augenhöhe verhandeln können. Bis jetzt war es eher so, dass die bestqualifizierten Kräfte zu den Banken gingen. Auch punkto Bezahlung und Motivierung der Aufsicht liesse sich einiges verbessern. Die Aufsicht braucht kritische Spezialisten, die fachlich auf höchstem Niveau sind, kritisch, aber nicht aufsässig.

Hat die Aufsicht schlechte Karten?
Die schwierigste Aufgabe ist die fortlaufende Überprüfung der Entwicklung der Bankgeschäftsrisiken. Die Behörden müssen die Risiken der Banken kritischer hinterfragen. Insbesondere wenn Ratingagenturen zwischengeschaltet sind, auf die kein Verlass ist, oder die Banken ihre Risiken mit eigenen Modellen selber berechnen.

Ist der Wille zur Kontrolle da?
Wenn wir in Zukunft nicht den Willen aufbringen, Fehlentwicklungen im Bankensystem zu begegnen, dann hilft die neue Regulierung nicht viel. Wenn das Problembewusstsein nach ein paar Jahren Sonnenschein wieder verloren geht, kommt die nächste schwere Krise, einfach aus einer anderen Richtung.

Wie kann man das verhindern?
Die Aufsicht muss fundamental verbessert werden. Die Banken werden Schlupflöcher suchen, um ihre Geschäftsmodelle zu optimieren. Aufrüsten müssen also die Aufsichtsbehörden, und da zweifle ich am politischen Willen. Auch ist es nötig, die Grenzen der seit 1988 vorherrschenden risikogewichteten Eigenkapitalregulierung zu akzeptieren und bessere internationale Standards zu entwickeln. Sie müssen einfacher und gleichzeitig wirksamer sein.

Die Banken haben bis Ende 2018 Zeit, ihr Kapital aufzustocken. Müsste das nicht schneller gehen?
Zusätzliches Kapital muss zuerst erarbeitet werden. Ich gehe indes davon aus, dass UBS und CS die neuen Kapitalanforderungen lange vor Ablauf der Frist erfüllen. Ich hoffe auch, dass die Grossbanken heute weniger an schierer Grösse interessiert sind als an nachhaltiger Optimierung der Erträge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2010, 23:11 Uhr

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5 Kommentare

Nadine Binsberger

05.10.2010, 11:59 Uhr
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Eine Bank ist nicht nur eine überflüssige sondern auch noch eine wirtschaftlich kontraproduktive Institution (zusammen mit den Börsen). Sie zweigt von der Realwirtschaft Mittel ab, die dort für reale Zwecke gebraucht würden. Antworten


paul-dieter mehrle

05.10.2010, 08:58 Uhr
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Danke für derlei klare Statements. Prof. Blattner hat recht: Die Gier ist nicht auszurotten.Wenn es wenigstens gelänge, deren Auswirkungen auf die Spieler zu beschränken- hier also Bankinstitute und ihrePartner bei den gefährlichen Geschäften - könnte man beruhigter sein.Weil es aber auf grund Verfilzungen am politischen Willen fehlt,wird der unbeteiligte Steuerzahler mit in die Haftung gezogen. Antworten



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