Wirtschaft
Die Fusion forderte ihren Preis
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 05.12.2011 37 Kommentare
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Die Debatte um das Frischfleisch beim Detailhändler Coop hat Hans Rufer nur am Rande mitbekommen. Der pensionierte Metzgermeister, der 11 Jahre bei Coop und 16 Jahre bei Migros gearbeitet hat, schaut nicht fern. Doch nun will der Bauernsohn, dem ein Freund ein hohes Arbeitsethos und Geradlinigkeit attestiert, seine Erfahrungen weitergeben. Erfahrungen, die einiges aussagen über die Veränderungen der letzten Jahre in Wirtschaft und Detailhandel – nicht nur an der Fleischtheke.
Von 1973 bis 1985 war Hans Rufer bei der Migros Basel Verkaufsleiter Fleisch. «Dort gab es schon 1973 eine externe Kontrolle», weiss der für einen Metzger sehr feingliedrige Mann. Der Genossenschaftsbund in Zürich, für den Rufer damals auch Personal schulte, beschäftigte einen Fleischkontrolleur, der die regionalen Genossenschaften überwachte. Fleisch habe man nach Ablauf des Verkaufsdatums tiefgekühlt, die Betriebszentrale verarbeitete es zu Fleischkäse oder Wurst. «Laut Gesetz musste solches Fleisch zur Verarbeitung um mindestens 80 Grad erhitzt werden.»
Reste mit Rabatt verkauft
1986 wurde Rufer Chef Fleisch und Gastronomie der Coop-Genossenschaft Liestal. Damals zerlegte und verarbeitete jede grosse Filiale grosse Fleischstücke selber. Mit den An- und Abschnitten vom Vortag wurden Fleischkäse und Lyoner hergestellt. «Jeder Chefmetzger war stolz auf die eigene Produktion.» Coop Liestal musste kein einziges Stück Fleisch wegwerfen; in der Selbstbedienung hatte es aber noch keines.
Rufer schaute bei seinen unangemeldeten Besuchen immer, dass sauber gearbeitet wurde und möglichst wenig Fleischabschnitte anfielen. Die abgepackten Charcuterieprodukte wurden am letzten Verkaufstag stets um die Hälfte verbilligt. Ebenso der Fisch. «Nur so ist es für den Kunden interessant», sagt Rufer. So ging diese Ware bei ihm stets weg. Hätte Coop das Selbstbedienungsfleisch am letzten Verkaufstag mit grossem Rabatt verkauft, wäre es gar nicht zum Skandal gekommen, ist Rufer überzeugt. Rufer war auch als Fachexperte für Lehrlingsfragen im Verkauf sowie in der Hygieneschulung im Kanton Baselland tätig.
Dozent zu Jeremias Gotthelf
Der Metzgermeister kann auf zwei Jahre in einer Grossmetzgerei in Toronto zurückblicken. In jenem Betrieb seien am Montagmorgen 150 geschlachtete Rinder angeliefert worden. Am Freitagabend sei der Kühlraum stets leer gewesen. «Auch dort hatte man das Fleisch Ende Woche verbilligt.»
Rufer hat die Coop-Zeit gut in Erinnerung: Mit dem Direktor habe er es gut gehabt, mit dem Personal, mit den Lieferanten. Ihm ging es immer um den Menschen. Es ist kein Zufall, dass der Kenner der Werke von Jeremias Gotthelf 1994 die Zitatensammlung «Mehr Menschlichkeit im Alltag» herausgegeben hat. Rufer lebte danach: Schwache Lehrlinge unterstützte er nach Kräften, und hatte ein Mitarbeiter ein Alkoholproblem, so liess er ihn nicht fallen. Der Berner war viele Jahre Dozent an der Volkshochschule beider Basel, wo er über Gotthelf und sein Werk referierte.
Auch das Tierwohl lag dem eigenwilligen Fleischmanager stets am Herzen. So hält er seit Jahrzehnten vier Schafe, zwei Esel und eine Ziege – Managerkollegen konnten das nie verstehen. Als Chefeinkäufer beschaffte Rufer Fleisch bewusst lokal; so wusste er auch, wie die Tiere gehalten wurden. 1990 führte er als Innovation Truten aus dem Baselbiet ein. «Das war der Hammer, wir machten gleich eine Million Umsatz.»
«Manager oder Fürsorger?»
Die Wende kam 1994, mit der Fusion der Genossenschaften Liestal, Fricktal und Basel. «Da nahm das Kostendenken überhand, der Verkaufsdruck erhöhte sich massiv.» Rufers Überzeugung, dass ein wirtschaftlich gesundes Grossunternehmen wie Coop gegenüber dem Personal und der Öffentlichkeit eine soziale Verantwortung trägt, kam in der fusionierten Organisation nicht überall gut an. «Sie müssen sich entscheiden», sagte ihm der neue Direktor. «Sind Sie Manager oder Sozialfürsorger?»
Für Rufer schloss das eine das andere nicht aus. Doch nach wenigen Monaten, in denen sich die Beziehung zwischen den beiden Managern kontinuierlich verschlechtert hatte, sagte ihm der Direktor auf einem Kaderausflug beiläufig, er solle doch am Montagmorgen bei ihm vorbeikommen, er habe ihm noch etwas Kleines mitzuteilen.
Das Kleine, das war dann die Kündigung. Rufers Vorgesetzter meinte noch, er müsse nicht sofort gehen, die acht Monate bis Ende Jahr könne er noch arbeiten. Rufer ging nach Hause, sprach mit seiner Frau. Am nächsten Tag fragte er seinen Vorgesetzten, wie er sich das denn vorstelle, das Weiterarbeiten, als ob nichts geschehen wäre. Rufer forderte die Freistellung – und bekam sie auch. In einem Brief an den Direktor kam dann noch ein Gotthelf-Zitat zum Zug: «Ich habe gemeint, Sie seien ein Ehrenmann, den Vaganten hat man Ihnen nicht angesehen», schrieb Rufer. Darauf erhielt er nie eine Antwort. Ihm war das egal; es geht ihm um Aufrichtigkeit.
Der erfahrene Fleischfachmann war nicht der Einzige im Kader, der bei der Fusion zu Coop Basel über die Klinge springen musste. Immerhin habe Coop ihn und andere Entlassene bei der externen Jobsuche unterstützt. Als der Detailhändler die Fusion ankündigte, war noch versichert worden, Personal werde keines entlassen. Aber Kosteneinsparungen und Synergien im Verwaltungs- und Führungsbereich hatte sich Coop Basel schon erhofft.
Nie mehr bei Coop eingekauft
Rufer musste aufs Arbeitsamt stempeln gehen. Erst nach einem halben Jahr fand er eine Stelle bei einer Landi-Genossenschaft, bevor er sich definitiv vom Management verabschiedete und bis zur Frühpensionierung noch einige Jahre als Metzger für die anspruchsvolle Kundschaft von Globus in Zürich arbeitete. Daneben gab und gibt er Weinseminare. Er habe seinen Weg gefunden, sagt Rufer. Doch ein Kollege habe anderswo die Stelle verloren und sich darauf erschossen. «Das ist auch keine Lösung», sagt der Vater und Grossvater.
Auch damals hiess es zuerst beispielsweise in der Nordwestschweiz, es gebe keine Entlassungen. Doch 2001 gab der damalige Coop-Personalchef Peter Keller in der «Basler Zeitung» zu, dass Fusionen in der Regel mit Stellenabbau verbunden seien: «Mit der natürlichen Fluktuation allein haben wir es nie geschafft.» Coop bemühe sich aber um einen sozialverträglichen Stellenabbau.
Hans Rufer weiss, was ihm das Wort «sozialverträglich» wert ist. Er hat seit der Kündigung vor gut 15 Jahren keinen Franken mehr bei Coop ausgegeben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.12.2011, 08:53 Uhr
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37 Kommentare
Ein gut geschriebener Artikel und aus meiner Sicht entspricht er leider der Wahrheit. Die soziale Verantwortung der meisten (grossen) Arbeitgeber gegenüber dem Arbeitnehmer ist auf dem Nullpunkt angelangt. Ausschlaggebend ist heute nur noch die Gewinnmaximierung. Der Satz 'unsere Mitarbeiter sind unser höchstes Gut' aus vielen Firmenbroschüren verkommt so zur Farce! Antworten
Herr Rufer gab Alles und bekam den Schuh. Wer Augen im Kopf hat, hat schon längst bemerkt das vieles nur Fassade ist. Diese Fassade wird nicht nur bei Coop hochgehalten. Der Arbeitnehmer ist und wird immer ein Spielball sein, solange es Manager und Personalverantwortliche gibt die im Menschen nur eine Arbeitskraft sehen. Mögen an dieser Weihnacht keine Suizide geschehen mit solchen Hintergründen. Antworten
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