Wirtschaft

Die Lehman-Pleite bleibt ein Rätsel

Der Kollaps der Bank Lehman Brothers markierte den Höhepunkt der globalen Finanzkrise. Doch ein Jahr später ist noch immer kein neues Auffangnetz gespannt worden.

New York, 15. September 2008: Angestellte von Lehman Brothers verlassen die Zentrale.

New York, 15. September 2008: Angestellte von Lehman Brothers verlassen die Zentrale.
Bild: Keystone

Das steinerne Gesicht des Richard Fuld bleibt als prägende Erinnerung zurück. Der zuvor so selbstsicher auftretende Chef von Lehman Brothers war sprachlos. «Ich werde grübeln bis zum Tag, an dem man mich in die Erde legt», sagte der Banker an einer sichtlich peinigenden Anhörung vor dem Kongress auf die Frage, warum ausgerechnet seine Bank nicht gerettet wurde. Es war im frühen Oktober des vorigen Jahres; nur drei Wochen, nachdem die Lehman Brothers Konkurs anmelden mussten und eine Serie von massierten Staatsinterventionen auslöste, die die Steuerzahler hunderte von Milliarden Dollar kosteten.

Er sollte als grösster Bankrott in die Geschichte der US-Banken eingehen, bis heute aber auch ein Rätsel bleiben. Warum versagte Finanzminister Hank Paulson dem 158 Jahre alten Traditionshaus jede staatliche Unterstützung, rettete stattdessen aber den völlig maroden Versicherungskonzern AIG. Die Frage, ob er von Paulson hintergangen und zu Gunsten anderer Banken geopfert wurde, diese Frage verwirrte Fuld zutiefst. «Ich hoffe aufrichtig, dass dies nicht der Fall war», sagte er vor dem Kongress nur, doch sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich selber misstraute.

Bereits wieder die alten Muster

Ein Jahr nach dem dramatischen Fall des Hauses Lehman und dem Verschwinden von Richard Fuld (gegen den noch juristisch ermittelt wird), scheint sich indessen niemand mehr für die Täter und die Opfer, die Ursachen und Spätfolgen der Krise zu interessieren. Die erstaunliche Erholung an den Kapital- und Wertpapiermärkten spielt dabei sicher eine Rolle. Die Risikobereitschaft der Wallstreet-Banken nähert sich bereits wieder den alten Extremwerten an. So waren die fünf grössten Handelshäuser an Wallstreet im zweiten Quartal dieses Jahres bereit, Tag für Tag 1004 Millionen Dollar an eigenen Handelsverlusten zu riskieren; doppelt so viel wie im sehr guten Börsenjahr Jahr 2006.

Eine Handvoll Topbanken sind dank der Krise noch stärker geworden, merkte diese Woche Elizabeth Warren, die Direktorin der unabhängigen Aufsichtsinstanz des Kongresses an; und warnte zugleich davor, dass den kleineren, regionalen Banken noch ein harter Weg bevorstehe. Dies führt zur zentralen Frage zur Zukunft der Finanzindustrie: «Sind wir wegen der beschleunigten Bankenkonzentration heute nicht sogar noch einem höheren Risiko ausgesetzt», so Warren, «weil das System mit einem einzigen Bankenkollaps zerstört werden kann?»

Politische Akteure blieben untätig

Die Frage fällt zurück auf die Regierung Obama und den Kongress. Wenn bis heute erst wenig zu Gunsten einer besseren Kontrolle und Re-Regulierung der Finanzindustrie unternommen wurde, so ist dies nicht nur der intensiven Lobbyarbeit der Betroffenen zuzuschreiben. Die politischen Akteure in Washington haben es versäumt, eine kohärente Reform in die Wege zu leiten und sie mit der nötigen Aggressivität und Schnelligkeit abzuschliessen. Es sei fatal, eine Krise zu verschwenden, sagte der Stabschef des Präsidenten, Rahm Emanuel, auf dem Höhepunkt der Finanztumulte.

Doch exakt auf diesen Weg des Zaudern und Zögerns hat sich die Regierung begeben. Statt die weit verbreitete Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den überforderten, inkompetenten oder schlicht raffgierigen Bankern zu einer Generalüberholung zu nutzen, liessen Obama und die demokratische Mehrheit die im Frühling eingeleitete Reform entgleiten. Die in der Form eines Wunschkatalogs präsentierte Reform blieb prompt stecken und dürfte – entgegen den Wünschen des Präsidenten – nicht mehr in diesem Jahr abgeschlossen werden.

Ein Blick auf die Arbeiten im Kongress zeigt, dass Wallstreet – trotz eines Debakels historischen Ausmasses – keine gravierenden Einschnitte zu befürchten hat.

Kontrollbehörden kommen sich in die Quere

Die Regierung und eine Mehrheit der Demokraten haben ein Kernstück der Reform fallenlassen, nämlich die Reorganisation der Aufsichtsinstanzen der Branche. Derzeit beschäftigen sich ein halbes Dutzend Kontrollbehörden mit der Finanzindustrie und kommen sich oft in die Quere, während weite Teile des Nichtbankengeschäfts weiterhin unterbeaufsichtigt bleiben. Von den internen Kämpfen der Aufsichtsorgane dürften die Banken insofern profitieren, als sie Schlupflöcher und Doppelspurigkeiten ausnützen. Wie bereits in den letzten 25 Jahren.

Ein gravierendes Versäumnis ist das Ausklammern der Ratingagenturen von der Reform. Denn die hatten die Schrott-Papiere mit höchsten Noten versehen und damit aktiv und entscheidend zur ungesunden Aufblähung der Derivativmärkte beigetragen.

Parallel dazu hat auch das Interesse an einer gestärkten Notenbank nachgelassen. Die Federal Reserve hätte künftig als eine Art Risikoabschätzer für die ganze Wirtschaft dienen sollen und die Möglichkeit erhalten, Spekulationsblasen frühzeitig zu benennen und zu entschärfen. Die Skepsis gegenüber dem Vorschlag ist verständlich, war es doch die Notenbank unter Alan Greenspan gewesen, die wesentlich für die Marktexzesse der letzten 25 Jahre verantwortlich zeichnet. Stephen Roach, der angesehene Chef des Asiengeschäfts von Morgan Stanley, hält es trotzdem für unverantwortlich, die Fed aus den Reformen herauszuhalten. Die Notenbank dürfe

nicht mehr der Selbstregulierung überlassen werden, sondern müsse ein erweitertes Mandat erhalten, das neu auch die «finanzielle Stabilität» des Systems umfasse.

Im Versuch, die Finanzbranche so rasch als möglich wieder mit Kapital auszustatten, versäumte es die Regierung bisher, Hochrisikogeschäfte einzudämmen. Banken haben schon wieder begonnen, riskante Papiere in Wundertüten zu verpacken und zu verkaufen, wie sie im letzten Herbst zum Kollaps des Systems beigetragen hatten. So umfasste der Markt für Kredit-Derivative Ende März bereits wieder 14,6 Billionen Dollar, wie die Bankenaufsichtsbehörde mitteilt. Das waren nur gerade 8 Prozent weniger als Ende 2008, aber dreimal mehr als 2006. Auch die im letzten Herbst aus der Mode gekommenen CDOs (immobiliengesicherte Schuldbriefe) sowie spezielle Finanzierungsvehikel zu Gunsten von Hedge-Fonds erleben ein Comeback, wie das «Wall Street Journal» auf Grund von Umfragen bei den Topbanken schreibt.

Finanzbranche ist aktiver als Politik

Wenn es Fortschritte zu vermelden gilt, dann gehen sie meist auf Initiativen der Banken selber zurück. So haben alle führenden Finanzhäuser ihre Eigenkapitalbasis deutlich ausgebaut und sich besser für kommende Erschütterungen abgesichert. Auch die Debatte um ein echt erfolgsabhängiges Lohn- und Bonusmodell wird eher von den Banken als von der Politik vorangetrieben. So räumte Lloyd Blankfein, Chef von Goldman Sachs, diese Woche ein, dass die allgemeine Empörung über die Lohnexzesse «verständlich und angemessen» sei. Mehrjährige Bonusgarantien müssen gemäss Blankfein «völlig untersagt werden». Was er jedoch unerwähnt liess: Goldman Sachs wird dieses Jahr wohl mehr Boni ausschütten als je. Dazu ist die Bank nur in der Lage, weil sie völlig freie Hand hatte, im Eigenhandel rekordhohe Profite einzufahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2009, 09:24 Uhr

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1 Kommentar

erich rothenbühler

16.09.2009, 07:34 Uhr
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Mein Lohn wird auf ein Bankkonto einbezahlt, gespart wird aber auf der Post. Sparzinsen von weniger als einem Prozent sind ein Witz, wobei "Witz" noch untertrieben ist. Ich traue den Banken nicht. Ich brauche das Bankkonto, weil ichregelmässig Zahlungen nach Asien tätige.Mit der Post dauerd dies leider zu lange. Antworten



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