Wirtschaft
Die Provokation in Person
Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 15.07.2011 16 Kommentare
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Zwei Finger sind es, die Josef Ackermann definitiv zum Buhmann der Nation gemacht haben. Die zwei Finger, die der Chef der Deutschen Bank zum Victory-Zeichen in die Luft streckte, untermalt mit einem breiten Lachen. Eigentlich hatten sie Demut von ihm erwartet, damals im Jahr 2004, als er im aufsehenerregenden Mannesmann-Prozess vor Gericht stand. Untreue wurde ihm und anderen Topmanagern vorgeworfen, Millionen hätten sie geschachert. Das Übliche halt, was diese Herren so treiben, wie man meint.
Doch Ackermann pfiff auf die allgemeine Empörung. Er sagte auch noch: «Dies ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Erfolg haben und Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden.» Das war ein starkes Stück – und es war ein erster Höhepunkt des Dauer-Missverständnisses zwischen dem Banker und dem Land, dessen grösste Bank er führt.Kern dieses Konflikts sind grosse Fragen, grosse Werte. Es geht um Moral, um Gerechtigkeit – und um Geld. Ackermann ist ein Banker schweizerischer, aber auch angelsächsischer Prägung. Er will Geld verdienen; und zwar möglichst viel. «Gewinn ist nicht alles, aber ohne Gewinn ist alles nichts», sagt er. Schon als Kind im sankt-gallischen Mels lernte er, dass Geld nicht stinkt. Ackermanns Vater, Dorfarzt von Beruf, war ein «Börseler», wie man damals sagte, einer der ersten in der helvetischen Provinz. Am Familientisch erzählte er, welche Investitionen sich gelohnt hätten und welche nicht. Unter dem Strich vermehrte sich das Vermögen, denn Vater Ackermann setzte meist auf solide Aktien. Der kleine «Seppi» schaute gebannt zu.
Ein Typ für die Oper
Als er später bei der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) einstieg, machte er es dem Vater nach, wurde Mitglied der Generaldirektion, später Präsident. 1996 ging er, im Streit. Doch da hatte der damalige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper schon ein Auge auf ihn geworfen. Locker wirkte dieser Schweizer, kompetent, offen. Kopper holte Ackermann nach Frankfurt, dieser erklomm 2002 den höchsten Posten, den die dortige Finanzindustrie zu bieten hat. Inzwischen verdient Ackermann Millionen (8,99 Millionen waren es 2010). Für dieses Jahr peilt er mit der Deutschen Bank einen Rekordgewinn an: Unter dem Strich sollen es 10 Milliarden Euro sein.
Nicht dass sich Ackermann nur für Geld interessierte. Mit seiner Frau Pirkko, einer gebürtigen Finnin, besucht er regelmässig die Oper. Er soll auch ein passabler Sänger und guter Pianist sein. Doch diese schöngeistigen Seiten verhindern nicht, dass die Figur Ackermanns seit Jahren kollidiert mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl in seinem Gastland. Reich zu sein, hat für viele Deutsche etwas Anstössiges (zumindest reicher zu sein, als man selber ist). Der Erfolgreiche ist nicht der Held, ihm wird nicht nachgeeifert, er wird viel eher argwöhnisch beobachtet. Auch Deutsche selber beklagen die ausgeprägte Neidkultur in ihrem Land. Strahlemann Ackermann wirkt da wie eine personifizierte Provokation. Inzwischen ist sein Name sogar ein stehender Begriff, gebraucht in Zeitungsartikeln, Parlamentsdebatten und an Stammtischen. «Die Ackermänner» – das sind die Gierigsten der Gierigen, das sind die, für die nur das Geld zählt und sonst nichts.
Gerechtigkeit statt Geld
Wie eigensinnig der politische Diskurs in Deutschland ist, erhellt auch folgende Geschichte: Vor einiger Zeit trafen sich Schweizer Bankenvertreter mit Bundestagsabgeordneten, um diesen die sogenannte Abgeltungssteuer schmackhaft zu machen. Die Banken sollten einen Teil der bei ihnen geparkten Schwarzgelder an den deutschen Fiskus überweisen, die Steuersünder im Gegenzug Straffreiheit erhalten. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) könnte so einen Milliarden-Zustupf verbuchen. «Ein Modell, das nur Gewinner kennt», freuen sich die Banker. Bei den deutschen Parlamentariern jedoch stiess die Idee auf grösste Skepsis. «Wir wollen kein Geld», sagte eine Abgeordnete, «wir wollen Gerechtigkeit.»
Im Fall von Ackermann kommt hinzu, dass der Chefposten der Deutschen Bank traditionell eine politische Komponente hat. Sein Inhaber war stets ein wenig das Gesicht der deutschen Wirtschaft. Als Ackermann in Frankfurt antrat, hielt die Bank noch erkleckliche Anteile an diversen einheimischen Konzernen. Sie hatte damit Verantwortung für den Werkplatz, sie war die Spinne im Netz der Deutschland AG, ihr Chef nicht nur der mächtigste Banker des Landes, sondern auch einer der wichtigsten Wirtschaftspolitiker. Manche sagen, Ackermann sei sich dessen nie ganz bewusst gewesen. Er habe gedacht, er sei Banker, dabei hätte er auf sein Image schauen müssen wie ein Volksvertreter. So erklärt sich auch die Sache mit dem Victory-Zeichen am Mannesmann-Prozess. Als er und die Mitangeklagten dann auch noch erreichten, dass das Verfahren gegen eine sogenannte Geldauflage in der Höhe von 5,8 Millionen Euro eingestellt wurde, verfestigte sich das Bild des kaltschnäuzigen Kapitalisten. Übel nahm man ihm auch, als er 2005 fast in einem Atemzug Rekordgewinne und Massenentlassungen verkündete. Bis heute arbeiten sich Sozialdemokraten und Grüne regelmässig und gerne an ihm ab.
Angela Merkels Sinneswandel
Etwas anders gestaltete sich die Beziehung zur Kanzlerin. Angela Merkel freundete sich mit Ackermann an, als sie noch in der Opposition sass. Sie sei von seiner «persönlichen Integrität» überzeugt, kommentierte sie den Mannesmann-Prozess, und stellte sich damals gegen die herrschenden Anti-Ackermann-Reflexe.
Später wurde er zu einem wichtigen Berater der Regierungschefin. Es schien, dass der Schweizer endlich in der deutschen Polit-Realität angekommen war. Im Februar 2008 feierte er seinen Geburtstag gar im Kanzleramt – auf Einladung der Hausherrin. Als wenige Monate später die Finanzkrise losbrach, war Ackermann der erste Ansprechpartner für die Politik, er entwickelte das Konzept zur Rettung klammer Banken mit. Doch die Idylle sollte nicht ewig dauern. Seine Bank werde kein Staatsgeld annehmen, erklärte Ackermann weniger später. Er würde sich «schämen», dies zu tun.
«Wie in einer schlechten Ehe»
Die Kanzlerin fühlte sich angegriffen, hintergangen. Warum distanziert sich der Banker von einem Rettungspaket, das er selber erfunden hat? Weitere Konflikte folgten, bald war die Beziehung der beiden zerrüttet «wie in einer schlechten Ehe», wie die «Süddeutsche Zeitung» schrieb. Auch die öffentliche Wut auf Ackermann erreichte damals neue Höhen, zumal er in ungebrochenem Optimismus an einem Renditenziel von 25 Prozent für die Deutsche Bank (DBN 29.39 1.07%) festhielt – und damit gleichsam den Beweis zu liefern schien für die Unbelehrbarkeit der Exzess-Banker.
An einem Abendessen mit einer Reporterin des «Sterns» sprach Ackermann offen über Drohbriefe und Morddrohungen, die er erhalte. Vor der Tür seiner Frankfurter Villa standen Bodyguards. Im Internet trällerte ein Liedermacher: «Hörst du mich Josef Ackermann, einer muss als Erster sterben, du bietest dich da an.» Jetzt, rund drei Jahre später, schickt sich Ackermann an zu gehen. Zwar läuft sein Vertrag nach bis 2013, es gilt aber als unwahrscheinlich, dass der Banker bis dann bleibt. Bereits seit Monaten läuft ein Ringen um seine Nachfolge. In den letzten Tagen verdichteten sich die Anzeichen, dass eine Doppelspitze das Bankhaus übernehmen soll.
Braucht es nun zwei für einen?
Der Inder Anshu Jain, bisher Chef der Investment-Abteilung in London, gilt als gesetzt. Der 48-Jährige hat aber ein Problem: Noch viel weniger als Ackermann kennt er die deutsche Seele und ihre Befindlichkeiten. Der Absolvent einer US-Universität ist sich gewöhnt, mit Milliarden zu jonglieren, Kollegen loben sein unübertreffbares Gespür fürs grosse Geschäft an der Börse. Intern trägt er den Spitznamen «Regenmacher».
Doch den Deutsche-Bank-Alltag auf dem Heimmarkt, wo Mittelständler einen Kredit wollen, Kunden einen Termin beim Berater und das Wirtschaftsministerium eine Auskunft, den kennt er nicht. Deswegen soll Jain ein bodenständiger, einheimischer Banker zur Seite gestellt werden.Ackermann sähe gerne den Schweizer Hugo Bänziger auf dem Posten, einen seiner Leute, bisher Risikovorstand der Deutschen Bank. Aufsichtsratschef Clemens Börsig jedoch, ein ewiger Rivale Ackermanns, der vor vielen Jahren unter dem Schweizer als Finanzchef arbeitete, besteht auf Jürgen Fitschen (62), dem Deutschland-Chef der Deutschen Bank. Der Niedersachse ist eng mit der Politik verwoben, er bringt all das mit, was Anshu Jain fehlt. Das Duo Jain/Fitschen wäre eine Niederlage für Ackermann, eine Niederlage in seinem letzten Gefecht. Angeblich soll er sich dafür interessiert haben, in den Aufsichtsrat nachzurücken, was in der Schweiz etwa dem Verwaltungsrat entspricht. Doch Rivale Börsig wird das vermutlich nicht zulassen. Ackermann wird sich dann wohl von der Deutschen Bank verabschieden müssen und damit auch von seinem Gastland. Und trotz aller Konflikte, die es gab zwischen dem Banker und den Deutschen, werden einige nun doch noch wehmütig. In der Hauptstadt Berlin hört man, manchen Vertretern der Bundesregierung wäre es lieber, Ackermann würde noch bleiben – vor allem jetzt, mitten in der Euro-Krise. Bei ihm wisse man wenigstens, woran man sei. Bei der Deutschen Bank wird versichert, der Abschied von Ackermann müsse so verlaufen, dass dieser als Person nicht beschädigt werde. Immerhin habe er das Finanzhaus anständig durch die Krise gebracht, habe manchen Rekordgewinn erwirtschaftet.
Kompliment für die Leistung
Selbst die Öffentlichkeit würdigt die Leistung des Schweizers, wenn auch eher verhalten. Einer aktuellen Umfrage zufolge schätzen 57 Prozent der Deutschen seine Manager-Leistung als gut oder sehr gut ein.
Sympathisch freilich findet ihn weiterhin nur eine Minderheit von 30 Prozent. Typisch: Als die «Bild» kürzlich fragte: «Deutsche-Bank-Krimi: Was wird aus Josef Ackermann?», antwortete ein Leser im Online-Forum: «Was aus dem wird? Die Frage ist überflüssig, der braucht nichts mehr zu werden, der hat seinen Säckel doch längst voll.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.07.2011, 20:17 Uhr
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16 Kommentare
Wenn man den Schweizer Ackermann als deutschen Finanzmanager beurteilen muss, dann ist seine Note wesentlich höher als die derer rund um ihn herum. Offensichtlich taugen schweizer Werte einiges.
Wenn man den Erfolg des Staates Schweiz mit demjenigen derer rundherum vergleicht, dann zeigt sich ähnliches.
Wenn man noch bedenkt, dass jährlich 30.000 Deutsche Richtung Schweiz verschwinden, dann.....
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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