Wirtschaft
Die SBB sollen sich bessern – oder zahlen
Von Michael Rockenbach. Aktualisiert am 18.01.2010 34 Kommentare
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Schon an seinem ersten Arbeitstag als Baselbieter Baudirektor erging es Jörg Krähenbühl (SVP) nicht besser als vielen anderen Pendlern: Er kam zu spät ins Büro, weil seine S-Bahn nicht rechtzeitig abgefahren war. Im Gegensatz zu vielen anderen unzufriedenen Passagieren kann Krähenbühl aber gegen die lästige Warterei auf dem Perron etwas unternehmen. So sprach er in seiner ersten Amtszeit bald davon, dass die SBB auch in der Region Basel für Verspätungen büssen sollen. Gleichzeitig stellte er ihnen eine Belohnung für Pünktlichkeit in Aussicht. Damals fehlte die rechtliche Grundlage für Bonus-Malus-Systeme aber noch, wie sich die Baselbieter Baudirektion im Frühjahr 2009 von den SBB belehren lassen musste. Das hat sich nun geändert.
Im vergangenen November erliess der Bundesrat – weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit – die Verordnung über die Abgeltung des regionalen Personenverkehrs, die seit Anfang Jahr in der ganzen Schweiz die Einführung von Bonus-Malus-Systemen ermöglicht. Nun will die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) zusammen mit den Basler Verkehrsbehörden ein entsprechendes Modell erarbeiten, das sie dem Bund und den SBB vorschlagen können. «Dabei müssen wir das Rad nicht neu erfinden», sagt Markus Meisinger, Leiter Öffentlicher Verkehr in der BUD, «wir können uns nach dem Vorbild von Zürich richten.» Dort wird das Bonus-Malus-System in einem zeitlich befristeten Pilotprojekt seit 2006 getestet – mit Erfolg für den Leistungsbezüger, den Zürcher Verkehrsverbund. Im ersten Jahr mussten die SBB einen Malus von 1,75 Millionen Franken zahlen. Seither achten sie nicht nur deutlich besser auf Pünktlichkeit, sondern auch auf Sauberkeit und eine gute Information der Bahnkunden, zwei weitere Kriterien, die ebenfalls beurteilt werden. So ging der Malus schon 2007 fast auf null zurück (vgl. Text nebenan).
Landesweite Lösung
Trotzdem scheint das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Schweizer Verkehrsbetriebe noch nicht besonders gross zu sein. In der neuen Verordnung hielt der Bundesrat unter Artikel 26, Absatz 2, jedenfalls vorsorglich fest, dass der Malus die Unternehmen «in ihrem Bestand» nicht «gefährden» dürfe.
Ausgehandelt wird der Kostenschlüssel nun unter den Kantonen und Verkehrsbetrieben. Die Federführung liegt beim Bundesamt für Verkehr (BAV), das eine möglichst einheitliche Lösung für die ganze Schweiz anstrebt. Im Idealfall sollte diese nicht nur für die SBB, sondern auch für Bus- und Tramunternehmen gelten, wie BAV-Sprecher Gregor Saladin sagt. Ein ehrgeiziges Ziel. Denn die Voraussetzungen sind je nach Region stark unterschiedlich. Saladin: «Mit einer viel benutzten S-Bahn ist es sehr viel schwieriger, Anforderungen wie Pünktlichkeit oder Sauberkeit einzuhalten, als mit einem Postauto in einem Randgebiet.»
Daneben könnten sich noch ganz andere Schwierigkeiten ergeben. Das Bonus-Malus-System kann sich nämlich auch negativ auswirken: Wenn zum Beispiel die letzte S-Bahn einen leicht verspäteten Zug nicht mehr abwartet und die Umsteigewilligen in der Nacht stehen lässt, nur um die Statistik nicht zu verschlechtern. Erkannt wurde dieses Problem auch in der Basler Baudirektion. «Nur die Minuten zu zählen, kann bei der Berechnung des Bonus oder des Malus nicht die Lösung sein», sagt Meisinger. Nötig seien auch Kundenbefragungen: «Schliesslich geht es um die Zufriedenheit der Passagiere.»
Wann ist ein Bahnhof sauber?
Bei einem Bonus-Malus-System sollen die Verkehrsmittel sowie die Stationen möglichst umfassend beurteilt werden; neben der Pünktlichkeit spielen Sauberkeit und die Information der Kunden eine wichtige Rolle: Das klingt zwar gut, ist aber schwierig zu realisieren. Denn jeder Passagier hat ein anderes Verständnis von diesen Begriffen.
Dieses Problem versuchen die SBB nun mit einer «breiten Marktforschung» zu lösen, wie SBB-Sprecher Daniel Pallecchi sagt. Die Erhebung soll zeigen, was der durchschnittliche Kunde unter Sauberkeit und Ordnung versteht und wie stark ihn Spuren von Vandalismus stören. Testkunden sollen die «Aufenthaltsqualität» in den einzelnen Linien und Bahnhöfen beurteilen.
Die Güte der Kundeninformation wiederum wird bis jetzt beim Bonus-Malus-Pilotprojekt in Zürich mit Kundenbefragungen erhoben. Über die Pünktlichkeit führen die SBB eine eigene Statistik. Für das vergangene Jahr hat diese einen positiven Wert ergeben: 88 Prozent der Bahnkunden sind 2009 pünktlich gereist, wie die SBB mitteilten. 2008 waren es 85,4 Prozent. Pünktlich heisst in diesem Fall weniger als drei Minuten Verspätung. In Zürich gibts einen Bonus, wenn mehr als 95 Prozent der S-Bahnen in Hauptverkehrszeiten Richtung Zentrum weniger als sechs Minuten Verspätung haben. (Basler Zeitung)
Erstellt: 18.01.2010, 16:15 Uhr
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