Wirtschaft

Schweizer Banken drohen Millionenverluste

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 12.04.2010

Die Luzerner Privatbank sollte letztes Jahr 100 Millionen Kredit für eine Maschinenfirma beschaffen, gegen die nun die Bundesanwaltschaft ermittelt. Jetzt drohen auch zwei Schweizer Banken Millionenverluste.

Passt schlecht zum konservativen Image: Eine Tochtergesellschaft der Privatbank Reichmuth hat in höchsten Tönen Gesellschaften gelobt, gegen die unter anderem wegen Betrug ermittelt wird.

Passt schlecht zum konservativen Image: Eine Tochtergesellschaft der Privatbank Reichmuth hat in höchsten Tönen Gesellschaften gelobt, gegen die unter anderem wegen Betrug ermittelt wird.
Bild: Keystone

Stellungnahme: Privatbank Reichmuth, Luzern

«Reichmuth & Co. Corporate Finance GmbH in Düsseldorf hat keinerlei Kredite für Blue Steel oder Fera beschafft oder vermittelt. Fakt ist, dass sie im Rahmen eines Beratungsmandats ein branchenübliches Factbook für die Erstabklärung von Interessenten erstellte. Darin wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass die enthaltenen Informationen ungeprüft sind und keine ausreichende Basis für Kreditentscheide darstellen. Anschliessend hat Reichmuth & Co. Corporate Finance das Projekt sistiert, weil Blue Steel wesentliche Unterlagen nicht beibrachte. Aufgrund der Tätigkeit von Reichmuth & Co. Corporate Finance ist niemand zu Schaden gekommen.»

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Der grösste Schweizer Wirtschaftskrimi seit Jahren – der Betrugsfall rund um die Luzerner Firmen Fera und Blue Steel Holding – weitet sich aus. Neben der Zürcher Tochter der Norddeutschen Landesbank, die bis zu 200 Millionen Franken abschreiben muss, drohen weiteren Banken Millionenverluste.

So beziffert die Schweizer Tochter der CIC Bank in Basel ihren Schaden in einer Strafanzeige auf 6,6 Millionen Franken. Und die Regionalbankengruppe Valiant wartet auf 15 Millionen Franken Kredit, die sie den Luzerner Firmen gegeben hat. Ob je Geld zurückfliesst, ist unklar. Valiant hat «die Forderung im 2009 vollständig wertberichtigt», bestätigt Valiant-Chef Michael Hobmeier auf Anfrage.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen die Verantwortlichen von Fera und Blue Steel wegen Verdacht auf Betrug, Urkundenfälschung und Geldwäscherei. Die Hauptverdächtige sitzt immer noch in Untersuchungshaft.

Superaussichten trotz Krise

Eine eigenartige Rolle spielt die Luzerner Privatbank Reichmuth & Co. in diesem Fall. Wobei klarzustellen ist, dass ihr nichts Strafwürdiges vorzuwerfen ist, sondern ein Gebaren, das so gar nicht zum Image der konservativen Privatbankiers passt. Eine Tochterfirma von Reichmuth übernahm vor gut einem Jahr den Auftrag, für Fera und Blue Steel Kreditlinien über insgesamt 100 Millionen zu arrangieren. Diese Mittel sollten Fera – einer Tochter von Blue Steel – helfen, bestehende und neue Verkäufe von Schmiedemaschinen zu finanzieren.

Die Reichmuth-Tochter erstellte ein sogenanntes Factbook über die Geschäftsaussichten der Blue-Steel-Gruppe, das sie interessierten Banken präsentierte. Darin wird Blue Steel als «der marktführende Anbieter» revidierter und modernisierter gebrauchter Schmiedepressen weltweit dargestellt. Die Umsätze von 2009 seien zu 95 Prozent gesichert, auch die Folgejahre seien zu respektablen Anteilen mit Aufträgen hinterlegt. Noch nie in der Firmengeschichte seien Aufträge ausgefallen oder storniert worden. Solche Aussagen erstaunen, dies um so mehr im Frühjahr 2009 – mitten in der grössten Krise seit Jahrzehnten, als das Geschäft mit Investitionsgütern brutal einbrach.

Warnsignale übersehen

Die Lektüre des Factbook legte nahe, dass die Luzerner Maschinenhändler zum grossen Sprung ansetzten, wollten sie doch bestehende Kreditlimiten von rund 20 auf 100 Millionen Franken erhöhen – eine Verfünffachung des Kreditvolumens, und das mitten in einer Krise, deren Ausmass damals noch nicht abschätzbar war. Dies zu einer Zeit, in der im Maschinengeschäft Bestellungen am Laufmeter storniert oder zumindest aufgeschoben wurden. Dass Reichmuths Spezialisten für Unternehmensfinanzierung bei so vielen Ungereimtheiten nicht sofort misstrauisch wurden und das Mandat umgehend zurückgaben, stimmt nachdenklich. Dabei hatten die Maschinenhändler schon damals kaum noch echte Geschäftstätigkeit, sie hatten sich längst auf fingierte Verträge verlegt. Allein die Zürcher Bank der NordLB beklagt, Fera und Blue Steel hätten sie mit insgesamt 39 Scheingeschäften geschädigt.

Die Hauptschuld an der Misere tragen wohl die Banker selbst. Sie sprachen Millionen, obwohl detaillierte Kaufverträge, Frachtpapiere, Zollquittungen oder Transportbelege fehlten. Allerdings werden auch Vorwürfe gegen die Privatbank Reichmuth laut. Natürlich sei man nicht glücklich, dass der Name Reichmuth in diesem Fall auftaucht, sagt dazu die Bank. Zu Schaden sei wegen ihnen aber niemand gekommen, betonen die Privatbankiers in einer Erklärung. Das Factbook sei bloss ein Mittel gewesen, um das Interesse von Banken auszuloten, eine Basis für einen Kreditentscheid sei es nicht. Im Factbook selbst tönt das differenzierter: Es sollte nicht «die alleinige Basis für eine Kreditentscheidung darstellen», schrieb die Bank im üblichen Kleingedruckten.

Das Papier von Reichmuth habe sehr wohl eine Rolle gespielt, heisst es dagegen in der Anzeige, die Valiant gegen die Verantwortlichen von Fera und Blue Steel erstattet hat: «Wesentlich für die Glaubwürdigkeit der (von Fera und Blue Steel) gemachten Aussagen war in diesem Zusammenhang ein 77 Seiten umfassendes Factbook der Reichmuth & Cie.», steht dort. Es äussere sich sehr detailliert, «optimistisch, wenn nicht gar euphorisch, bezogen auf die Geschäftsentwicklung» der beiden Firmen.

Nebengeschäft mit Folgen

Im Nachhinein stelle sich die Frage, «aus welchen Quellen das Factbook gespeist wurde, da sich die darin gemachten Aussagen heute als offensichtlich unwahr darstellen», schreibt Valiant in der Strafanzeige. Valiant fiel auf die Betrüger aber auch darum rein, weil die Bank eine langjährige Geschäftsbeziehung zu Fera und Blue Steel hatte, die bis kurz vor Schluss problemlos verlief. Auch privat waren die Hauptverdächtige und ihr Lebenspartner, der Inhaber der Firmengruppe, Kunden bei Valiant. Die Vermögenswerte seien aber grösstenteils abgezogen worden, so die Bank.

Übrigens: Reichmuth kam mit Fera und Blue Steel via Vermögensverwaltung ins Geschäft. Weil es aber offenbar kein Geld zu verwalten gab, die Firmen vielmehr Geld suchten, verwies man sie an die Tochterfirma für Unternehmensfinanzierung. Diesem Nebengeschäft hat es die Bank zu verdanken, dass ihr Name in der Affäre auftaucht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2010, 23:22 Uhr

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