Wirtschaft
«Ein historischer Moment»
Aktualisiert am 27.01.2012 20 Kommentare
Der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Raiffeisen, Pierin Vincenz, erklärt, warum er trotz Zeitdruck nicht die Katz im Sack kauft und weshalb er keine Verstrickungen mit den US-Steuerbehörden befürchtet. (Video: Keystone )
«70 Prozent unserer Kunden leben in der Schweiz»: Adrian Künzi, Chef der neu gegründeten Notenstein Privatbank AG. (Bild: Keystone )
Finma bewilligt Aufspaltung
Die Finanzmarktaufsicht Finma hat die Aufspaltung von Wegelin & Co. und die Übernahme des Nicht-US-Geschäfts durch Raiffeisen-Bank bewilligt, wie sie am Freitag mitteilte.
Für allfällige rechtliche und finanzielle Konsequenzen aus dem US- Geschäft seien somit weiterhin die Bank Wegelin und die darin verbleibenden, unbeschränkt haftenden Teilhaber verantwortlich. Diese seien an der neuen Bank, der Notenstein Privatbank, in keiner Weise beteiligt, schreibt die Finma weiter.
Durch diese Massnahmen würden die Risiken, die sich durch die Untersuchungen der US-Justiz gegen die Bank Wegelin ergeben, angemessen berücksichtigt. Die neu gegründete Notenstein Privatbank wird geleitet von Adrian Künzi, als Verwaltungsratspräsident amtiert Pierin Vincenz, der Geschäftsleitungsvorsitzende von Raiffeisen. (sda)
Drittgrösste Bankengruppe
Raiffeisen zählt 3,5 Millionen Kunden. Davon sind 1,7 Millionen Genossenschafter und somit Mitbesitzer der Raiffeisenbank. Zur Raiffeisen Gruppe gehören 328 genossenschaftlich organisierte Raiffeisenbanken mit 1106
Bankstellen. Die rechtlich autonomen Raiffeisenbanken sind in der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft zusammengeschlossen. Diese hat die strategische Führungsfunktion der gesamten Raiffeisen Gruppe inne. Die Raiffeisen Gruppe verwaltete per 30.06.2011 Kundenvermögen in der Höhe von 144 Milliarden Franken und Kundenausleihungen von 132 Milliarden Franken. Der Marktanteil im Hypothekargeschäft beträgt gegen 16 Prozent, im Sparbereich knapp 20 Prozent. Die Bilanzsumme beläuft sich auf 152 Milliarden Franken.
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Wegelin & Co, die älteste Privatbank der Schweiz, zerbricht am Steuerstreit mit den USA. Raiffeisen übernimmt per sofort das Nicht-US-Geschäft der 1741 gegründeten Bank. Die Notenstein Privatbank dient dabei als Übergangsgefäss, in die das abgetretene Geschäft der Bank Wegelin & Co. übertragen wird.
Mit dieser Übernahme würden 700 Arbeitsplätze in der Schweiz gesichert, teilte Raiffeisen mit. Die Bank Wegelin & Co. erklärte ihrerseits, der Schritt sei durch die schwierige und existenzbedrohende Auseinandersetzung mit den US-Behörden notwendig geworden.
US-Geschäft wird nicht übernommen
Die neu gegründete Notenstein Privatbank wird geleitet von Adrian Künzi, als Verwaltungsratspräsident amtiert Pierin Vincenz, der Geschäftsleitungsvorsitzende der Raiffeisen Gruppe. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.
Zum Geschäft der Notenstein Privatbank gehört das klassische Private Banking für Private Anleger und Institutionelle Investoren sowie das Asset Management. Die Notenstein Privatbank AG übernimmt das bisherige Geschäft der Bank Wegelin & Co. Ausser das US-Geschäft wird weiterhin von der Wegelin Bank betreut. Allerdings hat die St. Galler Bank ihre US-Geschäftstätigkeiten bereits seit einiger Zeit auf Eis gelegt. Sie schlägt sich jedoch weiterhin mit einer Anfang Januar gegen drei ihrer Mitarbeiter eingegangenen Klage der US-Steuerbehörden herum.
Die New Yorker Staatsanwaltschaft wirft den Wegelin-Bankern vor, in den Jahren 2005 bis 2010 US-Steuerzahlern dabei geholfen zu haben, Gelder in der Höhe von 1,2 Milliarden Dollar vor den US- Steuerbehörden zu verstecken. Dazu seien Scheinfirmen in Liechtenstein, Panama und Hong Kong eingerichtet worden.
Bis auf weiteres beurlaubt
In Zusammenhang mit dieser Angelegenheit wurde eben erst diesen Montag Christian Hafner, ein Teilhaber von Wegelin, bis auf weiteres beurlaubt. Die Wegelin-Führung hatte zur Begründung mitgeteilt, sie brauche derzeit eine «höchstmögliche Objektivität, um sämtliche für die Zukunft der Bank offenstehenden Handlungsvarianten zu evaluieren».
Am Freitag nun haben sich diese Handlungsvarianten konkretisiert. Der geschäftsführende Teilhaber der Bank Wegelin, Konrad Hummler, liess per Medienmitteilung verlauten, die ungeheuer schwierige und existenzbedrohende Lage, in welche die Bank durch die rechtliche Auseinandersetzung mit den US-Behörden gebracht worden sei, zwinge die Bank-Führung gemeinsam mit allen unbeschränkt haftenden Teilhabern zum Verkauf des Nicht-US-Geschäfts an Raiffeisen.
«Die Quote noch ausreichend»
Mit dem Deal erwirbt Raiffeisen ein Kundenvermögen von 21 Milliarden Franken. Dementsprechend wird die Genossenschaftsbank auch ihr Eigenkapital anpassen müssen. «Kurzfristig ist die Quote noch ausreichend», sagt Raiffeisen-Sprecher Franz Würth zu baz.ch/Newsnet, «mittelfristig werden wir das neu berechnen müssen».
Wie bestehende Raiffeisenkunden vom eingekauften Portfolio und den zusätzlichen Dienstleistungen künftig profitieren können, wird von Raiffeisen derzeit geprüft. «Mögliche Synergien zwischen der Privatbank Notenstein und Raiffeisen loten wir aus.» Der Einstieg für bestehende Raiffeisen- und Neukunden in die neue Privatkundensparte der Raiffeisen-Gruppe soll ab einer halben Million Franken möglich sein.
«Ein historischer Moment»
Die Übernahme eines Grossteils der Privatbank Wegelin & Co. sei ein «historischer Moment», sagte der Chef der neu gegründeten Notenstein Privatbank AG, Adrian Künzi, vor den Medien. Künzi legte ein klares Bekenntnis zum Standort Schweiz ab.
Es handle sich um die Geburtsstunde einer neuen Bank, die mit 700 Mitarbeitenden für Schweizer Verhältnisse über eine beträchtliche Grösse verfüge, sagte Künzi. Alle Mitarbeitenden, darunter viele junge Fachkräfte, werden laut Künzi weiter beschäftigt.
Bemerkenswert für eine Bank dieser Grösse sei, dass man über keine Standorte im Ausland verfüge. Im Zentrum der Tätigkeiten werde das Schweizer Geschäft stehen. «70 Prozent unserer Kunden leben in der Schweiz», sagte Künzi. Diese sollen an 13 Standorten betreut werden.
Wichtiger strategischer Schritt
Die 21 Milliarden Franken Vermögen der Nicht-US-Kunden der Bank Wegelin & Co. sollen am kommenden Wochenende transferiert werden, sagte Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, Damit sei die Bank Notenstein für den Start des operativen Betriebs am kommenden Montag gerüstet.
Vincenz betonte, dass die Übernahme der Notenstein Privatbank für die Raiffeisen Gruppe ein wichtiger strategischer Schritt sei. Damit könne die Raiffeisen insbesondere ihre Kompetenz im Bereich Vermögensverwaltung stärken.
Bundesräte zugeknöpft
Das Ende der Privatbank Wegelin & Co wegen des Steuerstreits mit den USA ist von den Bundesräten Widmer-Schlumpf und Schneider-Ammann in einer ersten Reaktion nur reserviert kommentiert worden. «Es handelt sich um einen privatwirtschaftlichen Entscheid zweier Unternehmen, den wir nicht kommentieren», hiess es beim Eidgenössischen Finanzdepartement (EFD) auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.
EFD-Vorsteherin Eveline Widmer-Schlumpf hatte am Vorabend am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos erklärt, sie rechne nach Gesprächen mit US-Finanzminister Timothy Geithner damit, dass der Bankenstreit mit den USA noch dieses Jahr beigelegt werden könne.
Auch Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sieht in der Kapitulation der Bank Wegelin, deren Nicht-US-Geschäft von der Bank Raiffeisen übernommen wird, einen unternehmerischen Schritt. Was die Gründe sind, darüber wolle er nicht spekulieren und auch nicht kommentieren.
Es müsse ein Schritt sein im Interesse der beiden Unternehmen, aber auch im Interesse der Kunden. Er sei sehr zuversichtlich, dass eine Strukturanpassung vonstatten gehe, die Effizienzgewinne, Mehrwert und einen Beitrag zur Entwicklung des Schweiz Bankenplatzes bringe. (ssc/fib/bru/sda)
Erstellt: 27.01.2012, 11:37 Uhr
20 Kommentare
Jetzt hat sich der selbsternannte Saubermann der Schweizer Banken selbst getoppt. Der Verkauf ist der Beweis, dass er sich gewaltig überschätzt hat, indem er sich mit den Amis eingelassen hat und das Sprichwort halt doch stimmt: Wasser predigen und Wein trinken! Der Wein ist ihm allerdings schlecht bekommen. Er hat seinen Nymbus verloren, kann aber noch gross abkassieren, doch der Ruf ist dahin! Antworten
Herr Hummler, Hut ab endlich mal einer der der amerikanischen Regierung Paroli bietet. Schlau eingefädelt. Wegelin ist nichts mehr wert wie sie jetzt ist. Fazit. keine Bussen! Vielleicht wird aus der Konkursmasse der Name zurückgekauft und nachher als Neue Wegelin Bank wiedereröffnet. Wir drücken die Daumen. Antworten
Sie glauben wohl an den Weihnachtsmann. Die amerikanische IRS wird sich keine Deut darum scheren ob die ehemaligen US-Geschaefte aus der Uebernahme ausgeklammert wurden oder nicht. Fuer diese Leute zaehlt einzig, allein der Firmenname. Waere schoen wenn die Amerkaner gleiche Prinzip gegenueber den Opfern von ehemals Union Carbide in Indien angewendet wuerde!
Als ehemalige "Wegelianerin" stimmt mich dies mehr als nur traurig - was unendliche Gier doch immer alles auszulösen vermag ??? Gut, dass dies der damals noch mit grossem Stolz auf seine Bank geprägte Inhaber, Dr. Rehsteiner, dies alles nicht mehr miterleben muss. Antworten
Naja, eine üble Geschichte das ganze. Der Druck der Übermacht wurde lange von Dr. Hummler unterschätzt und, er hat keine Möglichkeit ausgelassen, gegen die US Inc. seine verbalen Geschosse abzufeuern. Trügerisch, sich dann noch in Sicherheit zu glauben und als Dr. Saubermann aufzutreten. Hummler muss das Risiko erkannt haben- es jedoch unzulänglich behandelt. Antworten
Da hat sich doch ein perfektes "Auswegelin"aufgetan: das lukrative Privatkundengeschäft ohne die Amis ausgelagert und Kasse gemacht; der US-Teil wird aufgrund der Klagen später in die Insolvenz geschickt; wirklich geschickt! Ich frage mich allerdings,ob der Schweizer Finanzplatz mit diesem "Buebetrickli" nicht Schaden nimmt. Am WEF wird im Moment viel über Moral gesprochen; CH war da lange führend Antworten
Nur zur Information: Die Wegelin ist eine Kommanditgesellschaft und daher muss es Komplementäre (haften unbeschränkt: z.Bsp.: Konrad Hummler) und Kommanditäre (haften beschränkt). Das heisst Konrad Hummler kann betreffend den Klagen sein ganzes Vermögen verlieren. Daher bitte ich Sie Herr Hoffmann, auf Ihren Zynismus zu verzichten.
Tja, wenns so einfach wäre... Die Teilhaber der Wegelin, bei der die US-Kunden verbleiben, haften unbeschränkt! So einfach in die Insolvenz kann die Wegelin also nicht schicken, wie Sie sich das in ihrer Anti-Banken Ideologie vorstellen...
In Anbetracht "der Möglichkeiten des Hypomarktes" ist sie das bereits!
wegelin und co ist in eine schwierige lage geraten. in den letzten jahren hat wegelinihren kunden zwar zur liquidation ihrer us-papiere ermuntert, hinterher aber die us-lasten der ubs klammheimlich uebernommn. um welcehn preis wohl ? und dr.konrad hummler praesident des fruehern vorortes , und kann nicht mehr nach usa reisen ? wo sind wir eigentlivh hingekommen ? Antworten
Autsch ist mehr Ausdruck für das Sterben der ältesten Privatbank. ;-)










Peter Müller
Chapeau Herr Hummer, kein einfacher Schritt. Mal ein Banker der Verantwortung übernimmt, sich für die Schweizer Kunden einsetzt. Worst Case wird er alles verlieren, sein ganzes Vermögen und seine Existenz. Für Raiffeisen wohl ein Schnäppchen. Wären die CEO's der Grossbanken auch privat unbeschränkt haftend, sich würden (resp. hätten) sich garantiert anders verhalten ! Antworten