Wirtschaft
Einer der schärfsten Kritiker der Grossbanken wechselt die Seiten
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 03.12.2009
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Als «Konglomerat der schlechtesten Praktiken im ganzen Spektrum der Finanzwelt» hat Willem Buiter die US-Grossbank Citigroup bezeichnet. Jetzt wird ausgerechnet der renommierte Wirtschaftsprofessor, der einst auch Mitglied im geldpolitischen Ausschuss der britischen Zentralbank war, Chefökonom der von ihm so derb kritisierten Bank.
Willem Buiter hat sich in der Finanzgemeinde und unter Ökonomen in den letzten Jahren wie wenige einen Namen als ebenso scharfsinniger wie provokativer Verfasser eines Blogs der «Financial Times» gemacht. Unter dem Namen «Maverecon» legte er gnadenlos die Schwächen des Finanzsystems offen.
Jetzt machen Ökonomenblogs und Zeitungen sich einen Sport daraus, die Zitate des «ökonomischen Aussenseiters» (was «Maverecon» bedeutet) über seinen neuen Arbeitgeber und über die Banken generell zusammen zu suchen. Und da kommt einiges zusammen.
«Die lächerlichste Wahl» seit Caligulas Zeiten
Das «Wall Street Journal» etwa verweist auf Bemerkungen Buiters zum einst obersten Citigroup-Chef Win Bischoff, als dieser von der britischen Regierung beauftragt wurde, einen Bericht über die britische Finanzindustrie mitzuverfassen. Buiters schrieb, dies sei «die lächerlichste Wahl seit der römische Kaiser Caligula sein Lieblingspferd zum römischen Konsul ernannte».
Die Onlinezeitung «Huffington Post» zitiert Buiter, der in Anspielung an Darwins «Survival of the fittest» bei den Banken von einem «Survival of the fattest»-Syndrom gesprochen hat. In der Finanzbranche würden nicht die stärksten, sondern die fettesten überleben. Die Citigroup und ihresgleichen hätten sich in «Monster mit perversen Anreizen zu exzessiven Risiken» verwandelt», schrieb Buiter noch Ende Juni. Daher urteilte der künftige Chefökonom der Citigroup über Grossbanken, es gebe für sie keine ökonomische Daseinsberechtigung. Die Argumente ihrer Chefs zermalmte er mit der Bemerkung, dass die Vorteile eines Verbunds vieler Geschäftsbereiche, die für Universalbanken so gerne zur Verteidigung angeführt werden, in Wahrheit nur «Synergien von Interessenskonflikten» seien.
«Wer zu gross ist, um unterzugehen, ist zu gross»
Buiter war sogar dagegen, dass Grossbanken gerettet werden: «Wenn man nicht bezahlen kann, was man schuldet, muss man untergehen, mit allen schmerzlichen Konsequenzen», schrieb er noch im Oktober, «in den alten Tagen hat dazu auch das Schuldengefängnis gehört und die Sklaverei für säumige Schuldner.» Der Titel eines seiner Blogeinträge lautete konsequenterweise: «Wer zu gross ist, um unterzugehen, ist zu gross.»
Der künftige Arbeitgeber von Willem Buiter würde nicht mehr existieren, hätten die Behörden auf Buiter gehört. Die US-Regierung hat die Citigroup – einst die grösste Bank der Welt – mit 45 Milliarden Dollar gerettet und für mehr als 300 Milliarden Garantien für die Bank übernommen. Seither ist die Bank zu einem Drittel in Staatsbesitz. Noch immer gilt sie als eine der am meisten gefährdeten Grossbanken der Welt.
Buiter selbst nimmt in seinem letzten Blogeintrag nicht direkt zu den Widersprüchen seiner neuen Jobwahl Stellung – indirekt hingegen durchaus. Wie eine Entschuldigung für die harten Worte der Vergangenheit tönt es, wenn Buiter erklärt, er habe eben die Möglichkeiten seiner «akademischen Immunität» genutzt, «undiplomatisch und taktlos» zu sein, wie sie in der Welt der Erwachsenen nicht akzeptabel sei. Er hätte seine Anliegen zuweilen auch übertrieben dargestellt, schreibt Buiter.
Was aber hat Buiter motiviert, die Seiten zu wechseln? Die Banken verfügen über eine Waffe, die manche Überzeugungen zum Schweigen bringen können: Geld. Möglicherweise hat die Citigroup davon Gebrauch gemacht. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.12.2009, 16:33 Uhr
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