Frust der Europäer in China

Europäische Unternehmen sind immer schlechter auf den chinesischen Markt zu sprechen. Warum das Geschäft dort so mühsam geworden ist.

Unbegrenzt: So hoch die Türme der Skyline Shanghais, so hoch waren auch die Erwartungen vieler europäischer Unternehmen in den chinesischen Markt.

Unbegrenzt: So hoch die Türme der Skyline Shanghais, so hoch waren auch die Erwartungen vieler europäischer Unternehmen in den chinesischen Markt. Bild: Reuters

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Ernüchterung und Enttäuschung machen sich breit bei europäischen Konzernen, die in China engagiert sind. Die Jahre, in denen sie das Reich der Mitte mit randvollen Auftragsbüchern, schier unbegrenzten Absatzmöglichkeiten und einem billigen Produktionsstandort gleichsetzten, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Die heute veröffentlichte Umfrage der Europäischen Handelskammer in Peking macht diesen herben Stimmungsumschwung deutlich. Nicht weniger als 70 Prozent der befragten Firmen gaben an, sie fühlten sich heute in China weniger willkommen als vor zehn Jahren. Dass es schwieriger geworden sei, in der weltweit zweitgrössten Wirtschaft Geschäfte zu machen, machten 56 Prozent geltend; vor zwei Jahren hatte dieser Anteil noch bei 51 Prozent gelegen.

Wie die Handelskammer, die über 1600 europäische Unternehmen vertritt, in ihrer Analyse festhielt, überwiegt unter den Befragungsteilnehmern die Befürchtung, dass in China «die schlimmste Phase der wirtschaftlichen Abschwächung erst noch folgen wird». Das Land steigerte im ersten Quartal seine Wirtschaftsleistung um 6,7 Prozent – das geringste Plus seit einem Vierteljahrhundert. Fachleute halten diese Zahl indes für weit überhöht und veranschlagen das Wachstum auf nur mehr 5 bis 6 Prozent. Die merklich abgeschwächte Wirtschaftsdynamik ist indes nur einer der Gründe für den aufkeimenden Pessimismus unter den in China tätigen Firmen.

Ungleiche Wettbewerbsspiesse in China

Eher noch schwerer wiegt aus ihrer Sicht, dass die Bereitschaft der chinesischen Führung zu Reformen und vor allem zur Öffnung ihrer Märkte immer noch viel zu wünschen übrig lässt. In der Realität, so beklagte die Europäische Handelskammer, sehe es oft so aus, dass sich Peking «in die entgegengesetzte Richtung bewegt». 57 Prozent der Unternehmen beschwerten sich denn in der Handelskammerumfrage über Benachteiligungen gegenüber chinesischen Mitbewerbern.

Zu ähnlichen Schlüssen war eine im Januar vorgelegte Umfrage der Amerikanischen Handelskammer in China unter ihren Mitgliedern gelangt: 77 Prozent der befragten Firmen sagten, sie fühlten sich heute weniger willkommen als vor einem Jahr, verglichen mit 47 respektive 44 Prozent in den 2015 und 2014 durchgeführten Befragungen. Die deutlich skeptischere Einschätzung beruhte auf dem Eindruck der US-Firmen, in Pekinger Regierungskreisen sei die Stimmung zusehends gegen ausländische Akteure gerichtet.

Diese Debatte um ungleiche Wettbewerbsbedingungen in China zwischen inländischen und internationalen Unternehmen wird derzeit besonders intensiv in Deutschland geführt. Anlass dafür ist der Versuch des chinesischen Midea-Konzerns, den deutschen Roboterbauer Kuka zu übernehmen. Die Regierung in Berlin hat indes deutliche Vorbehalte angemeldet und deutsche respektive europäische Interessenten zu einer Gegenofferte ermutigt. Als Gründe für die eher ungewohnte Intervention gelten einerseits Befürchtungen um einen Technologietransfer nach China in einem als besonders zukunftsträchtig erachteten Industriebereich.

Überkapazitäten belasten die Handelsbeziehungen

Zum anderen spielt aber auch hinein, was der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, so ausdrückt: «Es fehlen oft gleiche Voraussetzungen bei internationalen Übernahmen von chinesischen Firmen.» Selbst hoch verschuldete Staatskonzerne aus China, so Wuttke, kämen bei solchen Deals noch mit Staatsgeldern zum Zuge. Für zunehmende Frustration sorgt bei Europäern, dass die chinesische Regierung ihren Versprechen, chinesische und europäische Firmen gleich zu behandeln, keine Taten folgen lässt. Im Gegenteil: Wie Wuttke gegenüber dem deutschen «Handelsblatt» ausführte, habe man feststellen müssen, «dass ausländische Firmen etwa im IT- oder Pharmasektor regional von Beschaffungslisten gestrichen wurden». Die Betroffenen sind damit von Anschaffungen der öffentlichen Hand ausgeschlossen.

Darüber hinaus sehen europäische Unternehmen ihre Aktivitäten in China insbesondere durch die strikten Kontrollen des Internets, steigende Arbeitskosten, den Mangel an Fachkräften, das unberechenbare rechtliche Umfeld sowie die hohen Überkapazitäten in vielen Industriezweigen beeinträchtigt. Das zögerliche Handeln der Chinesen bei der Schliessung von Produktionsstätten etwa in der Stahl- und Aluminiumindustrie und ihr Versuch, die überschüssige Ware zu Billigpreisen zu exportieren, belasten zunehmend die Handelsbeziehungen mit den USA und der EU. Die Amerikaner haben dieses Thema beim gestern eröffneten zweitägigen strategischen und wirtschaftlichen Dialog mit China, der dieses Jahr in Peking stattfindet, zu einer ihrer wichtigsten Prioritäten erhoben. US-Finanzminister Jack Lew setzte dafür den Rahmen mit seiner Äusserung kurz vor Gesprächsbeginn: «Überkapazitäten haben einen verzerrenden und schädlichen Effekt auf die Weltmärkte.»

Verflogene Euphorie

Dass der Standort China aus europäischer Sicht viel von seinem einstigen Glanz verloren hat, zeigen auch die Investitionsströme. 2015 haben Europas Unternehmen im dortigen Markt noch 9,3 Milliarden Euro investiert, 9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Laut der Handelskammerumfrage will nur mehr knapp die Hälfte der im Riesenreich bereits ansässigen Firmen ihr Engagement ausweiten. In den beiden Vorjahren zeigten sich noch um die 55 Prozent bereit, die chinesischen Aktivitäten zu verstärken, und 2013 hatte dieser Anteil gar 86 Prozent betragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2016, 19:35 Uhr

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