Heilung unerwünscht

Aktualisiert am 20.10.2009

Studenten entdecken ein Medikament gegen Neurodermitis – doch die Pharmakonzerne haben kein Interesse daran, die günstige Tinktur zu produzieren. Die verstörende Geschichte aus dem Pharma-Business wühlt Deutschland auf.

Millionen leiden an Neurodermitis: Ausschnitt aus der Reportage «Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern».

Millionen leiden an Neurodermitis: Ausschnitt aus der Reportage «Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern».
Bild: ARD

Alleine in Deutschland leiden acht Millionen Menschen an den Hautkrankheiten Neurodermitis und Schuppenflechte, in der Schweiz wird die Anzahl Betroffener auf etwa 300'000 geschätzt. Zwar gibt es Medikamente, die den Juckreiz lindern, doch haben diese oft starke Nebenwirkungen – und zu einer Heilung führen sie schon gar nicht. Dabei gäbe es schon seit 20 Jahren ein günstiges Mittel, das die Schmerzen der Patienten sofort und nachhaltig lindern könnte: Der Dokumentarfilm «Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern», der gestern auf ARD gezeigt wurde, erzählt die Leidensgeschichte der beiden deutschen Studenten Karsten Klingelhöller und Thomas Hein, die ein potentes Mittel gegen Neurodermitis und Schuppenflechte entdeckt haben.

Ende der 80er-Jahre proben Klingelhöller und Hein in ihrer Wuppertaler Wohnung an einem Mittel gegen diese Hautkrankheiten, um der Freundin Klingelhöllers, die an Schuppenflechte leidet, Linderung zu verschaffen. Sie mischen Vitamin B12 mit Avocadoöl, woraus eine rosafarbene Creme entsteht. Die Frau testet das Mittel, ihre Haut verheilt nach einigen Tagen – ohne Nebenwirkungen. Darauf prüft ein Dermatologie-Professor das Mittel erfolgreich in einer klinischen Studie. Klingelhöller lässt die Tinktur patentieren, kriegt die Zulassung dafür; ein Wirtschaftsprüfer schätzt den Wert der Rechte auf 936 Millionen Dollar.

Pharma will teurere Produkte verkaufen

Die Creme verspricht, ein Riesenerfolg zu werden. Insgesamt 16 Pharmafirmen stellen die beiden Jungforscher das Mittel vor. Doch überraschenderweise lehnen alle ab. «Regividerm», wie das günstige Produkt heissen sollte, passe nicht ins Konzept, sagen die Pharmamanager. Darauf verkauft Klingelhöller die Patentrechte an seinen Kollegen Rüdiger Weiss. Dieser versucht seitdem, das Produkt zu vermarkten. Sein Fazit: «Man möchte vermeiden, dass ein Medikament, das deutlich preiswerter ist und keine Nebenwirkungen hat, auf den Markt kommt». Die Pharmaindustrie wolle die eigenen, viel teureren Produkte damit nicht gefährden.

Dabei geistert Regividerm seit Jahren durch die Internetforen der betroffenen Patienten, selbst Apotheker sind auf der Suche danach. Klingelhöffer nahm der jahrelange Kampf gegen die Pharmaindustrie derart mit, dass er krank wurde. Er lebt in einer Klinik in der Schweiz. «Geld verdient man mit chronischem Leid», sagt er. (cha)

Erstellt: 20.10.2009, 21:00 Uhr

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