Wirtschaft
Hohe Strompreise gefährden Industrie-Jobs
Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 10.08.2009
So hat Roger Breu sich die Marktöffnung im Schweizer Strommarkt bestimmt nicht vorgestellt. 23 Prozent mehr muss das Stahlwerk Gerlafingen seit Anfang Jahr für den Strom bezahlen. Dies beschert dem Stahlkocher, der rund ein Prozent der ganzen Schweizer Strommenge verbraucht, einen Kostenschub von rund 10 Millionen Franken im 2009. Der massive Aufschlag sei der Hauptgrund dafür, dass Gerlafingen in die roten Zahlen abgerutscht sei, sagt Breu, Leiter Logistik in Gerlafingen.
Gerlafingen hat den Aufschlag bei der Aufsichtsbehörde ElCom angefochten. Und in der ersten Instanz verloren. Gerlafingen bewege sich im freien Markt und könne darum nicht mehr Preise verlangen, die auf den Gestehungskosten der Elektrizitätswerke basierten, beschied die Elcom. Breu prüft nun, ob Gerlafingen den Entscheid vor Bundesverwaltungsgericht anfechten wolle: «Wenn wir nicht mehr mit Strompreisen arbeiten können, die sich an den Gestehungskosten orientieren, bedeutet dies in wenigen Jahren das Ende der Stahlproduktion in der Schweiz.»
Immer noch weit unter EU-Niveau
Industriefirmen, die grosse Mengen Energie benötigen, um Papier, Stahl, Glas, Zement oder Chemie zu produzieren, profitierten vor der Liberalisierung, verglichen mit dem übrigen Europa, von relativ tiefen Strompreisen. Jetzt bekommt Breu vom regionalen Stromversorger dasselbe zu hören wie die Manager anderer Grossverbraucher auch: Ihre Strompreise bewegten sich immer noch weit unter EU-Niveau und müssten in den nächsten Jahren in Etappen an dieses angenähert werden.
Dem Lonza-Werk Visp beschert diese Annäherungstaktik für 2010 Mehrkosten beim Strom von 20 Millionen Franken. Wie hoch der Aufschlag für 2011 sein wird, wird derzeit verhandelt. Dies habe gravierende Auswirkungen auf die Profitabilität des Standortes Visp, sagt ein Lonza-Sprecher. Lonza will darum energieärmere Technologien und Produkte forcieren.
800'000 Tonnen Schrott exportieren?
Stetig steigende Strompreise sind Gift für Grossverbraucher. Im 2007 habe Gerlafingen, das der italienischen Beltrame-Gruppe gehört, 30 Prozent günstigeren Strom gehabt als Schwesterbetriebe der Gruppe, heute bezahle das Schweizer Werk ein Drittel mehr als diese. So gehe es nicht weiter. «Wir sind die Rezyklierer der Nation», sagt Breu: «Wenn wir das nicht mehr machen, müssen jährlich 800'000 Tonnen Stahlschrott ins Ausland transportiert und als Stahlprodukte wieder importiert werden. Ist das sinnvoll?»
Die Politiker müssten sich entscheiden, was ihnen wichtiger sei, sagt Breu: «Die rund 10'000 Arbeitsplätze in energieinten
siven Branchen wie Papier, Zement, Glas, Chemie oder Stahl oder noch höhere Gewinne für die Kantone und Gemeinden.»
Hoffen auf die Richter
Noch hofft Nicolas Mühlemann, der Betriebsleiter der früheren Papierfabrik Biberist, auf verständnisvolle Richter: «Wir wollen wie Gerlafingen und andere Grossverbraucher zurück in die Grundversorgung mit Preisen, die auf den Kosten der Stromerzeuger basieren.» Ob die Richter das auch so sehen, ist sehr unsicher.
Sonja Studer vom Dachverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Swissmem, ist skeptisch. Sie glaubt nicht, dass die regionalen Stromversorger, die in der Schweiz zu über 80 Prozent Kantonen und Gemeinden gehören, von sich aus ein Einsehen haben werden: «Solange im Strommarkt die Verkäufer bestimmen, ändert sich wenig.»
Es braucht eine Gesetzesrevision
Die Manager der Stromfirmen haben wenig Anreiz, mit den Grossverbrauchern nachsichtig zu sein. Denn mit Strom können sie im Ausland viel Geld verdienen: 2,2 Milliarden Franken verdienten sie 2008 mit Stromexporten, viermal so viel wie noch vor ein paar Jahren. Kommt hinzu, dass die meisten Besitzer – vorab die Kantone und Gemeinde – darauf drängen, dass immer mehr Dividenden in ihre Kassen fliessen. «Deshalb brauchts eine Revision des Stromversorgungsgesetzes, um einen funktionierenden Markt zu erreichen», sagt Swissmem-Managerin Studer.
Einen anderen Ausweg skizziert Walter Müller von der Gruppe Grosser Stromkonsumenten (GGS). Wenn es nicht gelinge, die Grösstverbraucher in die günstigere Grundversorgung zurückzubringen, müsse der Bund wenigstens den Weg für eine vernünftige Neuausrichtung ebnen. Den Grossverbrauchern müsse man erlauben, sich wie die Stromversorger selbst im In- und Ausland an Kraftwerken zu beteiligen, damit sie so Strom in grossen Mengen zu Selbstkosten beziehen können. Die Hürde für diese Lösung ist indes hoch: Dazu braucht es eine Änderung des Energiegesetzes. Und dafür eine Mehrheit zu finden, wird sehr schwierig sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.08.2009, 23:02 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



