Wirtschaft

Im Namen der Gleichheit

Von Moritz Koch. Aktualisiert am 25.05.2010 2 Kommentare

Novartis soll in den USA Ex-Mitarbeiterinnen diskriminiert haben. Das könnte den Konzern eine Milliarde Dollar kosten. Viele Firmen kämpfen mit ähnlichen Vorwürfen.

Kassiererinnen der US-Ladenkette Wal Mart haben den grössten Diskriminierungsprozess der US-Geschichte gestartet: Kundin.

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Bild: Keystone

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Mit der Bewerbung fängt es an. Ein Porträtfoto, so wie es in Deutschland erwartet wird, ist in einem amerikanischen Lebenslauf unerwünscht, genau wie Angaben über Alter, Herkunft, Religion und Familienstand. Das Bild, das sich das Personalbüro von einem Bewerber machen kann, bleibt lückenhaft. Und das absichtlich: Die Leerstellen sind Verteidigungslinien, ein Schutzschirm gegen Diskriminierungsklagen.

In kaum einem anderen Land müssen Unternehmen im Alltag so vorsichtig sein wie in den USA. Fallstricke lauern überall. Bei der Einstellung, der Beförderung, der Kündigung, beim Tratsch im Lift oder in der Kaffeepause. Wenn Angestellte oder Bewerber behaupten, aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder einer Behinderung benachteiligt zu werden, geraten selbst Weltkonzerne in die Defensive und müssen mit drakonischen Strafen rechnen.

93 277 Klagen in einem Jahr

Letzte Woche traf es den Pharmakonzern Novartis. (NOVN 49.92 0.89%) Ein New Yorker Gericht verurteilte das Schweizer Unternehmen am Donnerstag wegen der Benachteiligung von Frauen zu einer Strafzahlung von 250 Millionen Dollar. Ausserdem erhalten die zwölf Klägerinnen Schadenersatz in Millionenhöhe. Weitere Urteile könnten folgen. Obwohl der Konzern die Diskriminierungsvorwürfe vehement bestreitet, ist es möglich, dass der Fall Novartis am Ende eine Milliarde Dollar kosten wird. Und das ist nur ein Beispiel von Zehntausenden. 93 277 Klagen wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz gab es in den USA vergangenes Jahr, nur 2008 wurden noch mehr Prozesse geführt. Die Flut der Gerichtsverfahren ist politisch gewollt. Die US-Gleichstellungsbehörde ermutigt Angestellte ausdrücklich, Klagen vorzubringen, wenn sie sich benachteiligt, belästigt, ausgegrenzt oder gemobbt fühlen.

Klagen als Standortrisiko

Die harte Linie gegen Diskriminierung ist eine wichtige Lehre, die die Amerikaner aus der Geschichte der Rassentrennung gezogen haben. Bis heute sind Schwarze in den USA benachteiligt. Sie verdienen im Schnitt deutlich weniger als Weisse und haben es sehr viel schwerer, einen Job zu finden. Daran konnten bisher auch die Antidiskriminierungsvorschriften nichts ändern. Dafür aber schrumpft die Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen rapide. In Grossstädten wie New York verdienen junge Frauen sogar mehr als ihre männlichen Altersgenossen.

Ein Erfolg, der auch dem Einsatz der Justiz zugeschrieben werden kann. Dennoch stellt sich die Frage, ob es die Gerichte mit ihren Versuchen, Gleichbehandlung zu erzwingen, nicht zu weit treiben. Aus Unternehmersicht sind Klagen längst ein Standortrisiko für die USA geworden. Viele Schweizer Unternehmen, gerade aus dem Mittelstand, schreckten daher vor Investitionen in den USA zurück. Auch einheimische Grosskonzerne finden sich häufig auf der Anklagebank wieder. Das spektakulärste Verfahren läuft derzeit gegen den Detailhandelsgiganten Wal-Mart.

Auch Wal-Mart im Visier

Kassiererinnen haben den Konzern verklagt und gaben an, systematischer Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Sie bekämen niedrigere Gehälter und hätten schlechtere Karrierechancen. Da die Klage im Namen aller Frauen bei WalMart zugelassen wurde, ist dieser Fall der grösste Diskriminierungsprozess der US-Geschichte. Für das Unternehmen stehen Milliarden auf dem Spiel.

Firmen suchen Vergleiche

Gerät die Klageflut ausser Kontrolle? Juristen beruhigen: «Das System ist besser als sein Ruf», sagt James McCarney von der New Yorker Kanzlei Howrey. Erst vor ein paar Wochen hat er den Einzelhändler Macy’s erfolgreich gegen die Klage eines schwarzen Angestellten verteidigt, der die Witze einiger Kollegen rassistisch fand und seinem Arbeitgeber vorwarf, nichts dagegen zu unternehmen. McCarney konnte sich auf Grundsatzurteile des Obersten Gerichtshofs berufen. «Der Supreme Court hat klargestellt, dass vereinzelte Geschmacklosigkeiten nicht ausreichen, um daraus eine systematische Diskriminierung zu konstruieren», sagt er. Das habe die Arbeit der Verteidiger in den vergangenen Jahren erheblich erleichtert.

Doch auch McCarney räumt ein, dass das US-Recht missbrauchsanfällig ist: «Was diese Fälle antreibt, ist vor allem die Honorarberechnung der Anwälte.» Viele bieten Klägern an, die Prozesskosten zu übernehmen, fordern im Gegenzug nur, an der Schadensersatzzahlung oder einer aussergerichtlichen Einigung beteiligt zu werden. Eigentlich soll dieses Modell der Chancengleichheit dienen und mittellosen Angestellten eine Klagemöglichkeit eröffnen. In der Praxis führt es jedoch dazu, dass die Hemmschwelle sinkt, ein Verfahren einzuleiten. Selbst haltlose Klagen können rentieren, da Arbeitgeber lieber einen Vergleich anstreben, als in einen jahrelangen Prozess verwickelt zu werden. Das harte Urteil gegen Novartis dürfte die Vergleichsbereitschaft in den USA weiter steigern. Für die Unternehmen ist es das Beste, das Klagerisiko zu minimieren. Das Ergebnis ist eine teure Bürokratie – mit teils grotesken Zügen. Grosse Firmen schicken neue Mitarbeitende in Rechtsseminare, in denen ihnen die feinen Grenzen zwischen Humor, Ironie und Beleidigungen erläutert werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2010, 12:47 Uhr

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2 Kommentare

Sibylle Weiss

25.05.2010, 14:09 Uhr
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Wenn wir schon mal bei der Diskriminierung sind,wo bleibt eigentlich der Abstrafung für Altersdiskriminierung?? Was die Mittel von "mittellosen" Arbeitnehmern angeht,so gibt es,soviel ich weiss eine Rechtsschutzversicherung zumindest in der CH.Vielleicht sollte diese auch in den USA eingeführt werden. Antworten


Sandra Junker

25.05.2010, 21:37 Uhr
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eine frau, die auf ihrer arbeitsstelle diskriminiert wird, hat also einfach eindeutig zuwenig humor..?! es stimmt das man in amerika fast gegen alles klagen kann, und es ist schade, dass sie den fall novartis mit solchen fällen in den gleichen topf werfen. auch in der schweiz werden frauen immer noch diskriminiert, und das tagtäglich. ich befürchte ihnen als man fehlt wohl einfach das verständnis. Antworten



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