Wirtschaft
In den Fängen der «Alpenpiraten»
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 22.02.2010 116 Kommentare
«Ausgerechnet über jene, die der deutschen Allgemeinheit grossen Schaden zufügen, vergiesst die deutsche Presse Krokodilstränen»: baz.ch/Newsnet-Autor Markus Diem Meier.
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Das Deutsche Magazin «Stern» hat sich der Debatte um den Steuerbetrug angenommen. Doch anders als man erwarten könnte, kommen dabei nicht in erster Linie jene schlecht weg, die ihre Landsleute betrügen, sondern vor allem die Schweizer und ihre Banker: «Kein Konto ist mehr sicher, kein Versteck diskret genug», steht in einem sechsseitigen Artikel der neusten Ausgabe. «Viele Deutsche fürchten, als Steuerbetrüger erwischt zu werden.» Wie gemein von den Eidgenossen.
Als Paradefall wird jener Steuerhinterzieher und UBS-Kunde vorgestellt, der es dank einigen Presseartikeln und einem Beitrag in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens bereits zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Ihm hat die UBS laut seinen Aussagen in Zürich eine Wohnung gemietet, um die heimischen Steuerfahnder hinters Licht zu führen. «Ich hatte nie vor, irgendeiner Steuer zu entfliehen. Ich habe nur vertraut» erklärt er im Artikel treuherzig. Dass er durch Spekulationen am Ende viel Geld verloren hat, wird der Bank angelastet. Was, wenn er mit den Finanzspielen noch reicher geworden wäre? Hat er das tatsächlich nie gewollt?
«Jedes Problemli het zwöi Siite»
Nicht nur der Schweizer Dialekt wird im «Stern»-Artikel der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern gleich auch die ganze Mentalität der Eidgenossen. «Jedes Problemli het zwöi Siite», beginnt der Text. Das Wortspiel endet mit der Feststellung: «‹Üsi Siite› ist verdammt oft die ‹fauschi Siite›. «Putzig» sei das Alpenland zwar, doch erscheine es jetzt wie ein «gieriger Ganove». Die Steuerbetrüger werden indessen als rechtschaffene Bürger dargestellt, die von den «Alpenpiraten» in die Falle gelockt wurden. Wörtlich wird da von einer «Einladung zum vorsätzlichen Steuerbetrug» berichtet. Das «Geschäftsmodell» des Alpenlandes sei auf einer «eiskalten Steuerhinterziehungsindustrie» aufgebaut, «die notfalls auch bereit ist, die eigene Kundschaft über die Klinge springen zu lassen».
Was für eine seltsame Verwandlung: Die Täter werden zu Opfern. Ausgerechnet über jene, die der deutschen Allgemeinheit grossen Schaden zufügen, vergiesst die deutsche Presse Krokodilstränen. Nicht, weil ihre Geschichte glaubwürdig ist, als vielmehr darum, weil den Schweizern eins ausgewischt werden kann und erst recht ihren ungeliebten Banken.
Scheinbar alle sind Opfer der Gnomen
Dass man mit den Banken nach der Finanzkrise überall eine Rechnung offen hat, nutzen die Steuerbetrüger überall weidlich aus. Sie brauchen sich nur ebenfalls als Opfer jener verhassten Gnomen von Zürich, Genf und Lugano darzustellen und schon haben sie den Opferbonus, schon sitzen sie scheinbar im gleichen Boot wie jeder arme Stellenlose, dessen Job als Folge der Finanzkrise verloren gegangen ist. Wie das «Stern»-Beispiel zeigt, geht die Rechnung auf.
Die Banken bieten Geschäfte an, die Kunden nachfragen. Dabei haben sie sich bisher oft weder durch Moral noch durch Ethik und zuweilen noch nicht einmal durch Gesetze behindern lassen. Aber ohne Nachfrage gäbe es dieses Angebot nicht. Steuerbetrüger erinnern mit ihrem Verhalten an Freier, die in einem Bordell erwischt werden und behaupten, sie seien eigentlich sexuell desinteressiert, doch die Prostituierten hätten in ihnen unbekannte Gelüste geweckt und sie verführt.
Die wahren Täter
Die Steuerbetrüger sind keine Opfer, sie haben sich nicht passiv verführen lassen. Sie sind die Täter. Sie betrügen nicht irgendeinen heimischen oder fremden Vogt, sie betrügen die Allgemeinheit. Denn die anderen und die ärmeren Ehrlichen müssen die Rechnung bezahlen, um die jene sich drücken. Sie wurden nicht von Bankern oder «putzigen» Eidgenossen verführt: Sie haben die Möglichkeiten gesucht und gefunden, um ihr Verbrechen zu begehen. Ihre Helfershelfer bei den Banken sind keine Heiligen, aber nicht die Hauptverantwortlichen. Sie werden neue Möglichkeiten suchen, wenn sich anderswo welche bieten. Ihnen muss das Handwerk gelegt werden. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.02.2010, 16:53 Uhr
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